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Dienstag, 20. März 2007

„Wir sehen der Kultur der Sudeten beim Sterben zu."

 

Gab es eine geheime Organisation wie die ANS („Auf ein Neues Sudetenland“) wirklich?

EMMA BRASLAVSKY Die Vertriebenen, die ich kannte, sind viel weniger nach Polen oder nach Tschechien gefahren, sondern mehr nach Bayern oder Hessen, zum Rest der Familie. Es ist ja so, dass in Ostdeutschland keiner offen eine wirklich eigene kulturelle Identität außerhalb des zulässigen Geschichts- und Kulturkanons leben sollte. Wir hatten, wenn auch Sachse oder Thüringer, alle gleiche sozialistische Bürger zu sein. Gerade die Vertriebenen mussten ihre historische Persönlichkeit lassen, und dadurch entstanden diese imaginären Identitätszonen oder zeitlosen Ticks bei ihnen, die ich im Roman beschreibe. Aber so etwas wie die ANSen an sich hatte es nicht gegeben, obwohl es schon Zusammenrottungen von Älteren oder Jüngeren gab. In Erfurt existierten auch Autonome. Ich habe mir das alles notwendigerweise ein bisschen für die Romanwelt zurechtgebaut. Es gibt ja in Aus
dem Sinn zwei Generationen: Den Jüngeren Ende der sechziger Jahre, einer Aufbaugeneration, schwebt gar eine „sozialistische sudetische Republik“ vor. Die Alten hingegen konnten mit Sozialismus nicht viel anfangen, die hatten endgültig genug von Diktaturen und der Gleichmacherei. Einige sind im Rentenalter noch in den Westen gegangen.

VOLLTEXT Der zweite Teil setzt sehr spannend ein, mit dem WM-Eishockeyspiel CSSR gegen die UdSSR im März 1969, bei dem die Tschechen ein Jahr nach dem Prager Frühling die Besatzer sportlich besiegten. Hatten Sie dieses Spiel von Anfang an als Höhepunkt des Romans geplant?

EMMA BRASLAVSKY Es war so, dass ich erst einmal gar nicht wusste, dass ich an diesem Roman schreibe; ich hatte damals eigentlich ein anderes Buchprojekt. Das war ja schon ein komischer Ansatz. Als ich merkte, dass ich Figuren erfunden und Stoff entwickelt hatte und es gar nicht mehr darum ging, an meinen Vater zu erinnern, wollte ich aber nicht einfach einen biografischen Roman schreiben und meine Kenntnisse über ein bestimmtes Milieu weitergeben. Vielmehr wollte ich für den Plot etwas finden, das ein bisschen die Dramatik des Verlustes darstellt und dem Roman eine universellere Ebene verleiht. Dann recherchierte ich im Archiv von Radio Prag über dieses Eishockeyspiel. Es hat mich auch deshalb interessiert, weil es die Ereignisse des Prager Frühlings noch einmal auf eine ganz seltsame Weise hochspielte. In einem Nebensatz las ich, dass sich an diesem Tag bei den Randalen auf dem Wenzelsplatz einige Deutschstämmige als Deutsche geoutet und sich gemeinsam mit den Tschechen gegen die Besatzung ausgesprochen haben. Die betrunkenen Eishockeyfans waren mit einem Mal politisiert. Und da habe ich einfach
einen Bogen zu den ANSen gespannt.

VOLLTEXT Für den Tagesspiegel schrieben Sie letztes Jahr einen Aufsatz über die umstrittene Berliner Ausstellung Erzwungene Wege. Darin sprachen Sie von dem Abgrund, der sich beim Thema Vertreibung zwischen der offiziellen Bedeutungsebene und der persönlichen aufgetan habe. Zu Recherchezwecken sind Sie unter anderem nach Tuschkau gefahren. Glauben Sie, dass jetzt die Zeit für die Enkelgeneration gekommen ist, sich mit dem Thema Vertreibung grundlegend zu beschäftigen?

EMMA BRASLAVSKY Es wäre wünschenswert, denke ich. Wir sehen ja praktisch den Sudeten und ihrer Kultur beim Sterben zu. Viele wissen in meinem Alter gar nicht mehr, dass es überhaupt Sudeten gibt. Sie scheinen eher historische Figuren als existierende Menschenzu sein. Sie haben sich ja selbst auch erst nach dem Krieg „Sudeten“ genannt, um sich als kulturelle Gruppe zu akzentuieren. Es wäre gut, wenn gerade mit diesem Abstand, den meine Generation hat, in diese ganze leidige Debatte noch einmal ein anderer Ton käme und das alles in eine völlig andere, entpolitisierte Richtung gebracht würde.

VOLLTEXT Die EU bietet die Chance, dass Europaregionen entstehen können, etwa in Schlesien, das ja immer mehrsprachig war.

EMMA BRASLAVSKY Das ist eigentlich verrückt. Wir haben hier Jahrhunderte lang
nichts anderes getan, als uns gegenseitig die Machete an die Kehle zu halten, um dann in ganz Europa scharfe Grenzen zu ziehen. Die haben wir jetzt alle so optimistisch aufgelöst, ich hoffe, dass das auch weiterhin so gut läuft. Aber es gibt eben auch historische, ganz natürliche Schwellenregionen, die vielleicht in 100 Jahren wieder entstehen werden: Gerade das Sudetenland, wenn man es mal so nennen will, also Böhmen und die ganze Region, oder auch Schlesien. Diese Ostgebiete waren und werden wohl auch wieder Übergangsgebiete, in denen sich bereits das Slawische, das Osteuropäische kulturell andeutet, und wo man so langsam hineingeht in die slawische Welt.

VOLLTEXT Als halbe Ostpreußin finde ich auch, dass es den Deutschen gut tut, ihre östliche Seite wieder stärker wahrzunehmen, was nichts mit Revanchismus zu tun hat. Das Fehlen der „östlichen Hälfte“ hat Martin Walser bereits 1991 in seinem Roman Die Verteidigung der Kindheit thematisiert und wurde dafür angegriffen. Man merkt Ihrem Buch deutlich an, dass Sie versuchen, die ortlosen Sudeten sprachlich zu erden. Sie schreiben sehr lautmalerisch. Könnte es sein, dass Sie dabei ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen sind?

EMMA BRASLAVSKY Ich hatte vorher noch ganz andere Modelle, ich habe es ja schon sehr reduziert. Natürlich ist es immer Geschmackssache, Literatur ist eine persönliche Empfindung und muss sie bleiben. Da liegen der Reiz und die Gefahr. Mit den lautlichen und mundartlichen Einsprengseln wollte ich – gerade im Hinblick auf die schwierige ostdeutsche Existenz der Vertriebenen – die Bedeutung von Sprachheimat aufzeigen. Meine erste Sprache, oder das, was ich zuerst gehört habe, war das Sudetische meiner Großmutter, dieser scharfe Dialekt, in dem auch schon sehr viel slawische Färbungen drin waren. Doch das wurde mir im Kindergarten logopädisch ausgetrieben, ich spreche ja nicht einmal thüringisch. Ich bin sozusagen vollkommen gesäubert worden.

 


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