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Gregor Hens über Marlon Brandos lange Zeit verschollenen Roman Madame Lai.
Mir fallen auf Anhieb drei Texte ein, in denen männliche Hauptfiguren da-runter leiden, dass sie dazu verdonnert sind, mit Frauennamen durchs Leben zu gehen. Roman, der Antiheld in Robert Menasses Regressionsdrama Schubumkehr, wird von seiner Mutter Romy gerufen (und regt sich wahnsinnig darüber auf). Seine ödipale Verstörung führt ihn nach sieben Jahren Südamerika zunächst in das sozialpartnerschaftlich verfasste Heimatland zurück, schließlich mehr oder weniger direkt in den Schoß seiner Mutter, einer Biobäuerin. Zwar kriecht er nicht wirklich hinein, doch deutet sich eine umgekehrte Sturzgeburt an, als sie ihm bei einer Yogaübung (die Stellung heißt „Pflug“) den breiten, weichen Hintern entgegenreckt. Lass dich fallen, scheint sie zu sagen, Romy, mein Junge, mein Mädchen, lass dich doch einfach hineinplumpsen. Natürlich kommt alles, wie meist in der Literatur, noch viel schlimmer. In Johnny Cashs Ballade „A Boy Named Sue“ ist es der flüchtige Vater, der seinen Jungen per Taufakt mit einem lebenslangen Fluch belegt. Der Junge bleibt bei der Mutter, wird in der Schule gehänselt und durchgeprügelt, er lernt sich zu wehren, wächst auf, gibt sich hart und verschlossen. Irgendwann trifft Sue seinen Vater, setzt ihm, Rache suchend, die Pistole auf die Brust. Der Vater erklärt grinsend, er sei auf den Namen Sue gekommen, weil er ihn früh für die harte, unerbittliche Welt habe stählen wollen. Du kannst mich umlegen, sagt er, du hast ein Recht dazu, aber bedenke: Hätte ich dir den Namen nicht gegeben, wärst du diesem ungerechten Leben niemals gewachsen gewesen. Ich wollte dich schützen. Mir scheint sogar, es ist gelungen. Du lebst. Du bist ein harter Junge. Sue wird nachdenklich, legt die Waffe zur Seite, verzeiht dem alten Mann und umarmt ihn. Der dritte Text in dieser eklektischen Serie ist Madame Lai, ein Piratenroman von Marlon Brando: Südchina in den wilden Zwanzigern – als Kommunisten gegen Nationalisten kämpfen, die Nationalisten wiederum gegen andere, und eigentlich jeder gegen jeden. Als Tschiang Kai-scheck brennend und mordend durch das riesige Land zieht, weil all die anderen Kriegsherren auch nichts anderes tun, und britische Zerstörer vom Jangtse aus die Stadt Tschangtscha beschießen. Mit Kanonen auf Spatzen. Irgendwie muss der Krieg ja weitergehen. Denn alle haben nur Geld, Silber und Opium und Waffen im Kopf. Brauchen immer mehr Opium, immer bessere, schwerere Waffen. Das Monster muss gefüttert werden, das brennende Monster, China, der schnaubende Drache. Mittendrin im Gewühl tuckert auf einem kleinen Handelsschiff ein amerikanischer Kapitän: Annie (Anatole) Doultry. Der Mann mit dem Mädchennamen. Hart, ja gestählt, und dennoch voller Komplexe. Annie landet wegen illegaler Waffengeschäfte im Gefängnis von Hongkong, wettet dort sehr erfolgreich bei Kakerlakenrennen, die in einer Regenrinne veranstaltet werden, und rettet ganz nebenbei, aus einer Laune heraus, einem chinesischen Piraten das Leben. Dann wird er entlassen. Wie es sich gehört für einen oral fixierten Mann, läuft er erst ins Restaurant, dann in den Puff. Der Pirat übrigens ist ganz angetan und bedankt sich, indem er Annie seiner Chefin empfiehlt ... Auftritt Madame Lai Tschoi San! Eine femme fatale, eine Piratenbraut, wie sie Hollywood nicht hätte erfinden können, weil kein professioneller Schreiber gewagt hätte, so etwas zu erfinden. Die schöne Madame, genannt der „Berg des Wohlstands“, ist klein, ja schmächtig, sie ist Herrin über sechzehn Kriegsdschunken, Schutzherrin über sechstausend. Eine ehemalige Klosterschülerin im portugiesischen Macao, die sich zur brutalsten Räuberin im Südchinesischen Meer aufgeschwungen hat. Sie ist die furchtloseste Kämpferin, Bezwingerin von Taifunen und Riffen und Männern. Reitet mit ihrer Dschunke, der Iron Tiger, die ganz großen Wellen, kennt sich aus mit den mächtigsten Kanonen ... Früh, zu früh, ist sie zur Anführerin berufen worden, da sich ihr Vater in die ewige Dämmerung einer Opiumhöhle verzogen hat. Aber nun sitzt sie fest im Sattel und plant den größten Raub aller Zeiten. Und sie sucht jemanden, einen gwai lo, einen Ausländer, einen wie diesen Annie Doultry ... Es kommt, wie es kommen muss. Nur noch viel toller. So ist das in der Literatur. In der großen und in der kleinen, in der E-Literatur und in der U. Das hier ist reine U, reine Unterhaltung. Und nebenbei, beinahe zufällig, auch noch ein wirklich gutes Buch. Madame Lai ist Popliteratur in seiner ursprünglichen Bedeutung. Der Roman bietet Abenteuer und Kitsch und wahnwitzigen Sex ... „Seien Sie gewarnt“, heißt es im letzten Kapitel, „wenn es Ihren Feinsinn empört, en detail zu erfahren, was ein erwachsener Mann mit einer erwachsenen Frau in der Kajüte eines Schiffes treibt, das im Südchinesischen Meer vor Anker liegt – nun, dann empfehlen wir, dass Sie ein paar Seiten überschlagen. Ansonsten ...