volltext.net

Dienstag, 20. März 2007

Leben mit einem fremden Organ

 

Sabine Grubers Roman Über Nacht verbindet kunstvoll die Geschichte einer kranken und einer gesunden Frau.

Ganz am Anfang wirkt es wie eine formale Spielerei, aber das täuscht, denn sofort füllt sich das erzähltechnische Muster mit prallem Leben. Herausgeschüttelt aus nur vier Buchstaben erscheinen die beiden Hauptfiguren des Buches, Mira und
Irma. Jeweils ein Kapitel des Buches ist der einen, das nächste dann wieder der anderen Figur gewidmet, ohne Ausnahme geht es in dieser Abfolge dahin. Den Einstieg macht Mira: Sie lebt als Altenpflegerin in Rom und erzählt ihre Lebensabschnittsgeschichte (denn um mehr als einige Wochen geht es nicht) aus der Ich-Perspektive. Ganz zu Beginn ist es ein riesiger Schwarm von Staren, der über der ewigen Stadt kreist und ihre Aufmerksamkeit findet. Ein Motiv, das wie viele andere Motive und Handlungsstränge in diesem kunstvoll ineinander verknüpften Buch wiederkehren wird; die Vorgabe der ersten Sätze dazu lautet so:

„Anfangs waren es noch einzelne Punkte gewesen, dann plötzlich hunderte, tausende. Sie bewegten sich rauf und runter, hin und her, stürmisch, kraftbeladen. Die Menschen, die stehengeblieben waren, folgten mit ihren Blicken den wellenförmigen Bewegungen, den S-Linien und Ellipsen. In manchen Augenblicken sahen die dunklen Formen wie ovale Flugobjekte aus, dann änderten sie sich wieder, teilten sich oder rissen auseinander.“ Einige hundert Kilometer weiter nördlich, mitten in Wien, treffen wir wenige Seiten später auf Irma, deren Geschichte aus der Perspektive der dritten Person erzählt wird, dabei aber nur vorderhand distanzierter erscheint. Auch ihr Dasein wird im Buch schnell und eindringlich skizziert. Als Kulturwissenschaftlerin führt sie Interviews mit Vertretern aussterbender Berufe, vor allem aber: Als Dialysepatientin wartet sie auf eine Nierentransplantation. Schon auf Seite 16 des Romans ist es soweit. Völlig überrascht empfängt Irma jenen Anruf, den sie lange und sehnsüchtig erwartet hat, ein Spender für sie ist gefunden. Von nun an geht alles sehr schnell, die Operation erfolgt innerhalb weniger Stunden, und auch die bange Zeit, die nachher einsetzt, geht relativ rasch und völlig unspektakulär zu Ende: „‚Sie ist angesprungen‘, sagte der Pfleger und lächelte, dann zog er die Tür hinter sich zu.“ „Sie ist angesprungen“ – das ist die Erfolgsmeldung über das tatsächliche Funktionieren der fremden Niere, vorgetragen in einem Tonfall, dem Sabine Grubers Buch auch in vielen anderen Aspekten nachstellt und den sie immer wieder auf den Punkt bringt, nämlich jene kühle und bisweilen atemberaubend nüchterne Sprache all jener, die – ob auf Seiten der Kranken oder der Gesunden – ständig mit Krankheit zu tun haben. „Sie ist angesprungen“ – dieser Satz ist aber auch mehr, denn mit ihm „springt“ auch die Dramaturgie des Buches an. Erst jetzt nämlich wird in Irma jene Frage virulent, um die es in Über Nacht geht und die den Roman als Ganzes in Bewegung setzt: Wer mag wohl der fremde Tote oder die fremde Tote sein, dem oder der sie ihr neues Organ und damit auch das im Vergleich zu früher jetzt so bequeme Leben verdankt? Um die täglichen Imponderabilien einer Dialysepatientin – um die viele Zeit, die allein die permanenten Behandlungen in Anspruch nehmen, und auch um die damit verbundenen Einschränkungen des Lebensradius’ (einfach schon deshalb, weil man die Stadt, in der man lebt, nicht verlassen kann) – ist es bereits in Sabine Grubers vorigem Roman Die Zumutung (2003) gegangen. Die Kranke selbst wurde in diesem Buch Marianne genannt, und eine Marianne kehrt auch im neuen Roman wieder – jetzt, wo für Irma mit der Transplantation über Nacht so vieles anders geworden ist. Einer ihrer ersten Gedanken nach der Operation gilt dann auch genau dieser Freundin Marianne. Wie, so fragt sich Irma, wird sie wohl auf die Nachricht reagieren
– sie, die immer noch verzweifelt auf eine passende Niere wartet?

Mit Greta, einer anderen Freundin, hatte sich Irma schon im Vorfeld der Transplantation zerkracht. Zu groß waren die moralischen und ethischen Einwände, die Greta gegen ein Leben vorzubringen hatte, wie Irma es jetzt führt: mit einem fremden Organ im eigenen Körper. Dass solche Einwände, die Marianne und Irma in ihren eigenen Unterhaltungen eher mit Zynismus quittieren, in der Form überhaupt präsent sind, kann man aus Grubers Buch ebenso lernen wie viele körperliche Details aus dem Leben chronisch Kranker. Da sind zum Beispiel die Schwierigkeiten mit dem ewig nicht heilen wollenden „Shunt“, also jener Stelle in Armen oder Beinen, in denen, um den Blutaustausch stattfinden lassen zu können, Vene und Arterie zusammengenäht sind. (Apropos Bildungshunger: Lehrreich sind bisweilen auch die Gespräche mit den Vertretern der aussterbenden Berufe, die Irma führt. Ein Buchdrucker beispielsweise erklärt uns, was ein „Zwiebelfisch“ ist.)

Der Blick auf den Körper ist bei Sabine Gruber stets schonungslos, und überaus genau ist die Beschreibung des sozialen Umfeldes, in denen der kranke Körper steckt. Dabei ist es in Über Nacht nicht allein um den chronisch kranken Körper, sondern auch um den alterskranken Körper zu tun. Die Altenpflegerin Mira in Rom ist damit unmittelbar konfrontiert. Angetrieben von der Tatsache, dass er nichts anderes mehr tun kann, als im Bett zu liegen, versucht einer ihrer Patienten ein Hühnerei auszubrüten, was naturgemäß misslingt. Ein anderer verlangt nach Pornoheften und betätschelt die Pflegerin wie zur Probe. Jedem anderen, so sagt er, hätte sie eine Ohrfeige gegeben, aber ihn und seine Sexualität nimmt niemand mehr ernst.

Spannend ist die Lektüre von Grubers Buch nicht nur wegen solcher Beschreibungen, sondern vor allem auch deshalb, weil man die Geschichten von Mira und Irma (in denen schwule Männer und ein verschwundener Vater nicht unwesentliche Nebenrollen spielen) im Laufe des Buches nicht nur aufeinander beziehen kann, sondern es schließlich sogar muss. Über Nacht hat ein zwingendes Ende, das ich – der Spannung wegen – aber hier nicht verraten will, nur so viel: Sie sollten sich darauf freuen!

Sabine Gruber
Über Nacht
C. H. Beck, München 2007
240 Seiten, € 17,90 (D) / € 18,40 (A) / sFr 31,70

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio