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Dienstag, 20. März 2007

„Wir sehen der Kultur der Sudeten beim Sterben zu."

 

Und daran liegt es wohl, dass ich selber so einen Verlust empfinde, dass ich in dem Buch etwas nachholen wollte.

VOLLTEXT „Aus Böhmen und ohne Haus“ heißt es bei Peter Kurzeck, der sich in seinen wunderbaren Romanen an die Vertreibung aus dem Sudetenland erinnert. War denn Reinhard Jirgls Buch Die Unvollendeten ein Vorbild für Sie?

EMMA BRASLAVSKY Nicht strukturell oder in den Figuren. Es war für mich einfach eine unglaubliche Wohltat, dass es bereits einen Roman zu diesem Thema gab. Ich habe das Projekt nämlich eine Weile vor mir her geschoben, weil ich dachte, es wäre zu groß für mich. Aber als ich dann Jirgls Buch gelesen habe, war ich begeistert, mit welcher Leichtigkeit er da herangegangen ist. Er hat natürlich einen ganz spezifischen Stil. Zwischen uns liegen Welten. Jirgl fängt sehr dramatisch mit der Vertreibung an, es geht rasant durch Raum und Zeit. Bei mir ist es ganz anders, da spielt die Handlung in einem einzigen Jahr und nah am Kopf der Hauptfigur Eduard, die im Herbst 1969 nach der Explosion der Erfurter Domuhr bewusstlos aufgefunden wird. Die Ironie des Schicksals brachte Eduard nur seine Kindheitserinnerung an das damalige Sudetenland, besser gesagt Egerland der vierziger Jahre, zurück, das, was ihm eigentlich nie so wichtig gewesen war. Ich wollte an diese sperrigen kulturellen
Archetypen heran und in die Seelen dieser Menschen schauen. Deshalb bin ich an manchen Stellen im ersten Teil auch sehr langsam, im Close-up-Verfahren, vorgegangen und im zweiten viel rasanter. So ist dieser Roman strukturell auch der Psychologie der Figuren geschuldet.

VOLLTEXT Ihr Roman ist ein Novum, weil er ein Thema behandelt, das bisher von älteren Herren wie Günter Grass oder Walter Kempowski okkupiert war.

EMMA BRASLAVSKY Ja, wahrscheinlich.

Emma Braslavsky
Aus dem Sinn
Claassen, Berlin 2007
368 Seiten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A) / sFr 34,80

 


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