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Dienstag, 20. März 2007

„Wir sehen der Kultur der Sudeten beim Sterben zu."

 

Emma Braslavsky im Gespräch mit Katrin Hillgruber über ihren Debütroman Aus dem Sinn.

VOLLTEXT In einem Gespräch über seinen Roman Die Unvollendeten sagte Reinhard Jirgl über seine sudetendeutsche Herkunft: „Ich bin mit diesen Geschichten von der Vertreibung aufgewachsen, das ist bei mir im Laufe der Jahre zu einer Art Betonblock geworden, ich konnte das nicht mehr auflösen.“ Sie wurden 1971 in Erfurt als Tochter einer schlesischprotestantischen Mutter und eines sudetischkatholischen Vaters geboren. Ging es Ihnen ähnlich wie Jirgl? Wie hat sich bei Ihnen der Knoten gelöst, um ein fiktionales Werk jenseits dieser Familiengeschichte zu entwerfen?

EMMA BRASLAVSKY Dieser Punkt, an dem sich das löste, war immer meine Mutter. Gerade die schlesische Seite bei uns in der Familie, die war so frei davon und hat den Heimatverlust kaum thematisiert. Es ist auch so, dass meine Großmutter nicht mit Ressentiments diese Geschichten erzählt hat, sondern eher auf eine heitere Art. Sie war zwar abgehoben und entwurzelt, aber auch sehr rustikal und realistisch, das verschaffte mir von Beginn an einen Abstand.

VOLLTEXT Von dieser Großmutter steckt wohl viel in der Romanfigur Ella?

EMMA BRASLAVSKY Als Inspiration, ja. Einige Züge sind sehr real, andere gleiten ins Groteske. Ich wollte über entwurzelte Menschen schreiben, mir ging es weniger um das abstrakte Thema Flucht und Vertreibung. Ich wollte einfach an ihre Lebensform herankommen, und da musste ich ein plausibles Romanuniversum entwerfen und eben die eine oder andere Figur dafür erfinden oder sie mir aus den erinnerten Erzählungen meiner Großmutter rekonstruieren. Aus dem Sinn ist ein
Roman, aber mit biografischem Ursprung. VOLLTEXT An einer Stelle heißt es in sudetendeutscher Mundart: „Existieren ja, aber man selber sein, dessis ein feiner Unterschied.“ Damit sprechen Sie ein Thema an, das bisher kaum beachtet wurde: Die Tabuisierung der Vertriebenen in der DDR. Sie wurden zu „Umsiedlern“ oder „Neubürgern“ deklariert. Gab es eine geheime Organisation wie die ANS („Auf ein Neues Sudetenland“) wirklich?

EMMA BRASLAVSKY Die Vertriebenen, die ich kannte, sind viel weniger nach Polen oder nach Tschechien gefahren, sondern mehr nach Bayern oder Hessen, zum Rest der Familie. Es ist ja so, dass in Ostdeutschland keiner offen eine wirklich eigene kulturelle Identität außerhalb des zulässigen Geschichts- und Kulturkanons leben sollte. Wir hatten, wenn auch Sachse oder Thüringer, alle gleiche sozialistische Bürger zu sein. Gerade die Vertriebenen mussten ihre historische Persönlichkeit lassen, und dadurch entstanden diese imaginären Identitätszonen oder zeitlosen Ticks bei ihnen, die ich im Roman beschreibe. Aber so etwas wie die ANSen an sich hatte es nicht gegeben, obwohl es schon Zusammenrottungen von Älteren oder Jüngeren gab. In Erfurt existierten auch Autonome. Ich habe mir das alles notwendigerweise ein bisschen für die Romanwelt zurechtgebaut. Es gibt ja in Aus
dem Sinn zwei Generationen: Den Jüngeren Ende der sechziger Jahre, einer Aufbaugeneration, schwebt gar eine „sozialistische sudetische Republik“ vor. Die Alten hingegen konnten mit Sozialismus nicht viel anfangen, die hatten endgültig genug von Diktaturen und der Gleichmacherei. Einige sind im Rentenalter noch in den Westen gegangen.

VOLLTEXT Der zweite Teil setzt sehr spannend ein, mit dem WM-Eishockeyspiel CSSR gegen die UdSSR im März 1969, bei dem die Tschechen ein Jahr nach dem Prager Frühling die Besatzer sportlich besiegten. Hatten Sie dieses Spiel von Anfang an als Höhepunkt des Romans geplant?

EMMA BRASLAVSKY Es war so, dass ich erst einmal gar nicht wusste, dass ich an diesem Roman schreibe; ich hatte damals eigentlich ein anderes Buchprojekt. Das war ja schon ein komischer Ansatz. Als ich merkte, dass ich Figuren erfunden und Stoff entwickelt hatte und es gar nicht mehr darum ging, an meinen Vater zu erinnern, wollte ich aber nicht einfach einen biografischen Roman schreiben und meine Kenntnisse über ein bestimmtes Milieu weitergeben. Vielmehr wollte ich für den Plot etwas finden, das ein bisschen die Dramatik des Verlustes darstellt und dem Roman eine universellere Ebene verleiht. Dann recherchierte ich im Archiv von Radio Prag über dieses Eishockeyspiel. Es hat mich auch deshalb interessiert, weil es die Ereignisse des Prager Frühlings noch einmal auf eine ganz seltsame Weise hochspielte. In einem Nebensatz las ich, dass sich an diesem Tag bei den Randalen auf dem Wenzelsplatz einige Deutschstämmige als Deutsche geoutet und sich gemeinsam mit den Tschechen gegen die Besatzung ausgesprochen haben. Die betrunkenen Eishockeyfans waren mit einem Mal politisiert. Und da habe ich einfach
einen Bogen zu den ANSen gespannt.

VOLLTEXT Für den Tagesspiegel schrieben Sie letztes Jahr einen Aufsatz über die umstrittene Berliner Ausstellung Erzwungene Wege. Darin sprachen Sie von dem Abgrund, der sich beim Thema Vertreibung zwischen der offiziellen Bedeutungsebene und der persönlichen aufgetan habe. Zu Recherchezwecken sind Sie unter anderem nach Tuschkau gefahren. Glauben Sie, dass jetzt die Zeit für die Enkelgeneration gekommen ist, sich mit dem Thema Vertreibung grundlegend zu beschäftigen?

EMMA BRASLAVSKY Es wäre wünschenswert, denke ich. Wir sehen ja praktisch den Sudeten und ihrer Kultur beim Sterben zu. Viele wissen in meinem Alter gar nicht mehr, dass es überhaupt Sudeten gibt. Sie scheinen eher historische Figuren als existierende Menschenzu sein. Sie haben sich ja selbst auch erst nach dem Krieg „Sudeten“ genannt, um sich als kulturelle Gruppe zu akzentuieren. Es wäre gut, wenn gerade mit diesem Abstand, den meine Generation hat, in diese ganze leidige Debatte noch einmal ein anderer Ton käme und das alles in eine völlig andere, entpolitisierte Richtung gebracht würde.

VOLLTEXT Die EU bietet die Chance, dass Europaregionen entstehen können, etwa in Schlesien, das ja immer mehrsprachig war.

EMMA BRASLAVSKY Das ist eigentlich verrückt. Wir haben hier Jahrhunderte lang
nichts anderes getan, als uns gegenseitig die Machete an die Kehle zu halten, um dann in ganz Europa scharfe Grenzen zu ziehen. Die haben wir jetzt alle so optimistisch aufgelöst, ich hoffe, dass das auch weiterhin so gut läuft. Aber es gibt eben auch historische, ganz natürliche Schwellenregionen, die vielleicht in 100 Jahren wieder entstehen werden: Gerade das Sudetenland, wenn man es mal so nennen will, also Böhmen und die ganze Region, oder auch Schlesien. Diese Ostgebiete waren und werden wohl auch wieder Übergangsgebiete, in denen sich bereits das Slawische, das Osteuropäische kulturell andeutet, und wo man so langsam hineingeht in die slawische Welt.

VOLLTEXT Als halbe Ostpreußin finde ich auch, dass es den Deutschen gut tut, ihre östliche Seite wieder stärker wahrzunehmen, was nichts mit Revanchismus zu tun hat. Das Fehlen der „östlichen Hälfte“ hat Martin Walser bereits 1991 in seinem Roman Die Verteidigung der Kindheit thematisiert und wurde dafür angegriffen. Man merkt Ihrem Buch deutlich an, dass Sie versuchen, die ortlosen Sudeten sprachlich zu erden. Sie schreiben sehr lautmalerisch. Könnte es sein, dass Sie dabei ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen sind?

EMMA BRASLAVSKY Ich hatte vorher noch ganz andere Modelle, ich habe es ja schon sehr reduziert. Natürlich ist es immer Geschmackssache, Literatur ist eine persönliche Empfindung und muss sie bleiben. Da liegen der Reiz und die Gefahr. Mit den lautlichen und mundartlichen Einsprengseln wollte ich – gerade im Hinblick auf die schwierige ostdeutsche Existenz der Vertriebenen – die Bedeutung von Sprachheimat aufzeigen. Meine erste Sprache, oder das, was ich zuerst gehört habe, war das Sudetische meiner Großmutter, dieser scharfe Dialekt, in dem auch schon sehr viel slawische Färbungen drin waren. Doch das wurde mir im Kindergarten logopädisch ausgetrieben, ich spreche ja nicht einmal thüringisch. Ich bin sozusagen vollkommen gesäubert worden. Und daran liegt es wohl, dass ich selber so einen Verlust empfinde, dass ich in dem Buch etwas nachholen wollte.

VOLLTEXT „Aus Böhmen und ohne Haus“ heißt es bei Peter Kurzeck, der sich in seinen wunderbaren Romanen an die Vertreibung aus dem Sudetenland erinnert. War denn Reinhard Jirgls Buch Die Unvollendeten ein Vorbild für Sie?

EMMA BRASLAVSKY Nicht strukturell oder in den Figuren. Es war für mich einfach eine unglaubliche Wohltat, dass es bereits einen Roman zu diesem Thema gab. Ich habe das Projekt nämlich eine Weile vor mir her geschoben, weil ich dachte, es wäre zu groß für mich. Aber als ich dann Jirgls Buch gelesen habe, war ich begeistert, mit welcher Leichtigkeit er da herangegangen ist. Er hat natürlich einen ganz spezifischen Stil. Zwischen uns liegen Welten. Jirgl fängt sehr dramatisch mit der Vertreibung an, es geht rasant durch Raum und Zeit. Bei mir ist es ganz anders, da spielt die Handlung in einem einzigen Jahr und nah am Kopf der Hauptfigur Eduard, die im Herbst 1969 nach der Explosion der Erfurter Domuhr bewusstlos aufgefunden wird. Die Ironie des Schicksals brachte Eduard nur seine Kindheitserinnerung an das damalige Sudetenland, besser gesagt Egerland der vierziger Jahre, zurück, das, was ihm eigentlich nie so wichtig gewesen war. Ich wollte an diese sperrigen kulturellen
Archetypen heran und in die Seelen dieser Menschen schauen. Deshalb bin ich an manchen Stellen im ersten Teil auch sehr langsam, im Close-up-Verfahren, vorgegangen und im zweiten viel rasanter. So ist dieser Roman strukturell auch der Psychologie der Figuren geschuldet.

VOLLTEXT Ihr Roman ist ein Novum, weil er ein Thema behandelt, das bisher von älteren Herren wie Günter Grass oder Walter Kempowski okkupiert war.

EMMA BRASLAVSKY Ja, wahrscheinlich.

Emma Braslavsky
Aus dem Sinn
Claassen, Berlin 2007
368 Seiten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A) / sFr 34,80

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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