“ Ich will niemandem den Spaß verderben (und ein Spaß ist es, wenn man bereit ist, für ein paar Stunden die political correctness beiseite zu lassen) und verrate nur soviel, dass der stämmige Kapitän gar nicht genug kriegen kann („Mein Gott, was für ein appetitlicher Arsch!“), dass die wilde Kriegerin eine großartige Technikerin ist (die Wörter „stülpen“ und „Pflaumenmund“ finden Verwendung) und dass die beinahe golfballgroßen Perlen, die das Traumpaar gemeinsam erbeutet hat, Verwendungsmöglichkeiten bieten, die mir noch jetzt, ein halbes Jahr, nachdem ich den Text übersetzt habe, die Schamröte ins Gesicht treiben. Nach der oralen Phase kommt bekanntlich die anale. Madame Lai ist der einzige und bis dato verschollene Roman von Marlon Brando. Nun ja: Von Marlon Brando und Donald Cammell. Oder von Donald Cammell und Marlon Brando. Gut auf jeden Fall, dass Cammell, ein hoch talentierter Maler, ein Autor und Regisseur einiger kultiger Filme (Performance mit Mick Jagger, Wild Side mit Anne Heche und Christopher Walken), ein wahrer Allroundkünstler also, beteiligt war, denn das Buch ist wunderbar geschrieben und hervorragend recherchiert. Das sitzt ganz einfach – die Wörter, die Details, auch die historischen, nautischen, schiffbautechnischen ... alles scheint zu stimmen. Brando, der in den frühen Achtzigern, als der Roman entstand, mit seiner Entourage auf der Südseeinsel Teti’aroa lebte, war an dieser feinen Ausarbeitung wohl kaum beteiligt. Er war der Ideengeber – er improvisierte, redete sich, während ein Tonband mitlief, in die Rolle des schwergewichtigen Annie Doultry hinein, spann das Seemannsgarn weiter. Er ging auf seiner privaten Landebahn auf und ab und entwickelte sprechend, laut denkend, ein alter ego. Da macht es überhaupt nichts, dass der Mann vermutlich nicht schreiben konnte. Und lesen, so heißt es, konnte er nur das, was er selbst geschrieben hatte. Also nichts. Egal ... Was ist nun mit Annie? Leidet er unter seinem Namen? Fährt er über das Meer, um sich zu rächen? Reißt er seinem Vater die Kehle auf? Nein, das hat er nicht nötig. Aber Marlon Brando, der Autor, hat tatsächlich gelitten und wäre wohl am liebsten der Mama in den Schoß gekrochen. Und oral fixiert war er auch. So nachzulesen in dem genialen Porträt von Truman Capote, das dem Roman vorangestellt ist. Es zeigt den Schauspieler in einem Hotel in Kyoto, Ende der 50er-Jahre, als gerade der grottenschlechte Film Sayonara gedreht wird. Später Abend bis allertiefste Nacht. Ein mit Gewichtsproblemen kämpfender Brando liegt hingegossen auf seiner Tatamimatte, lässt sich von Capote befragen, erlaubt ihm, die Erzählung mit wenigen Bemerkungen zu steuern. Er wirkt vollkommen willenlos. Isst Süßigkeiten und Spaghetti und Steak und alles, was ihm die kichernden, trippelnden Japanerinnen bringen. Yes, Mr. Marron, please, Mr. Marron. Und rutscht immer tiefer in seine Kindheit hinein. Capote hält sich zurück, hakt nach, urteilt nie. Brandos Anfänge in der Provinz. Eine Verletzung. Brando liest Freud. Die Liebe, die Enttäuschung, der Hass auf die alkoholkranke Mutter. Was Capote hier vor dem Leser ausbreitet, ist feinste Psychoanalyse und gleichzeitig subtile Parodie einer Therapie. Schließlich tritt ein Mann ein und will wissen, ob Brando noch Lust habe zu arbeiten. Der Mann ist Autor, Drehbuchautor, und wir erfahren nun, dass Brando schon damals, bereits in den 50er-Jahren, schriftstellerische Ambitionen hatte. Nicht zuletzt, weil er als Filmschauspieler nie recht glücklich geworden ist. Und wer weiß – vielleicht wollte er schon damals die Geschichte eines Kapitäns mit einer Schwäche für Asiatinnen schreiben, eines gerissenen Seemanns mit einem einzigen, kleinen Fehler: Dass er Annie heißt. Vielleicht, so könnte es ihm durch den Kopf geschossen sein, ist das der passende Ausdruck für meine gegenwärtige Befindlichkeit. Vielleicht bin ich so. So ein Typ. Dann hätte Capote den Augenblick der ersten, zündenden Idee zu dem Roman eingefangen, beinahe unabsichtlich. Wie ein Foto, ein Schnappschuss, in dessen Hintergrund, ganz am Rand, sich etwas abspielt, das erst viel später Bedeutung gewinnt. •
Gregor Hens, geboren 1965 in Köln, ist Schriftsteller und Professor für Germanistik an der Ohio State University in den USA. Zuletzt erschien der Roman In diesem neuen Licht (S. Fischer, 2006).
Marlon Brando, Donald Cammell Madame Lai Aus dem Englischen von Gregor Hens marebuchverlag, Hamburg 2007 360 Seiten, € 19,90 (D) / € 20,50 (A) / sFr 34,90 |