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Frank Schulz über Klaus Modicks Roman Bestseller.
Was mein Leseleben angeht, waren die frühen bis mittleren 80er-Jahre oft eine Quälerei. Zum einen studierte ich Literaturwissenschaft und betrachtete jedes Buch unter der Verwertungsperspektive. Zum weiteren warteten meine brodelnden Schriftstellerambitionen mit Anfang/Mitte zwanzig noch auf den ersten publizistischen Ausbruch, und so las ich zu der Zeit nicht so sehr, als dass ich vielmehr den zeitgenössischen deutschsprachigen Markt sondierte, halb lustlos, halb pflichtbewusst. Folgte ich den gediegenen Kritiken im damaligen Großfeuilleton oder Kulturfernsehen und gab einen relativ hohen Prozentsatz des BAföGGeldes für eine gebundene Neuerscheinung aus, fühlte ich mich nach der Lektüre nicht selten übers Ohr gehauen.
Was für eine Wohltat, Erleichterung und Ermutigung also für einen genuin hedonistischen Leser und debütantischen Autor in spe wie mich die Lektüre von Klaus Modicks Ins Blaue! Dass man so was konnte, ja durfte! Wir schrieben 1986 und ich eine meiner ersten begeisterten Rezensionen.
Wiewohl sich jener leicht-, ja tiefsinnige Sommerroman durchaus als Verkaufserfolg entpuppte, ist sein Verfasser in den über zwanzig Jahren bis heute keineswegs reich geworden (jedenfalls nicht an Heller und Cent). Nichtsdestotrotz, beziehungsweise gerade deswegen, erschien sein jüngster Roman unter dem Titel Bestseller. Es ist das ungefähr zwanzigste seiner Bücher, und ich gönnte meinem Freund und Förderer aus tiefstem Herzen, dass nomen omen würde. Allein, bisher sieht es nicht so aus, und natürlich waren es eben genau die Erfahrungen dieser seiner langjährigen Literaturbetriebszugehörigkeit, die ihn vor einer entsprechenden ernsthaften Erwartung von vornherein bewahrt hatten.
Bei Bestseller handelt es sich um Satire. Auf eben den Literaturbetrieb. Zwei von dessen spezifischen Phänomenen kombiniert Klaus für die Plot-Konstruktion aufs spitzeste: den grassierenden Nazi-Sujet-Hype und jene Abart des „Fräulein-Wunders“, die Germanys jeweils next Autorinnen-Topmodel in den Fokus der einschlägigen Berichterstattung rückt. Und das geht so: Klaus Modicks anagrammatisches Alter ego, der Autor Lukas Domcik, erbt von seiner toten Tante Thea einen Koffer. Inhalt: die kolportagehaften vaterländischen Ergüsse jener einstigen „glühenden Nazisse“ und späteren reuigen Konvertitin. Schelmenhaft verdichtet der mittelprächtig erfolgreiche Domcik die Manuskripte zu einem marktgerechten Schmachtschinken – und installiert, um die Chancen auf einen höchst prächtigen Erfolg zu optimieren, eine Strohfrau als Autorin: die literarisch un-, erotisch aber hochbegabte Kellnerin Rachel.
Kenner/innen etwa von Modicks Ins Blaue (und dessen Fortsetzung von 2002, September Song) dürften bereits nach Kenntnisnahme dieses dürren Exposés mühelos erahnen, dass der Ich-Erzähler im Laufe der Romanhandlung die amüsantesten Klimm- und Winkelzüge vollführen muss, bis er aus dem bitteren Ende der Geschichte geläutert hervorzugehen gezwungen ist. Und mit demselben Recht dürfen Kenner/innen insbesondere von Modicks Weg war weg, wo Domcik 1988 seinen ersten Auftritt hatte, auch diesmal „en passant“ kenntnisreiche, süffisante Anspielungen erwarten – auf all die Clubs der halbtoten Dichter und all die Marketingclous, Literatursalonlöwenkämpfe und Kritikasterlaster rund um das bei aller gelegentlichen Irrealität meist recht reale Wirtschaftssegment, in dessen Mittelpunkt das gedruckte Wort steht. Als Beispiel möge folgendes knappe, aber treffende Pastiche von U4-Zitaten an dieser Stelle genügen: „Ich habe geweint und gelacht, glauben Sie mir. Gelacht und geweint. Und nehmen Sie mir dieses Wort aus meiner Kindheit nicht krumm, aber: Wer das nicht liest, ist doof!“ Gern schließe ich mich der fiktiven, aber unverkennbaren Elke Heidenreich an. Sind mir frühere Lieblingsautoren, von denen ich jahrelang das jeweils neueste Buch las und also stets so gut wie alles kannte, mittlerweile verleidet (wie etwa John Irving), lese ich Klaus nach all den Jahren und Tausenden von Seiten immer noch gern. Das mag natürlich an meiner freundschaftlichen Befangenheit liegen. Ich glaube aber eher, es liegt an seiner schlichten Poetik: „Was mich interessierte und immer noch interessiert, sind gut erzählte Geschichten, und mit ,gut erzählt‘ meine ich eine unprätentiöse Schreibweise, die auf stilistische Effekthascherei verzichtet und zugleich Abstand zum Trivialen hält. Und das ist eigentlich alles.“ (Wiewohl mein Lieblingsmodickbuch – Die Schrift vom Speicher – aus einer davon verschiedenen Schaffensperiode stammt.) Kurzum, es liegt vermutlich an dem, was Klaus für sich als „Ü-Literatur“ postuliert: die Kreuzung aus U und E. Klaus ist ein „reader’s author“ im emphatischsten Sinne. P.S.: Ein Kritiker hat ihm gegenüber mal die Meinung geäußert, sie, die Kritiker, und die Autoren säßen doch alle in einem Boot. „Ja“, hat Klaus eingeräumt. „Aber die Autoren rudern.“ Womöglich. Aber – und aus dem Munde eines Kritikers klänge es zynisch, als Autor darf ich’s sagen – das hält, wie man zumindest an ihm sieht, schlank, wach und kraftvoll.
Frank Schulz, geboren 1957 in Hagen bei Stade, lebt in Hamburg. Zuletzt erschienen die Romane Morbus fonticuli (Haffmanns, 2001) und Das Ouzo-Orakel (Eichborn, 2006).
Klaus Modick Bestseller Eichborn, Frankfurt a. M. 2006 288 Seiten, € 19,90 (D) / € 20,50 (A) / sFr 34,90
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