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Der Amerikaner Neal Stephenson gilt als einer der wichtigsten Erneuerer der modernen Science-Fiction und als Ideenlieferant für Zukunfts-Technologien wie Virtual Reality. Seine oft gut tausendseitigen Werke schreibt er trotzdem lieber mit dem Kugelschreiber als mit dem Computer. Straight. Kein sympathischer Alt-Hippie wie William Gibson, dem bei Interviews jedes andere Thema lieber ist als die von ihm geprägte Wortschöpfung Cyberpunk. Kein arroganter Charismatiker wie Bruce Sterling, der sein halbes Leben rotzfrech durch den Sprawl der Science-Fiction gewandert ist. Vom Haarund Bartstil her eher ein DJ in einer Nobeldisco. Ruhig, gelassen, professionell. Man hat nicht den Eindruck, dass Neal Stephenson sein Leben für das Schreiben geben würde obwohl er zu den professionellsten und ambitioniertesten Science-Fiction Autoren gehört, die Amerika zur Zeit zu bieten hat. Sein Cyberpunk- Roman Snow Crash, in dem er nicht nur die Auslieferungsmethoden zukünftiger Pizza-Boten beschreibt sondern auch das Konzept der Avatare (Manifestationen von Menschen im Cyberspace durch virtuelle Gestalten) vorwegnimmt, steht nicht nur aufrecht in einer Reihe mit William Gibsons Neuromancer sondern wirft bisweilen auch einen deutlichen Schatten auf ihn. Dementsprechend auch die Bezeichnungen, die verschiedene Medien für Neal Stephenson finden: die Village Voice nannte ihn den „Quentin Tarantino der Post-Cyberpunk-Science-Fiction“, die New York Times verglich ihn mit Thomas Pynchon. Neal Stephensons jüngstes Buch, der 2001 auf Deutsch erschienene Roman Cryptonomicon, in dem er tief in die digitale Welt eintaucht, fällt in die Kategorie „kapitaler Schmöker“: ein knapp 1000 Seiten langes Werk – das handschriftlich zu Papier gebracht wurde, denn einen Computer will Stephenson partout nicht benützen. „Viel zu umständlich“, sagt er mit einem Gesichtsausdruck, für den ihn die EDV-Industrie ins Grab wünschen würde. „Es ist einfacher, mit der Hand ein paar hundert Seiten zurückzublättern und irgendwo eine zusätzliche Seite einzufügen. Am Bildschirm ist der Blick eingeschränkt und man sucht ewig.“ Dass trotzdem ausgesprochen umfangreiche Romane zustande kommen, bringt Stephenson launig auf den Punkt. „Mein Arbeitsablauf ist relativ einfach. Wenn es mir gelingt, am Morgen stressfrei aufzustehen und mich an meinen Arbeitsplatz zu begeben, dann kann ich täglich ein paar Seiten schreiben, bevor ich mich mit den Schwierigkeiten des Lebens auseinandersetzen muss. Wenn mir dieser Prozess ein oder zwei Jahre lang gelingt, dann habe ich einen Packen Papier vor mir liegen, den ich letztlich als Buch bezeichne. Dass ich außerdem lieber Papier und Kugelschreiber statt einem Computer verwende liegt daran, dass ich sehr linear schreibe, sehr narrativ: Anfang, Mitte, Ende. Es würde mir nichts bringen, einen Computer zu verwenden. Ich schreibe eben Bücher, keine interaktiven Hypertext-Stories. Würde ich für eine Website schreiben oder für eine CD-ROM, dann wäre es vermutlich eine schreckliche Vorstellung, das auf Papier zu tun. Der Computer hat seine Einsatzmöglichkeiten, das muss ich zugeben; aber für mich bringt er keine Vorteile.“ Tippen dürfen dann andere, und das nicht wenig, denn Stephenson hat Cryptonomicon als ersten Band einer losen Trilogie konzipiert, der die Leser bis ins Mittelalter zurückführen soll. „Das ist nichts ungewöhnliches“, meint Stephenson. „Manchmal haben Science- Fiction-Autoren die Angewohnheit, Dinge zu verwenden, die man typischerweise nicht als Science-Fiction betrachten würde. Eines der herausragendsten Beispiele dafür ist The Difference Engine von Bruce Sterling und William Gibson – eine Reise in eine Vergangenheit, in der die Erfindung eines dampfbetriebenen Computers die Welt wie wir sie kennen, verändert hat. Es hört sich vielleicht komisch an – aber es käme mir nie in den Sinn, mich auf ein Genre festzulegen. Für mich ist das alles eins. Mein früherer Roman Zodiac zum Beispiel spielt in der Gegenwart. Für mich ist alles, was ich schreibe, dasselbe, und es ist mir nie wirklich bewusst, ob ich nun an einem Science-Fiction Roman arbeite oder an etwas anderem. Was Cryptonomicon angeht, benütze ich den Begriff Trilogie mit Vorsicht, da ich nicht genau sagen kann, wie viele Bücher letztlich zu Cryptonomicon gehören werden. Bei Trilogien liegt außerdem der Gedanke recht nahe, dass die einzelnen Bücher inhaltlich mehr oder weniger nahtlos miteinander verknüpft sind. Mir schwebt allerdings mehr eine Reihe von Büchern vor, die über geschichtliche Ereignisse, Familienhistorien und ähnliches miteinander verknüpft sind. Daher stimmt der Ausdruck Trilogie nur annähernd – auch wenn er immer wieder auf meine Pläne angewendet wird.“ In Cryptonomicon erzählt Neal Stephenson eine Geschichte, die über Codebreaker aus dem Zweiten Weltkrieg, Goldlager der Achsenmächte bis zu uneinnehmbaren Datenlagern in der Gegenwart reicht, digitale Währungen inbegriffen. An technischen Versatzstücken ist alles vorhanden, was der Fundus der Science-Fiction zu bieten hat, vom Transatlantik- Glasfaserkabel bis zum Perl-Script (eine Sprache zum Programmieren von Web- Anwendungen). Eines der verbindenden Elemente der Cryptonomicon-Reihe ist der Titel selbst: „Um alle geplanten Romane miteinander zu verbinden, kam ich auf ein fiktives Buch dieses Namens, das laut der Geschichte im 17. Jahrhundert von einem englischen Gelehrten geschrieben wurde“, erklärt Stephenson. „Es ist eine Art talmudsches Kompendium kryptologischer Überlieferungen, das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert wurde. Es kommt im Roman nur kurz vor. Es wird lediglich ein- oder zweimal im Teil über den Zweiten Weltkrieg erwähnt.“ Mit dem Genre-Label Science-Fiction kann Stephenson gut leben: „Dann wissen die Leute im Geschäft wenigstens gleich, in welchem Regal sie nach meinen Büchern suchen müssen. Alles andere wäre vermutlich auch Etikettenschwindel.“ Zum harten Kern der Science-Fiction Autoren zählt sich Neal Stephenson aber nur mit Vorbehalt. „Mit solchen Aussagen muss man ein wenig vorsichtig sein. Ich liebe Science- Fiction und habe als Kind sehr viel in diese Richtung gelesen. Dann kam eine längere Pause und nun beschäftige ich mich auch als Konsument wieder sehr intensiv mit dieser Literaturgattung. Aber es ist schon so, dass manche Fans ein wenig traurig sind, wenn ich ein Buch veröffentliche, dass nicht hundertprozentig SF ist, sondern andere Elemente enthält.“ Sehr reale Elemente, wie Stephenson gerne betont: „Viele Science-Fiction Autoren entwerfen neue Universen, die sich deutlich von unserer Welt unterscheiden, und die sie über viele Jahre hinweg ausbauen und kultivieren. Ich gehe einen anderen Weg. Ich denke mir keine neuen Welten aus – meine Bücher spielen genaugenommen hier und jetzt, ich füge nur einige neue Dinge hinzu oder verfolge Trends, die ich dann deutlicher herausarbeite. Ich weiß zwar nicht, wie sich meine Arbeit in der Zukunft entwickeln wird, aber ich habe keine Ambitionen, parallele Universen zu beschreiben, wie das beispielsweise Isaac Asimov oder Robert Heinlein getan haben.“ Darum passiert es auch dann und wann, dass Stephensons Visionen von der Wirklichkeit eingeholt werden, bevor sie noch in den deutschen Buchregalen landen. In Cryptonomicon beschreibt er zum Beispiel einen sogenannten „Daten-Hafen“ auf einem uneinnehmbaren Pazifik-Atoll. Ein solcher „Data- Haven“ soll in der Nordsee, wenige Seemeilen vor der englischen Küste, tatsächlich entstehen. Ein Team aus Technikern und Investoren will eine alte Militärplattform namens „Sealand“ in eine High-Tech-Insel umbauen, die vom Dach bis zur Wasserlinie mit Computersystemen bestückt ist. Hinter dem kühnen Plan steht das Start-Up-Unternehmen HavenCo Inc., das seinen Firmensitz auf der knapp zehn Kilometer vor der englischen Küste gelegenen Nordsee-Plattform hat – und damit das erste Internet-Unternehmen ist, das keiner Gerichtsbarkeit unterliegt und zu keinem Staat gehört. Denn obwohl die englische Regierung ihre Besitzansprüche schon vor Jahren von den üblichen drei Meilen auf zwölf Meilen ausgeweitet hat, gilt Sealand als neutrale Zone. Wer seine Daten auf Sealand speichert, kann sicher sein, dass keine Regierung der Welt sie jemals zu Gesicht bekommt. Parallelen zu Sealand weist Neal Stephenson allerdings dennoch mit Vehemenz zurück: „Die Idee eines Data-Haven ist ein altes Versatzstück aus der Science-Fiction, das bereits vor mehr als einem Jahrzehnt von John Brunner in seinem Roman Der Schockwellenreiter verwendet wurde. Als Sealand eröffnet wurde, schrieben mir Leser aus der ganzen Welt E-Mails: Hey, Neal, sieh mal: die haben deine Idee geklaut und in die Wirklichkeit umgesetzt. Aber es war nicht meine Idee. Es gab einige Verwirrungen, weil ein Sealand-Mitarbeiter Avi heißt – genau wie eine Figur in meinem Buch. Aber die Idee an sich stammt nicht von mir. Seit langer Zeit diskutieren Autoren und Leser das Konzept unabhängiger Datenpools. Dass die Leute von Sealand – oder HavenCo – mein Buch als Inspirationsquelle genannt haben, ist natürlich nett, aber ich habe nichts damit zu tun. Und ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken. Auch wenn die Parallelen zugegebenermaßen sehr überzeugend sind.“ Diese Parallelen sind auch der Grund, warum Neal Stephenson von Fans (und zum Teil auch von Kritikern) immer wieder gerne in die Nähe von Dot.com-Unternehmern und Internet-Künstlern gerückt wird. Bei dieser Art von Schubladisierung fühlt er sich allerdings nicht besonders wohl. „Ich bin nicht besonders gut beim Beantworten von Fragen, die sich darum drehen wie ich mich mit einer Sache fühle. Das liegt daran, dass ich als westlicher Junge erzogen wurde, der seine Gefühle nach Möglichkeit zu unterdrücken hat. Ich kann daher auch gar nicht so viel dazu sagen – außer, dass die Ähnlichkeiten offenbar größer erscheinen als sie tatsächlich sind. Es mag schon stimmen, dass viele Leute, die im Internet künstlerisch aktiv sind oder Internet-Unternehmen starten, von meinen Büchern inspiriert wurden – ich persönlich habe aber keine besonders großen Ambitionen, auf diesem Gebiet selbst tätig zu sein.“ Zumal sich Neal Stephenson nicht als Experte in Sachen Zukunftstechnologien versteht. „Ich verwende sehr viel Zeit für Recherchen, bevor ich ein Buch zu schreiben beginne. Aber es ist nicht so, dass ich bei der Entwicklung eines Romankonzepts ein bestimmtes Thema in den Vordergrund stelle und dieses dann detailliert ausrecherchiere. Ich bin eher ein Autor, der sich mit vielen Dingen beschäftigt, von denen er wenig Hintergrundwissen besitzt. Ich praktiziere eine andere Art von Recherche als ein Akademiker. Wenn jemand ein Buch über den Zweiten Weltkrieg schreibt, dann muss er eine Menge Material sichten und mit vielen noch lebenden Zeitzeugen sprechen. Für mich bedeutet Recherche, dass ich mich in einen bequemen Sessel setze und ein Buch über ein bestimmtes Thema lese oder mit Bekannten und Verwandten über ein Thema intensiv spreche. Das ist mein erster Ansatz. Erst im Laufe der Recherche kristallisiert sich überhaupt heraus, wo die Schwerpunkte liegen. Das liegt daran, dass ich meine Inhalte nicht um die Technik herumkonstruiere sondern umgekehrt. Auch eine fiktive Welt muss in sich schlüssig sein. Daher entwerfe ich zunächst das Handlungsszenario, aus dem dann auch die notwendigerweise verwendete Technologie resultiert. Dadurch wird die Handlung nicht in eine falsche Richtung getragen und von technologischen Möglichkeiten bestimmt. Das Gegenteil ist der Fall.“ Eine Aussage, die man Neal Stephenson auf den ersten Blick nicht hundertprozentig abkaufen will: mit seinem Konzept der Avatare gilt er immerhin als einer der großen Ideenlieferanten auf dem Gebiet der Virtual Reality. Sein Roman Snow Crash, in dem sich Menschen durch künstliche Gestalten im Cyberspace manifestieren (und sich dort wie in echten Städten bewegen und interagieren) wird von manchen Hard- und Software-Technikern als Blaupause für die Entwicklung funktionierender Virtual Reality-Systeme angesehen. „Auch diese Tendenzen sehe ich mit Vorbehalt. Snow Crash enthält zwar viele Elemente, die man auch im World Wide Web oder in Virtual Reality-Installationen wiederfindet, das ist aber auch schon alles. Ich akzeptiere, dass Leute einige meiner Ideen als Ausgangsbasis für eigene Entwicklungen genommen haben – das Ergebnis entspricht aber nur im Ansatz der in Snow Crash entworfenen Welt. Sähe das World Wide Web auch nur ein bisschen so aus, dann sollten wir es vermutlich schnellstens abschalten. Ich hätte ein sehr seltsames Gefühl, würden sich meine literarischen Visionen auf diese technische Art bewahrheiten. Trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass meine Bücher Menschen dazu gebracht haben, eine bestimmte Art von Software zu entwickeln oder Firmen zu gründen, die sich mit virtuellen Internet- Technologien befassen. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass meine Bücher oft so etwas wie eine Starthilfe darstellen. Die Leute nehmen meine Ideen, um andere Ideen oder Firmen daraus zu entwickeln. Ich stehe also als Inspiration am Anfang, aber sobald die Dinge in Gang gekommen sind, arbeiten die Leute mit ihrer eigenen Vorstellungskraft und ihrer eigenen Kreativität weiter. Das ist eine Art von Beziehung, die mir sehr sympathisch ist und die mir gut gefällt.“ Auch wenn Neal Stephenson zum Schreiben keinen Computer verwendet, hat er doch einen zu Hause stehen, da er sich für Cryptonomicon sehr intensiv mit Verschlüsselungstechnologien auseinandersetzen musste. „Ich habe PGP (Pretty Good Privacy, ein weltweit stark verbreitetes Programm zur Verschlüsselung von Daten) und ähnliches auf meinem Computer zu Hause, aber ich benutze es nicht oft. Ich habe nicht sehr viele Geheimnisse. Hätte ich eine Firma, dann würde ich wahrscheinlich anders denken. Ich bin mehr daran interessiert, wie das Verschlüsseln angewendet werden kann, um eine Identität zu verifizieren und Dokumente zu unterzeichnen. Der Trend aber scheint mir in eine andere Richtung zu gehen. Man könnte das mit dem Besitz von Schusswaffen vergleichen. Viele Leute in Amerika glauben, dass es eine gute Idee ist, sich die Möglichkeit zu bewahren, sich im Notfall gegen eine repressive Regierung schützen zu können. Ohne mich nun dazu äußern zu wollen, glaube ich, dass viele Krypto-Leute eine vergleichbare Einstellung zur Kryptologie haben. Obwohl sie sie nicht täglich für ihre E-Mails benutzen, glauben sie, dass es für die Allgemeinheit für den Fall, dass sich die Dinge verschlechtern, sicherer ist, Zugang zu dieser Technologie zu haben. Wenn solche Sachen wie der Melissa-Virus häufiger passieren, werden die Leute öfters darauf zurückgreifen.“ Versteht sich Neal Stephenson als gesellschaftskritischer Autor, der mit seinen Büchern die Welt verändern will? „Ich glaube, wenn man versucht, einen Roman zu schreiben oder ein sonstiges Kunstwerk zu schaffen, und einen ganz bestimmtes Ziel verfolgt, nämlich eine bestimmte Leserschaft anzusprechen oder eine bestimmte Wirkung auf die Welt zu erzielen, dann neigt die Kunst dazu, darunter zu leiden. Und ich versuche, das zu vermeiden. Ich versuche, mit einem Eindruck oder einem Szenario, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme, zu beginnen, und darauf aufzubauen.“ |
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Freitag, 25. November 2011
Titelgeschichte: Die Geisterstadt
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Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.
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Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike
Herr Jesus springt
Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub
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Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio