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Dienstag, 20. März 2007

Letzte Ausfahrt Hoffnung

 

Es ist heiß im mittsommerlichen Schweden. Die Emotionen, Gerüchte und Ängste kochen hoch und geraten außer Kontrolle. Dieses literarische Motiv, das in Romanen
von Stig Dagerman, Klas Östergren und anderen eindringliche Gestaltung erfahren hat, drückt auch dem neuen Roman von Antje Ravic Strubel den Stempel auf. Die Ordnung im schwedischen Feriencamp wirkt nur auf den ersten Blick entspannt und locker. Am nächtlichen Lagerfeuer kursieren Gerüchte, die fortlaufend die täglichen Beziehungsmuster neu definieren. Der mürrische Ralf gehört darin ebenso zu den Außenseitern wie Anja, die Ich-Erzählerin – vor allem seit sie erstmals mit jener elfenhaften Fremden gesehen worden ist.

Eines Tages ist sie aus dem Wasser gestiegen und hat Anja stürmisch umarmt. „Schmoll“, hat sie ihr ins Ohr geraunt, „Sie sind ein kluger Junge.“ Und: „Ich habe Sie endlich gefunden. Ich wusste es.“ Anja gerät augenblicklich in einen taumeligen Zustand zwischen Zauber und Ernüchterung. Zum einen fühlt sie sich von der fremden Frau, die sie für sich „Siri“ nennt, angezogen; zum anderen bemerkt sie, wie diese Liaison zum Katalysator für die miese Stimmung im Camp wird, die vollends in Verstörung und Panik umzuschlagen droht.

Kältere Schichten der Luft erweckt diese erregte Atmosphäre mit einer fließenden, präzisen Sprache, die gerade ihrer Klarheit wegen die erzählte Geschichte ungreifbar, ja unwirklich macht. Sie mischt Illusionen und Ängste zu einem Amalgam, in dem Traum und Realität nicht mehr klar voneinander zu trennen sind. Für ein paar Wochen entkommen die hier zusammengewürfelten Crewmitglieder ihrer lähmenden Arbeits- und Hoffnungslosigkeit zu Hause, ohne dass sie sich wirklich davon befreien. „Ich war entfernt von der aggressiven Langeweile in Halberstadt,“ spricht Anja zu sich – doch was folgt nach dem Sommercamp?

Das Liebesglück mit der Fremden verleiht ihr einen Elan, den die andern ihr neiden. Auch Ralf will an Anja seine Sehnsüchte abreagieren, doch dies kann nur im Unglück enden. Es ist Antje Ravic Strubels subtile erzählerische Kraft, die dieser an sich unspektakulären Sommergeschichte im Kern eine tiefe Misere einschreibt, die schließlich alles zum Explodieren bringt: Emotionen, Gerüchte und Ängste. Für Momente werden erregende Lebensmöglichkeiten sicht- und spürbar, um sogleich wieder in den kälteren Schichten der Luft zu erstarren.

Antje Ravic Strubel
Kältere Schichten der Luft
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2007
192 Seiten, € 17,90 (D) /
€ 18,40 (A) / sFr 31,70

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio