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Donnerstag, 12. Dezember 2002

Was heißt hier «Kanon»?

 

Was Kinder (doch) gern lesen: Ein Alphabet als vorweihnachtliche Hilfestellung. Von Claus Philipp, unterstützt von Victoria (15) und Paul (8).

Der Anlass für folgende, zugegebenermaßen ein wenig aus dem Ruder gelaufene, dennoch aber höchst unvollständige Aufstellung von begeisternden Kinder- und Jugendbüchern und ihren Autoren war ein Unbehagen. Seit den alarmierenden Ergebnissen der Pisa-Studie – gute Güte, unsere Kinder, sie lesen zu wenig! – treten immer wieder höchst betroffene und pädagogisch hochbemühte Bildungsmenschen und Pädagogen auf und sagen, schreiben, ächzen: Also nein wirklich, so kann das nicht weitergehen, unser Kulturerbe ist in Gefahr, und wenn jetzt nicht sofort Listen aufgestellt werden, in denen drinnen steht, was unsere Jugend unbedingt lesen muss, dann droht … ja, wir wissen auch nicht, was dann alles droht.

In der ZEIT gipfelte dieses gellende Warnen mit erhobenem Zeigefinger in einer Liste von 50 Büchern, um welche die deutsch(sprachig) e Jugend keineswegs herum kommen darf: Da steht dann etwa an erster Stelle – und durchaus originell – Bettina von Arnims Günderode, an vierter Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür und irgendwo dazwischen mindestens vier Lyrik-Anthologien. Das erinnert ein wenig an Matura-Leselisten, wie unsereiner sie seinerzeit (ja, da war halt alles viel kultivierter) noch bewältigen musste, nur dass einen mit so einer Liste zumindest die motivierten Deutschlehrer laut lachend aus dem Konferenzzimmer geworfen hätten. Lebende Autoren nämlich kommen (leider, leider) nicht vor – und irgendwie staubt einem der in diesem „Kanon“ vorgetragene Dünkel sofort bei den Ohren heraus. Nun las ich, zum Beispiel, in diesen längst vergangenen Tagen (äh, ca. vor 18 Jahren) durchaus auch Borchert oder Grass (auweia, der lebt leider noch) oder Bernhard (ah, tot, ein Listenfall!) – aber das war nur eine Erfahrung unter vielen. Lesen und vor allem lustvoll lesen, bedeutete größten Mist, fragwürdige Sachbücher (von Däniken!), halbpornografische Hochspannungsromane, Expeditionsberichte, Biografien, Comics ebenso zu verschlingen wie die eher kultivierten Empfehlungen von Freunden und Verwandten.

Kürzlich klagte eine Bekannte mir gegenüber, ihr Sohn entwickle sich möglicherweise in seiner Lektüre in Richtung unterstes Niveau. Permanent lese er irgendwelche Schwarten von Stephen King, Science Fiction und Fantasy. Dabei bemühe sie sich doch so sehr, ihm wertvolle Literatur anzuempfehlen. Darauf kann man meines Erachtens nur sagen: „Bitte lassen Sie Ihren Sohn ruhig weiterlesen.“ Wichtig ist doch vor allem, dass er liest und dass er gern liest. Es kann gar kein Zweifel daran herrschen, dass er, wenn er gern liest, sein Spektrum erweitern wird. Meine Erfahrung: Nach 50 Perry-Rhodan-Heften dürstet man förmlich nach einem Buch von Uwe Johnson.

So habe ich es auch immer beim Lesen und Vorlesen mit meinen Kindern gehalten: Das Tolle stand neben dem Schönen. Wobei Vorlesen immer ein wenig heikel ist, wenn die Tochter mittlerweile 15 und der Sohn sieben Jahre jünger ist. Man kann ja beim Vorlesen nicht ein Schild über das Sofa hängen „Vortrag, geeignet ab acht Jahren“ und damit den einen oder die andere quasi ausschließen. Das ergab bei der Auswahl nicht selten Werke, die sich den ohnehin öden Alters-Etikettierungen entzogen. Ein Beispiel: Weil Paul Heldensagen (inklusive Drachen) sehr gern mag, habe ich begonnen, ihm Tolkiens Hobbit vorzulesen, das wiederum Victoria, die aus dem Nebenzimmer mit halbem Ohr zuhörte, so begeisterte, dass sie das Buch ungleich schneller selbst las. Darauf folgte Der Herr der Ringe: 1200 Seiten in einem dreiviertel Jahr – auch Kindern durchaus zumutbar, vorausgesetzt sie verfügen über die nötige Ausdauer. Aus dieser Ausdauer heraus entwickelt sich vielleicht so etwas wie dauerhafte Passion. Wobei, um hier kein Ideal zu konstruieren, Victoria sich selbst definitiv nicht als „Leseratte“ sieht. Paul jedenfalls, der sich den Film noch auf keinen Fall ansehen darf (und will), weiß sicher mehr über Mittelerde als so mancher Kinogeher.

Warum also mit Kanons auf Spatzen schießen? Die folgende Liste war eigentlich als Anti-Kanon, bestehend aus 50 uns lieb gebliebenen besten Büchern, gedacht. Wenn dann allerdings zehn mal Werke von Astrid Lindgren genannt werden, ist das eigentlich unproduktiv. Man vergisst und verdrängt andere großartige Autoren. Also haben wir den Versuch unternommen, 50 Schriftsteller mit ihrem jeweils besten Buch aufzuschreiben. Das war einfacher und ging schneller als erwartet. Wie gesagt, so ein „Alphabet“, entstanden zwischen den privaten Bücherbergen, ist naturgemäß unvollständig. Ergänzen Sie doch selbst, was wir in unserer Freude übersehen haben.

Andersen, Hans Christian, Märchen. Eine eher schmucklose, elegante Taschenbuch- Kassette, erschienen bei Insel (it 133), die in Victorias Zimmer praktisch pausenlos irgendwo herumkugelt. „Die sind so schön traurig“, sagt meine romantische Tochter und neben den aufgeschlagenen Seiten der Kleinen Seejungfrau liegt dann noch ein Band mit Märchen von ➞ Oscar Wilde.

Alexander, Lloyd, Der Taran-Zyklus. Diese beiden Bände waren, nach der ratlosen Frage, was jetzt noch den Herrn der Ringe toppen, oder ihm zumindest entsprechen könnte, eigentlich ein Verlegenheitskauf: Die Disney- Adaption Taran und der Zauberkessel (die Motive aus den ersten drei der insgesamt fünf Taran- Bücher vermengt) war ja grauenhaft und die im Vorjahr bei Arena erschienene deutsche Neuauflage (2 dicke Sammelbände: Taran im Land der dunklen Mächte und Taran und die Schatzkammer des Bösen) strotzt schon auf den ersten Blick vor Druckfehlern. Andererseits wurden die ersten beiden Teile von ➞ Otfried Preussler (bereits 1969) übersetzt. Das war Empfehlung genug. Und Tatsächlich: Unüberlesbar inspiriert von Tolkien, ist diese Geschichte eines Hilfsschweinehirten, der sich zu Höherem (aber was?) berufen fühlt, eine wunderbare Mischung aus Entwicklungsroman, Comedy und rauer Sage. Lloyd Alexander, ein ehemaliger US-Cartoonzeichner, geboren 1924, weiß in aller Kürze Spannungsbögen zu entwickeln und nebenher sogar eine der schönsten Liebesgeschichten zu erzählen: Tarans aufkeimende Zuneigung zur Prinzessin Eilonwy generiert herrlich bissige Dialoge. Paul hat zumindest den ersten Band sofort selbst noch einmal gelesen. Immerhin sind’s insgesamt über 400 Seiten.

Ardagh, Philip, Schlimmes Ende. Darf man von einer „Entdeckung“ sprechen, wenn ein Buch in Großbritannien und Amerika längst ein Bestseller ist, vom Guardian irgendwo zwischen Dickens und Monty Python verortet und jetzt, erschienen bei Omnibus, von Harry Rowohlt als „eines der besten Bücher, die ich bislang übersetzt habe“, angepriesen wird? Man darf. Man muss. Die Geschichte des kleinen Eddie, dessen Eltern an einer seltsamen Krankheit leiden und nach alten Wärmflaschen riechen, kann man auch in die Tradition der grossen, augenzwinkernd sadistischen Heiterkeiten von ➞ Roald Dahl stellen. Ähnlich wie vergleichbare Meisterwerke von ➞ Lemony Snicket könnte diese Geschichte es im hiesigen Buchhandel aber sehr schwer haben, weil viele Eltern in Sachen Lektüre für unsere Sprösslinge leider furchtbar „politisch korrekt“ sind. Deshalb: ENTDECKUNG!

Balladen sind angeblich unmodern. Und auswendig muss sie auch keiner mehr lernen. Dabei weiß doch wirklich jedes Kind, wie angenehm schauerlich etwa so eine richtige Gespensterballade nicht nur bei Sparbeleuchtung sein kann. Eine höchst respektable, von ➞ Otfried Preussler und Heinrich Pleticha hervoragend mit Hintergrundinformationen und Kommentaren versehene Sammlung bietet nun bei Thienemann Das große Balladenbuch. Pauls ewiger Favorit: August Graf von Platens Das Grab im Busento. Von Zeilen wie „… tapfren Goten / die den Alarich beweinen / ihres Volkes besten Toten“ war es nicht mehr weit zu ➞ Auguste Lechner und ihrer Adaption des Dietrich von Bern.

Baum, Lyman Frank, Der Zauberer von Oz. Der Vergleich mit dem berühmten gleichnamigen Film macht auf produktive Weise unsicher. Im Jahr 1900 geschrieben, besticht Baums Roman am Beginn durch eine knappe, von ländlichen Idyllen weit entfernten Darstellung ländlichen Elends und einer permanenten Ausgesetztheit in Kansas, wo die kleine Vollwaise Dorothy bei Onkel und Tante lebt: „Ihr Haus war nur klein, denn das Bauholz dafür hatte man von weit her heranfahren müssen.“ Aber auch den Mut und die Liebe muss man scheinbar von weit her ankarren: Als Dorothy mit ihrem Hund per Wirbelsturm ins berühmte Land „over the rainbow“ verschlagen wird, will sie doch nur wieder zurück. Dort steht die Tante bei den Kohlpflanzen und noch ist man als Kind „froh, wieder zu Hause zu sein“ – aber die Enge in der Weite, sie ist jetzt klarer. Marlene Streeruwitz hat in einem Essay einmal feministisch gegen dieses Buch gewettert. Das verstehe ich bis heute nicht. Eine sehr schöne Ausgabe, illustriert von Eberhard Binder, bietet der Altberliner Verlag.

Beagle, Peter S., Das letzte Einhorn. Der Filmstar Christopher Lee, ganz offenkundig mit gutem Gespür gesegnet, hat dieses Buch, erhältlich bei Klett Cotta, einmal als Zeichentrick- Abenteuer nacherzählen lassen. Furchtbar kitschig, leider. Jetzt sind im Gefolge des Herrn der Ringe angeblich digitale Animateure und Real-Akteure für eine Megaproduktion am Werk – wovon nur bedingt Besseres zu erwarten ist, denn Das letzte Einhorn ist weniger ein Fantasy-Roman als eine Anleitung zur Fantasie. Ein Märchen zwar, aber eins über die Voraussetzungen, Märchen zu erzählen.

Blacker, Terence, Miss Wiss ganz groß! 12 kleine, jeweils in etwa ein bis zwei Stunden lesbare Bändchen über diese skurrile „Fachfrau für Übersinnliches“ gibt es bereits. Und dieser bei BeltzundGelberg erschienene Sammelband der ersten drei Episoden macht definitiv Lust auf mehr. Schwarzer Humor vermischt sich mit grimmigem Gefühl für soziale Gerechtigkeit, wenn die bei Kindern überaus beliebte Miss Wiss als Lehrerin, Ärztin oder einfach nur Obdachlose einspringt, wenn ein bisschen Unglück beiseite geräumt werden muss. „Eine herrvorragende Alternative zu vielen zahnlosen Erstlesetexten“, jubelt die FAZ auf dem Cover. Kann schon sein. Für Kids ab sieben ist das jedenfalls bestes Oftlesematerial.

Bichsel, Peter, Kindergeschichten – habe ich schon etwa zehnmal gekauft und dann verschenkt, zerlesen, beim Vorlesen mit Kakao überschüttet und was man mit großartigen Büchern fürs ganze Leben eben so anstellt. Von Die Erde ist rund bis zu Der Mann, der nichts mehr wissen wollte. Sieben Geschichten auf 93 Seiten – und mittendrin die vielleicht schönste: Der Erfinder, inklusive Passagen wie dieser: „Er nahm einen Bogen Papier, schrieb darauf ,Das Automobil‘, rechnete und zeichnete wochenlang und monatelang und erfand das Auto noch einmal, dann erfand er die Rolltreppe, er erfand das Telefon, und er erfand den Kühlschrank. Alles was er in der Stadt gesehen hatte, erfand er noch einmal. Und jedes Mal, wenn er eine Erfindung gemacht hatte, zerriss er die Zeichnungen, warf sie weg und sagte: ,Das gibt es schon.‘ Doch er blieb sein Leben lang ein richtiger Erfinder, denn auch Sachen, die es gibt, zu erfinden, ist schwer, und nur Erfinder können es.“

Bringsvaerd, Tor Age, Die wilden Götter. Dieser zweihundertste Band in Hans Magnus Enzensbergers Anderer Bibliothek (bei Eichborn) ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass man in den Buchhandlungen die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur ruhig etwas offener halten könnte. Die nordischen Göttersagen, befreit von nationalistischem Pathos, nach alten Handschriften nachund weitererzählt, mit wunderbaren Illustrationen von Johannes Grützke. Da beginnen die Asen und ihnen voran Odin sehr bald, an der Welt, die sie sich erschaffen haben, zu bezweifeln, den Untergang praktisch ab Kapitel zwei förmlich herbei zu wünschen. Trotzdem regiert ein bärbeissiger Witz, der es den Lesern verunmöglicht, Gut und Böse klar von einander zu trennen. Die schlimmsten Halunken sind oft die größten Charmeure und Odin, der ewig Suchende, vielleicht ein alter Narr, der beim Gespräch mit dem Kopf seines Freundes Mime nur bedingt gute Figur macht. Paul mag vor allem Thor, „weil der diesen Superhammer hat. Aber das Kind von Thor ist noch stärker.“

Busch, Wilhelm, Max und Moritz. Dazu nur eins: „Rumms, da geht die Pfeife los!“ Das verfehlt seine Wirkung nie.

Burnett, Frances, Der kleine Lord. „Für meine Begriffe ist die vorliegende Auswahl etwas spannungs- und humorlastig. Hier hingegen ein Buch für alle zukünftigen Jane- Austen-Verehrerinnen. Cedric, Halbwaise, ein warmherziges, etwas seltsames Kind, zieht mit seiner verarmten Mutter auf Wunsch des adeligen Großvaters von New York nach England, um seinen zukünftigen Platz als Erbe und Großgrundbesitzer einzunehmen. Wie der naive Junge den hartherzigen, zynischen Grafen für sich und die Welt gewinnt, ist eine Lesereise ins 19. Jahrhundert wert.“ (Barbara Philipp)

Carroll, Lewis, Alice im Wunderland. Zweifelsohne war der Mathematikprofessor Carroll ein exzentrischer und Mehrdeutigkeiten und interpretatorischen Ausflüchten nicht abgeneigter Mann. Trotzdem: Im Fall von Alice sollte man, anders als gegenwärtig en vogue, Kinder nicht mit historisch-kritischen Ausgaben und surrealen Illustrationen quälen. Das Buch ist so schon rätselhaft und köstlich genug – zum Beispiel als Insel Taschenbuch.

Christie, Agatha, 10 kleine Negerlein. „10 Gäste werden vom Großen Unbekannten auf eine einsame Insel eingeladen. Einer nach dem anderen muss seinen Besuch mit dem Leben bezahlen. Der Mörder? – Einer von ihnen. Das nächste Boot? – Kommt erst am Montag. 10 kleine Negerlein, oder, wie man heute vielleicht besser sagen sollte, 10 kleine Heringe (um keine unnötigen Beschwerden hervorzurufen), ist – erschienen als Scherzkrimi-Taschenbuch – wohl eines meiner liebsten Bücher. Mit einer Länge von 194 Seiten ist es so kurz, dass nicht einmal ich Probleme hatte, es fertig zu lesen. Für eine so niedrige Seitenanzahl geschehen aber trotz allem relativ viele Morde. Fast alle 20 Seiten kann man sich auf einen neuen Anschlag gefasst machen. Somit ist für reichlich Spannung gesorgt. Aber keine Angst, im Großen und Ganzen ist es immer noch ein ,Scherzkrimi‘. In seiner ironischen, leicht märchenhaften, spannenden, aber nicht wirklich erschreckenden Art ist es für jeden Jugendlichen (vorausgesetzt, er mag Krimis) geeignet.“ (Victoria)

Collodi, Carlo, Pinocchio. Dieser Roman über einen Holzkasperl, der unbedingt ein wirklicher Junge, ein Mensch werden möchte, wird heute vermutlich wegen der berühmten Disney-Adaption und einer erfolgreichen japanischen TV-Serie als harmloses Märchen gehandelt. Dabei hatte der Florentiner Dichter Collodi (1826–1890) durchaus horrible, alles andere als märchenhafte Weltläufte vor Augen. Pinocchio ist nichts weniger als ein zweiter Candide, der in der vermeintlich „besten aller Welten“ einen Schlag nach dem anderen, unzählige schmerzhafte Belehrungen erfährt. Und wie Frankensteins Monster erahnte Pinocchio gleichsam ein Zeitalter voraus, in dem künstliche Kreaturen auch über die Entfremdung der Menschen erzählen. Nicht wenige Nacherzähler, wie etwa ➞ Christine Nöstlinger, lasen das Leid des Titelhelden als Holzhammer-Pädagogik des Autors und versahen die Story mit entsprechenden Überarbeitungen. Andererseits: Wenn man Kindern das Original vorliest, dann kommt (wie bei klassischen Sagen) der nüchterne Erzählton ihrer Lust am Hinterfragen durchaus nahe.

Dahl, Roald, Sophiechen und der Riese. Neben ➞ Astrid Lindgren und ➞ Erich Kästner ist Roald Dahl vermutlich der Autor in dieser Liste, bei dem ein „bestes Buch“ praktisch nicht eruierbar ist. Das riesengroße Krokodil, Hexen hexen, Charlie und die Schokoladenfabrik, Mathilda. Immer schafft eine auf den ersten Blick völlig unökonomische Vertiefung in horrible Details eine höchst ambivalente Stimmung zwischen Schauder, Spaß und Rührung. Kleine Mädchen beginnen nachzufragen, wie furchtbar Riesen noch sein können und freundliche Erzähler versorgen sie Länge mal Breite mit den notwendigen Details. Und am Ende wird eigentlich selten wirklich alles wieder gut. Trotzdem: Trost und Rat vor dem Hintergrund der Desaster Area 20. Jahrhundert.

Dickens, Charles, Ein Weihnachtsmärchen. „Dieses Märchen beginnt nicht wie Dornröschen mit einer schönen Prinzessin, sondern mit einem gemeinen Ebenezer … Scrooge! Kein Mensch hielt an, um ihn freudestrahlend zu fragen: ,Mein lieber Scrooge, wann kommen Sie mich besuchen?‘ Kein Bettler bat ihn um eine Gabe. Kein Kind fragte ihn nach der Uhrzeit. Kein Mann und keine Frau fragte ihn nach dem Weg. Und nun soll mir mal jemand sagen, wie es dazu kam, dass er anstatt eines Türklopfers Marleys Gesicht erblickte. Marley war früher Scrooges Geschäftspartner gewesen. Und jetzt: Viel Spaß mit der CD Ein Weihnachtsmärchen von Charles Dickens! “, schreibt Paul. Besagte (Doppel-)CD ist soeben bei Lido, dem Hörbuchverlag von Eichborn, erschienen. Es liest Hanns Zischler. Den Text übersetzt und bearbeitet und illustriert hat ➞ Volker Kriegel. Und wer das Weihnachtsmärchen selbst vorlesen will: Bei Diogenes ist auch eine schöne Ausgabe erschienen, unter dem Titel Weihnachtslied. Eine Gespenstergeschichte (Übersetzung: Richard Zoozmann, Zeichnungen: Tatjana Hauptmann; mit einem Essay von John Irving).

Doyle, Roddy, Das große Giggler-Geheimnis. Liebe Kinder, liebe Leute, lest schleunigst, wie Mister Mack, einer der vielen Helden des relativ schmalen, bei Omnibus erschienenen Bändchens Das große Giggler-Geheimnis, beinahe zu großem Schaden kommt. Er ist drauf und dran, in einen riesigen Haufen Hundekacke zu treten. Aber: Ein Rettungskommando ist bereits unterwegs. Weil: Eine Bande von Gigglern (lest selbst nach, wer die sind) hat Mister Mack den Haufen in den Weg gelegt (lest selbst nach warum) und dabei hatten sie sich geirrt (lest selbst nach, wie). Also: Auf der einen Seite hohe Beschleunigung der Mack-Retter (inklusive Abstecher zum Nil), andererseits Zentimeter für Zentimeter Annäherung an die Hundekacke und nicht nur das alles auf rund hundert Seiten. Daneben erzählen sogar Knäckebrote Geschichten, eine Möwe schimpft dazu über Fisch.

Ende, Michael, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Michael Ende, der es sich offenkundig immer schwerer gemacht hat, je mehr er vom Schreiben verstand – er demonstrierte in seinem ersten Buch eine Leichtigkeit und einen Sinn für durch und durch vertrauenswürdige Fiktionen, die er später nie wieder so liebevoll und bescheiden zugleich zustande brachte. Eine Insel namens Lummerland, auf der ein König gerade mal drei Untertanen regiert. Beengter Raum, auf dem man sich aber eine Bahnstrecke samt Lokomotivführer leistet. Schließlich kommt ein kleiner, schwarzer Junge in einem Paket. Die einzige Chance, dem drohenden Platzmangel zu entgehen: Hinaus in die weite Welt, hinein in große Abenteuer mit Scheinriesen, Halbdrachen und eigentlich sehr treuherzigen Räubern. Nachher muss man natürlich schon noch zumindest Momo und Die unendliche Geschichte lesen. Und Endes kürzere Märchen. Und, und, und.

Goldman, William, Die Brautprinzessin – erschienen bei Klett-Cotta. „Manchmal, wenn ich sehr grantig bin, weil meine Eltern wieder einmal total ungerecht waren, setze ich mich in eine Ecke von meinem Bett und wünsche mir, ich wäre irgendwo anders. Dann besuche ich vielleicht gerade meine Lieblingsband, mache mit meinen Freunden irgendeinen Blödsinn oder ich reise zurück in eine andere Zeit. In eine Zeit des Fechtens, der wahren Liebe. Wo es Hass und Rache, gute und böse, feige und gemeine, mutige und starke, wahrheitsliebende aber auch lügnerische Menschen gibt. Wo man gegen Riesen, Schlangen, wilde Tiere und böse Prinzen kämpfen muss. All das sind Wünsche, die man nur zu träumen vermag, oder auch zu lesen. Denn vor ca. 30 Jahren schaffte es William Goldman, all dies unter einen Hut oder eher in ein Buch zu bringen. Wie er behauptet, stammt Die Brautprinzessin ja eigentlich von einem gewissen S. Morgenstern, es sei aber so lang und langweilig gewesen, dass er sich gezwungen sah, es den Lesern zuliebe zu kürzen und nur die spannendsten Teile zu erhalten. Das geht so weit, dass er während des Buches immer wieder eigene, witzige kurze Passagen einschiebt, in denen er erklärt, warum er bestimmte Absätze gestrichen hat. Die meisten von ihnen hören sich dann wirklich so fad an, dass man froh ist, sie nicht lesen zu müssen. Das gibt dem Buch den gewissen Witz und hält einen davon ab, hin und wieder total in Rührung oder Trauer zu zerfließen. Ein wunderbares, durchgehend spannendes Buch, für jeden, der edle Helden und Abenteuer liebt.“ (Victoria)

Goscinny, Rene, Der kleine Nick. „Gestern haben wir einen neuen Gymnastiklehrer gekriegt.“ Wenn eine Geschichte des Asterix- Autors Rene Goscinny so anfängt, tut einem der neue Gymnastiklehrer jetzt schon leid. Und wenn dem kleinen Nick, der da als Ich- Erzähler fungiert, etwas leid tut, dann maximal er selbst, aber das ist schnell vergessen, wenn Adalbert, „der Liebling von unserer Lehrerin“ wieder eins auf die Nase kriegen sollte. Von Roland, dessen Vater Polizist ist, oder von Franz. Von Otto weniger, weil er meist mit Essen beschäftigt ist. Und wenn man denen in den bei Diogenes publizierten Kleiner-Nick- Bänden sagt, sie mögen jetzt bitte einen „guten Eindruck“ machen: Gute Nacht!

Grahame, Kenneth, Der Wind in den Weiden. Die Abenteuer, Ansichten und behaglichen Stillstände von Maulwurf, Ratte, Dachs und ihrem etwas überheblichen, etwas zu weltmännischen Freund, dem Frosch liest man am besten vor. Dann beginnen die Natur und die Jahreszeiten in diesem Meisterwerk besser zu atmen. Und am allerbesten liest das Harry Rowohlt als Übersetzer vor. Die Hörbuch- Edition ist bei Kein und Aber erschienen.

Grimms Märchen gibt es seit einiger Zeit in einer von Nikolaus Heidelbach luxuriös bebilderten Edition bei BeltzundGelberg, die sich grobe Vereinfachungen und Modernisierungen auf überaus erfreuliche Weise verbietet.

Janosch, Der alte Mann und der Bär. Winter. Alter Mann rettet Vogel. Bär kann Mann nicht retten, aber beinahe Himmel öffnen. Einer der Dauerbrenner nicht nur für Advent und Weihnacht. Im Zusammenhang mit Janosch jubeln die Leute oft: „Der Tiger und der Bär! Oh, wie schön ist Panama!“ Das ist – abgesehen davon, dass der Schriftsteller nicht gerade wenig Bücher und Kalender und Spielzeug und so weiter verkauft, doch ungerecht. Sein schönster Roman für Erwachsene, wie vieles von ihm bei Diogenes publiziert, heißt Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm.

Kästner, Erich, Pünktchen und Anton. „Es ist ja nicht so, dass man früher als Mädchen jenseits der Hanni und Nanni-Geschichten übermäßig viele Identifikationsangebote gehabt hätte – und so bleibe ich Erich Kästner bis auf weiteres für ‚Pünktchen‘ dankbar: Sie ist, wiewohl wohlstandsverwahrlost, äußerst originell – in einer Welt, bevölkert von allein gelassenen, schlecht bezahlten Müttern, und Kindern, die nicht aufgeben. Couragiert bringt Pünktchen mit ihrem Freund Anton einen Einbrecher zur Strecke und das Leben ihrer Eltern in Ordnung – so gut es eben geht. Eine Geschichte über Armut, Anderssein, Alleinsein und wie man und vor allem frau darüber den Mut und den Anstand nicht verliert – das kann etwa in Vorweihnachts- und Nachwahlkampfzeiten gar nicht oft genug gelesen werden.“ (Barbara Philipp) Weitere Kästner-Pflichtlektüren: Emil und die Detektive, Das doppelte Lottchen und vor allem die Märchen- und Klassiker-Adaptionen, allen voran Der gestiefelte Kater (alle erschienen als Dressler Kinder Klassiker).

Kipling, Rudyard, Genau-so-Geschichten. Was wird aus der verdienstvollen Edition und Übersetzung werden, die Gisbert Haefs den Hauptwerken von Rudyard Kipling bei Haffmans angedeihen ließ – jetzt wo Haffmans nicht mehr ist? Neben den Dschungelbüchern, dem Vorläufer Harry Potters StalkyundCo. und dem unvergleichlichen Kim lieben wir vor allem die Just So Stories For Little Children (erstmals erschienen 1902). Und darin nicht nur die Geschichten (etwa Wie das Nashorn seine Haut kriegte), sondern auch Kiplings Zeichnungen (samt Beschreibungen) und die Gedichte: „Ein kamelischer Höck ist ein böses Gepöck, / kuck es dir im Zoo an in Ruh; / doch schlimmer, o Schröck, ist der Trübtassenhöck, / den ich krieg, wenn ich nicht genug tu.“

Kriegel, Volker, Olaf der Elch. „Eigentlich war Olaf Elch. Er ging gern im Wald spazieren, fraß am liebsten Pilze. Er hatte nur einen Fehler: Ein mindestens doppelt so großes Geweih wie die anderen Elche. Mit dem Geweih erschreckte er gerne Leute. Eines Tages fuhr der Weihnachtsmann vorbei, ihn konnte Olaf aber nicht erschrecken. Sie wurden die allerbesten Freunde und würden noch viele Abenteuer erleben.“ (Paul) Die anderen Abenteuer heissen übrigens Olaf hebt ab und Olaf taucht ab. Letzteres ist soeben bei Eichborn erschienen.

Lechner, Auguste, Dietrich von Bern. „Diesmal wieder kein Prinzessinnenmärchen, aber eine Geschichte von einem König und seinem Waffenmeister Hildebrandt. Zusammen besiegen sie Römer, Trolle, Riesen, Zwerge und andere Ritter. Als Dietrich noch eine unzerbrechliche Rüstung und ein ebenso unzerbrechliches Schwert kriegt, scheint es so, als ob er nie im Kampf fällt! Wer weiß …“ (Paul). Auguste Lechner, bekannt und gleichzeitig oft unterschätzt für ihre Adaptionen von Sagen und Klassikern wie Don Quijote, übertraf sich hier selbst. Ein ziemlich trauriges Buch, erschienen als Arena Taschenbuch, über Heldenideale, die nicht mehr einzulösen sind, Drachentöter, die einen ziemlich schmutzigen Job erledigen und die Erkenntnis, dass gewisse Untergänge nicht aufzuhalten sind.

Lindgren, Astrid, Die Brüder Löwenherz. „Falls sie aus irgendwelchen Gründen Astrid Lindgren noch nicht kennen und selbst Pippi Langstrumpf an Ihnen und Ihren Kindern irgendwie vorbei ging, eines vorweg: Die „Schwedin des Jahrhunderts“ schrieb große Literatur! Die Geschichte von den Brüdern Löwenherz, nach dem Tod ihres Sohnes verfasst, ist aber nicht exemplarisch für Lindgrens Werk. Seine tiefe Traurigkeit erinnert mich immer an Ilse Aichingers Die größere Hoffnung. Der Tod und das Böse (zum Beispiel in Form eines Drachens) – ihm stehen die Kleinen und Kleinsten (Krümel Löwenherz!) gegenüber. Aber während man beim Vorlesen vor lauter Kloß im Hals kaum weiter kommt, empfinden es die Kleinen und Kleinsten einfach spannend.“ (Barbara Philipp)

Lobe, Mira, Die Omama im Apfelbaum. Eine Erinnerung an die Zeiten, als man noch Bücher wie Die drei Stanisläuse (von Vera Ferra- Mikura) las. Mira Lobe verdanken wir zum Beispiel auch Das kleine Ichbinich und – von den „Schmetterlingen“ vertont – Die Geggis. Und dieses Buch hier, bei dem einen eine fiktive Oma sogar auf Tigerjagd entführt – es steht ganz in der Tradition des Liedchens, in dem es heißt: „Meine Oma ist ein ganz moderner Typ! Ich hab sie lieb!“

Lofting, Hugh, Dr. Doolittle und seine Tiere. siehe ➞ Kurnej Tschukowskis Dr. Aibolit.

May, Karl, Winnetou. „Ich glaube das war eines der ersten Bücher, die ich wirklich gern gelesen habe: Winnetou I, II und III. Ich glaube, damals war Winnetou ein großes Vorbild für mich: leise wie eine Katze, tapfer, mutig und irrsinnig gerecht. Wie habe ich geweint, als er am Ende des dritten Bandes ermordet wurde. Ich weiß noch, dass ich zu diesem Zeitpunkt mit meinem Opa alleine zuhause war. Als er mich plötzlich laut aufweinen hörte, kam er voll Angst in mein Zimmer gestürzt. Er war sehr erleichtert, als er erfuhr, dass ich nur Winnetou zuliebe weinte.“ (Victoria)

Milne, Alexander, Pu der Bär. Wir zitieren Harry Rowohlt, den Übersetzer: „Milne, der Verfasser von Pu der Bär, hieß mit Vornamen Alan Alexander; wir können also davon ausgehen, dass seine Freunde ,Al‘ zu ihm sagten. Oder sogar ,Al-Al‘. Als Milne zum Beispiel gerade überlegte, wie er den Bären, über den er ein Buch schreiben wollte, nennen sollte, kamen seine besten Freunde Keats und Chapman mit dem Fahrrad vorbei. ,Hallo, Al-Al‘, rief Keats, ,kommst du mit ein gepflegtes Bierchen zischen?‘ ,Nein‘, sagte Milne, ,ich hab keine Zeit. Ich überlege gerade, wie ich den Bären nennen soll, über den ich ein Buch schreiben will.‘ ,Na, dann eben nicht‘, sagte Keats. ,Wer nicht will, der hat schon‘, sagte Chapman. ,Puh!‘, rief Keats. ,Genau‘, sagte Milne.“ – und schrieb dieses schönste Kinderbuch aller Zeiten.

Nöstlinger, Christine, Der Hund kommt. „Als die Kinder vom Hund erwachsen waren und die Frau vom Hund gestorben war, ging der Hund von zu Hause fort. Für immer und ewig ging er fort …“ So fängt es an, das Buch, das sowohl von der Lebenserfahrung der Autorin wie auch dieses Helden profitiert, in einem permanenten Wechsel zwischen Schweinsglück und Bärenkummer. Wir pfeifen auf den Gurkenkönig wäre als ein Nöstlinger- Lieblingsbuch hier ebenso zu nennen wie Der kleine Herr Teufel oder Maikäfer, flieg. Nöstlinger tut Lob und Wertschätzung in Interviews immer etwas lakonisch ab, aber wir verdanken ihr viel.

Nordqvist, Sven, Eine Geburtstagstorte für die Katze – nur eins von ich weiß nicht wie vielen Bilderbüchern über Petterson und Findus, von denen auch Paul sehr angetan ist: „Findus ist ein ganz normaler Kater, aber er kann reden, Torte essen, angeln und auf zwei Beinen laufen! Er und Petterson (Herrchen) backen fast jeden Tag Torte, wie bei einem Geburtstag. Deshalb regen sich die Hühner (können auch sprechen) sehr auf. Zusammen machen Petterson und Findus lustige und spannende Sachen.“ Erschienen sind diese „Sachen“ bei Oetinger.

Preussler, Otfried, Der Räuber Hotzenplotz. Ich zitiere hier einfach den Auftakt zu meinem „Geburtstagsalphabet“ in der Tageszeitung „DerStandard“ anlässlich des 40. Geburtstags des Buches im August dieses Jahres: „Apfelstrudel: Auch so eine Leibspeise, die in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur kaum noch erwähnt wird. Meist macht niemand einen besseren Apfelstrudel als eine Großmutter – auch wenn sie so kurzsichtig ist wie die im Räuber Hotzenplotz. Besser sind nur ihre Bratwürste (mit Sauerkraut!) – und genau deshalb wird diese Großmutter nicht nur von ihren Enkeln, dem Kasperl und dem Seppel, geliebt, sondern sie ist auch in chronischer Überfallsgefahr: Das heißt, alle paar Wochen kommt ein Räuber vorbei, manchmal verkleidet er sich dabei sogar als der ehrenwerte Polizeioberwachtmeister Dimpfelmoser. Und dann brüllt er: „Her mit den Bratwürsten und dem Sauerkraut, oder Sie sollen mich kennen lernen, so wahr ich der Räuber Hotzenplotz bin!“

Geschichten wie diese (insgesamt wurden zwischen 1962 und 1973 drei Hotzenplotz- Bände veröffentlicht) erfreuen sich, bis zum heutigen Tag in 34 Sprachen übersetzt und über 6.000.000 mal verkauft), internationaler Beliebtheit. Auf Türkisch heißt der Räuber Hotzenplotz etwa „Haydut Haytazot“, im Italienischen „Il Brigante Pennastorta“ und in Finnland „Ryö-vari Hurjahanka“ – und das, obwohl man anfangs nicht unbedingt davon ausgehen durfte, dass Kasperlgeschichten derart zeitlose Qualität haben können. Eigentlich war die Arbeit am Hotzenplotz für den 1923 in Nordböhmen geborenen Schriftsteller und Lehrer Otfried Preußler nicht mehr als eine Lockerungsübung neben einem ungleich ambitionierteren Projekt: dem Schauermärchen Krabat, das an dieser Stelle als meisterhafte Alternative zu Harry Potter undCo. gesondert empfohlen sei ...“

Robin Hood. „Wer kennt nicht den besten Bogenschützen, Robin Hood und seine Gesellen, wie Bruder Tuck und Little John? Gemeinsam beraubten sie die Reichen und gaben das Geld den Armen. In der Zeit herrschte über England der schleimige, zitternde, bibbernde Prinz John.“ (Paul)

Rowling, Joanne K., Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Ja, das kommt dann Weihnachten 2003 in die Kinos. Ist bis dato der weitaus beste Band in der Potter-Serie. Wir sparen uns hier aber den Platz für weniger Bekanntes.

Silverstein, Shel, Lafcadio. Ein Löwe schießt zurück. Definitiv ein Lieblingsbuch, übersetzt einmal mehr von Harry Rowohlt, erschienen bei Middelhauve. Da treffen sich gleich zu Beginn ein Jäger und ein junger Löwe, und irgendwann legt der Jäger das, was der Löwe als „komischen Stock“ bezeichnet, an die Schulter, drückt auf den Abzug. „Und der Stock machte klick. ,Was war das jetzt für ein Klick?‘, sagte der junge Löwe. ,Bin ich jetzt erschossen?‘ Na, das war, wie du dir vorstellen kannst, dem Jäger furchtbar peinlich, und sein Gesicht wurde so rot wie seine Mütze. ,Ich habe leider vergessen, meine Flinte zu laden‘, sagte er. ,Dieser Witz geht, glaube ich, auf meine Kosten – ha ha –, aber wenn du mich nur ein Momentchen enschuldigen willst, werde ich eine Kugel hineinstecken, und dann machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben.‘ ,Nein‘, sagte der junge Löwe, ,ich glaube nicht, dass ich da mitmache. (…)‘ ,Aber warum?‘ sagte der Jäger. ,Darum. Deshalb‘, sagte der junge Löwe. Und das tat er dann auch.“ Wie Lafcadio dann selbst Jäger, beziehungsweise Kunstschütze wird: Erztraurig. Wahnsinnig komisch.

Snicket, Lemony, Das teuflische Hospital. In VOLLTEXT No. 2 bereits mit einem Vorabdruck bedacht, daher hier nur in aller Kürze: Der junge amerikanische Autor Daniel Handler schreibt unter dem Pseudonym „Lemony Snicket“ derzeit an einer auf 13 Bände konzipierten Series of Unfortunate Events – und Band 8 handelt eben von diesem Hospital, in dem drei Waisenkinder einmal mehr auf sicheres Verderben zusteuern. Auf deutsch kommt das (bei BeltzundGelberg) etwas weniger bibliophil daher als im angelsächsischen Sprachraum, aber die Schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus ist auch so die witzigste, klügste Jugendbuchserie dieser Tage. Für Kids, die bereits englisch lesen: Die fiktive Biografie Who is Lemony Snicket? solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen.

Tolkien, J. R.R., Der Hobbit. „Als ich das erste Mal von einem ,Hobbit‘ gehört habe, dachte ich: ,Oje, was ist das denn?‘ Als aber dann mein Vater damit begann, es meinem Bruder vorzulesen, war ich sofort hellauf begeistert. Ich begann natürlich sofort, es selbst zu lesen und war – das kommt bei mir höchst selten vor – schneller damit fertig als mein Vater. Der Hobbit ist die Basis des Herrn der Ringe: Ein Heidenspaß zum Immerwiederlesen.“ (Victoria)

Tschukowski, Kornej, Doktor Aibolit. Was in so einer Aufstellung auch sein muss: Ein Buch, das man bestenfalls in Antiquariaten erhalten wird, noch aus meinen Jugendtagen, erschienen bei irgend einem ostdeutschen Verlag, der weder auf dem Cover noch in einem Impressum angeführt ist. Paul hat es schon zweimal gelesen: „Dr. Aibolit ist fast ein normaler Doktor, nur drei Sachen sind ungewohnt: 1. Er kann alle Tiere heilen. 2. Er kann die Tiersprache, und er kann sie auch sprechen. 3. Er hat einen Affen, ein Schwein, einen Hund, ein Krokodil und noch viele andere Tiere, und ein paar begleiten ihn in die fremdesten Länder.“ Laut Klappentext war der Autor Kornej Tschukowski (1882–1969) ein „Mensch von einzigartiger Begabung und immensem Wissen“, er war Leninpreisträger und sehr gut mit dem US-Schriftsteller ➞ Hugh Lofting befreundet, dessen Dr. Doolittle ihn auch inspirierte, wobei er mit dem „prächtigen Zeichner Viktor Duwidow“ zusammenarbeitete.

Twain, Mark, Tom Saywer. Ja, die Abenteuer des Huckleberry Finn sind objektiv gesehen größere Literatur (bedürfen freilich auch ausführlicherer Erklärungen: Wie war das damals am Mississipi?) Hier aber: Erste Liebe, erste Spieler-Freuden, ein Bösewicht namens Indianer-Joe und ein fulminantes Ende mit einer Höhle und einem Schatz. Die neue Edition bei Diogenes, illustriert von Tatjana Hauptmann – ein Traum!

Ungerer, Tomi, Die drei Räuber. „Vor langer Zeit lebten drei schreckliche Räuber. Einer hatte eine Donnerbüchse. Der zweite einen Blasebalg mit Pfeffer und der Dritte ein riesiges rotes Beil. In der Nacht raubten sie die Leute aus. Eines Tages überfielen sie eine Kutsche, doch in ihr war nichts als ein Mädchen namens Tiffany. Dieses Mädchen sollte das Leben der drei Räuber ändern. Mehr erzähl’ ich nicht, sonst wisst ihr ja alles.“ Schreibt Paul über sein langjähriges Lieblingsbilderbuch, erschienen bei Diogenes, das man ihm – ohne Übertreibung – ein paar Monate lang täglich mehrmals vorlesen musste. Und Tomi Ungerer muss man hoffentlich nicht mehr vorstellen.

White, E. B., Wilbur und Charlotte. Die Geschichte einer großen Freundschaft: Eine Spinne opfert sich für ein Mastschwein. Erdacht hat das der Autor, auf dessen Vorlage auch die zwei jüngsten Filmerfolge rund um den Mäusemenschen Stuart Little basieren.

Wilde, Oscar, Märchen. „Egal, welche Märchen man auch liest, am besten sind doch immer noch die, die ein nicht allzu gutes Ende haben. Sie regen einen viel mehr zum Nachdenken an und sind natürlich auch viel aufregender zu lesen. Oscar Wilde hat eine Menge solcher Märchen mit nicht allzu guten Enden geschrieben: Der glückliche Prinz, Der ergebene Freund usw. Den Film Ernst sein ist alles, der nach seiner (lustigen und schönen) Vorlage gedreht wurde, mochte ich auch sehr.“ (Victoria).

Claus Philipp ist Kulturressort-Leiter der Tageszeitung „Der Standard“.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio