volltext.net

Dienstag, 20. März 2007

Dornige Geschichte

 

Für seinen Roman Nahe Jedenew hat Kevin Vennemann vor zwei Jahren mit Recht begeistertes Lob erhalten. Aus der Perspektive zweier Kinder wird darin ein Massaker an polnischen Bauern geschildert. Das „nahe“ im Titel ist bedeutsam, weil es bei aller erzählerischen Lebendigkeit an die beobachtende, fiktionale Distanz erinnert. Ein ähnliches Motiv greift Vennemann unter neuer Perspektive in Mara Kogoj auf. Es geht um die historisch beglaubigte Ermordung einer slowenischen Bauernfamilie 1945 in Südkärnten. Der eindringliche Erzählsog, den Nahe Jedenew auszeichnete, zerbricht hier allerdings schon im ersten, fast abenteuerlich anmutenden Satz: „Dabei scheint zu Beginn bereits und auf den ersten Blick das meiste aus Vergangenem so sehr vertraut ...“ Vennemann erzählt nicht mehr Geschichte, sondern versucht ein konkretes Ereignis im Dunst der verfälschenden Erinnerung diskursiv zu ergründen.

Die Titelheldin Mara Kogoj und der Erzähler Tone Lebonja, deren Namen ihre slowenische Herkunft signalisieren, untersuchen im Rahmen eines Projekts die Einstellung von Kärntner Bürgern zu Heimat, Staat und Geschichte. Ihre besondere Aufmerksamkeit weckt ein Ludwig Pflügler, der sich mit seiner heimattreuen, deutschnationalen Rhetorik hervortut. Die Gespräche, die sich über ein Jahr hinziehen und manchmal nur aus Schweigen bestehen, bieten Pflügler vorerst eine Plattform für seine gruselige Geschichtsklitterung. Kogoj und Lebonja verhalten sich unterschiedlich dazu. Während er als neutraler Beobachter aufmerksam zuhört, reagiert sie zunehmend emotional auf die zynische Tatsachenverdrehung, die Täter zu Opfern macht.

Formal geht Vennemann einige Risiken ein. Den Diskurs um Heimat und Schuld zerhackt er förmlich in einem stakkatohaften Rede- und Notizfluss, der nur sporadisch in Gang kommt. Immer wieder bricht er auf und ab, um den Blick auf die Vergangenheit gleichermaßen zu öffnen wie zu verstellen. Klare Antworten auf historische Fragen sind daraus kaum zu gewinnen, umso stärker wird dafür die Unschlüssigkeit von Kogoj und Lebonja spürbar, wie mit der verlogenen Heimattümelei umzugehen sei. Anfänglich überzeugt diese Komplexität, doch mit Fortdauer der Lektüre schleichen sich auch strapaziöse Längen ein. Die hektischen Ebenen- und Perspektivenwechsel, die formal kaum markiert sind, drohen das grundlegende Thema förmlich zu verschlingen. Der Umgang mit der Vergangenheit ist ein dorniges Gelände, demonstriert Vennemann. Mag sein gleichermaßen virtuoser wie syntaktisch sehr vertrackter Roman stilistisch zu viel des Guten wollen, so tut er dies doch auf höchst bemerkenswerte Weise.

Kevin Vennemann
Mara Kogoj
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007
220 Seiten, € 16,80 /
€ 17,30 (A) / sFr 29,70

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio