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Thomas Meinecke lässt sich für seine Romane (Tomboy, Hellblau) wie kein anderer Autor von aktuellen Pop-Diskursen und eigenen Erfahrungen als Musiker und DJ inspirieren. Mit Sebastian Fasthuber sprach er über das Gemeinsame von Popmusik und Literatur sowie über die Unterschiede zwischen seinen Texten und jenen Nick Hornbys.
VOLLTEXT Mit Popmusik assoziiert man landläufig das Unmittelbare, mit der Literatur dagegen das bereits Reflektierte. Ein für Sie haltbarer Gegensatz?
Meinecke Die Popmusik, die eine Unmittelbarkeit oder Authentizität verspricht – vor allem eben Rock’n’Roll –, hat mich nie interessiert, weil ich an sowas nicht glaube. Ich schätze jene Musik am meisten, die ihre eigenen Bedingungen und Bezugspunkte mitreflektiert. Das gilt auch für schwarze Musik wie den Jazz, dem man im Nachhinein gerne Authentizität andichtet, und geht für mich sogar zurück bis zur vermeintlichen „Roots“-Musik Blues, die in Wahrheit von Entwurzelung und Migration handelt. Von der Differenz zwischen dem, wo man sein könnte und wo man gelandet ist. Ich habe immer versucht, aus solchen Überlegungen zu lernen, was Texte leisten könnten. Insofern besteht für mich ein ganz großer Zusammenhang zwischen Popmusik und Literatur.
VOLLTEXT Sounds sind aber zweifellos schneller als Worte?
Meinecke Genau deshalb kann Musik auch für die Literatur nützlich sein. Weil sie schneller da ist und diesen Ballast aus Worten, Bedeutungen und Bildung zumindest noch nicht explizit mit sich herumträgt. Bei Texten hinter dieses Blendwerk aus Aussagen und Inhalt zu gucken, lerne ich seit dreißig Jahren durch Musikhören. Sonst würde ich wahrscheinlich gar nicht schreiben.
VOLLTEXT Wie unterscheiden Sie zwischen der Arbeit an Musik und an Texten?
Meinecke Die Arbeitsweisen sind natürlich total verschieden. FSK, mit denen ich seit Ewigkeiten spiele, ist halt eine Band und da ist man immer wieder mit einer Magie konfrontiert, die nur spontan durch kollektive Arbeit entstehen kann. Alleine am Laptop Texte zu schreiben, ist da eine ganz andere und isolierte Angelegenheit. Und dann habe ich ja auch noch eine Existenz als Radio-DJ, wo ich einfach nur tolle Musik spielen kann. Das Schöne daran ist, dass ich das Sonische nicht wie ein Kritiker im Printmedium adäquat formulieren muss, sondern einfach zum Klingen bringen kann. Diese drei Tätigkeiten machen meinen Arbeitsalltag aus. Es sind völlig unterschiedliche Ansatzpunkte, aber alle drehen sie sich absolut um Musik. Um Popmusik.
VOLLTEXT Der mittlerweile inflationäre Vergleich des Schreibens mit der Arbeit des DJs hat Sie als einen der ersten Autoren ereilt. Wie stehen Sie dazu?
Meinecke Ich bin ja selber mit Schuld daran und habe das so lange verbreitet, bis es mir richtig aus den Ohren raushing. Wobei es wahnsinnig naheliegend ist, weil es natürlich Analogien gibt. Aber dadurch, dass von Gott bis Gerhard Schröder mittlerweile alle DJs sind, ist es schwierig geworden, sich da entsprechend zu positionieren. Vielleicht sollte man es aber gerade deswegen tun.
VOLLTEXT Bei Ihnen liegt der Vergleich irgendwie auf der Hand: Sie arbeiten wie ein DJ mit vorgefertigtem Material, zitieren ausgiebig und stellen so eine Art Mix her?
Meinecke Auch wenn mich zwischenzeitlich dieser Hype sehr genervt hat, stimmt das für den Schreibprozess so noch immer: Ich bediene mich aus vorhandenen, gedruckten, gepressten Datenträgern, mache daraus etwas Anderes und gehe dabei wie bei einem DJ-Set immer intuitiv vor. Ein Text lässt sich für mich deshalb nie groß vorausplanen, weil das Narrative eine Eigendynamik hat, die manchmal einfach erfordert, an ganz anderer Stelle zuzugreifen. Dieser Vergleich trifft für mich daher wahrscheinlich mehr als auf alle anderen Autoren zu. Gerade viele der Jüngeren glauben heute wieder, dass sie dem Authentizitätsprinzip gehorchen müssen und versuchen dann, etwas Eigenes ganz tief aus sich herauszuholen. Das ist nach wie vor nicht mein Projekt.
VOLLTEXT Sie haben einmal gesagt, sie schätzen Literatur dann, wenn sie groovt. Oft wird sie aber immer noch eher an der (Sprach-)Melodie als am Rhythmus gemessen.
Meinecke Das ist meines Erachtens eine weiße europäische und irgendwie auch alte Sicht der Dinge. Sowohl Thomas Bernhard als auch Rainald Goetz grooven schon auch sehr rhythmisch. Aber natürlich ist die Melodie wichtig, wie auch das Auge: Das kommt mir manchmal plötzlich komisch vor, wie so ein Wort auf einem Buchdeckel ausschaut. Und da nehme ich dann eben ein anderes Wort. Andererseits finde ich es sehr reizvoll, wenn etwas ganz hässlich und schief klingt und nehme gerne auch unelegant formulierte Dinge in meine Texte mit rein. Die mache ich deswegen nicht hübsch. Überhaupt kann ich mit literarischen Konventionen wenig anfangen: So und so muss ein erster Satz sein, so schreibt man Dialoge. An diese Dinge glaube ich alle nicht.
VOLLTEXT Wo wären für Sie Unterschiede festzumachen zwischen Popliteratur Marke Nick Hornby und solcher, die Pop ernsthaft reflektiert?
Meinecke Das eine ist eine Literatur über Pop und das andere eine Literatur, die selbst Pop ist, um das mal etwas schlapp dahinzusagen. Es gibt auf der einen Seite eben die Hornby-Schule, die im Prinzip Fanliteratur ist, weil diese Leute einfach über die Platten schreiben, die sie lieben. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und mache in meinen Radiosendungen wahrscheinlich etwas Ähnliches. Aber es gibt auch Texte, in denen keine einzige Pop-Platte vorkommen muss, die aber selber wie das funktionieren, was man an Popmusik so mag. Ich bin jedoch der Allerletzte, der das hierarchisieren würde wollen, ich bin sogar noch eher bereit, schlechte Popliteratur zu verteidigen, bevor man sie im Ganzen diskreditiert. Das nämlich hätte das bürgerliche Feuilleton nach wie vor am liebsten, weil diese Art von Texten dem durchschnittlichen Rezensenten immer noch fremd und damit bedrohlich vorkommen.
VOLLTEXT Wer Pop thematisierende Literatur rezensiert, muss auch über die jeweilige Musik Bescheid wissen?
Meinecke Ja, denn der Popdiskurs lässt sich einfach nicht in drei oder vier Sätzen vermitteln. Du musst Teil davon sein und entsprechende Hörgewohnheiten haben. Man kann nicht jemandem an einem Nachmittag mit zehn Maxis erklären, was an Techno toll ist, sodass der danach hergeht und einen guten Aufsatz darüber schreibt. Von daher ist Pop für den herrschenden Diskurs etwas Bedrohliches. Die daraus resultierende Abwehrreaktion des Feuilletons ist für mich letztlich der beste Beweis dafür, dass Pop recht hat. Gerade mir als Suhrkamp-Autor passiert das ja oft, dass ich mich bei Interviews mit den Kritikern gegen das vermeintlich Schlechte verbrüdern soll. Also: Guter Suhrkamp-Pop von Rainald Goetz, Andreas Neumeister oder mir gegen bösen Kiwi-Pop von Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre. Da mache ich nicht mit, denn gerade Pop fordert einen ständig heraus, zu differenzieren und immer neu zu differenzieren.
VOLLTEXT Ein Einwand gegen einen Text wie Hellblau wäre, dass man die behandelten Phänomene kennen muss, um Spaß daran zu haben. Die im Buch zentralen Techno-Produzenten Drexciya werden den wenigsten Lesern etwas sagen.
Meinecke Gerade da gab es aber sehr schöne Rückmeldungen. Silvia Bovenschen, die eigentlich nur klassische Musik hört, hat das Buch gelesen und total richtig verstanden. Es kommt vielleicht die Neugier auf, mal so eine Drexciya-Platte zu hören. Aber begriffen, worum es mir geht, haben sie und viele andere auch ohne das zu kennen. Blöd wäre, wenn der Eindruck entsteht, man müsste alles kennen, um den Text verstehen zu können. Wenn der Verdachtsmoment des „Nerdigen“ aufkommt, des jungshaften Wissens eines Typen, der alle Platten hat. Das ist aber etwas, das ich meines Erachtens von Roman zu Roman besser vermeide.
VOLLTEXT Könnte das Verstehen deshalb funktionieren, weil bei Ihnen der Pop fest in der Struktur des Textes verankert ist, während sich Autoren wie Hornby erinnernd an einzelne Momente und Songs halten?
Meinecke Für Hornbys Schreiben fällt mir der altmodische Begriff „Verständigungsliteratur“ ein: Ich einige mich mit meinen Lesern darauf, wie wir denn sozialisiert sind und warum wir heute so sind, wie wir geworden sind. Bei mir geht es dann doch um Platten, die sogar geringere Auflagenzahlen als meine Bücher haben. Die können gar nicht alle Leser kennen und darum kann es nicht um eine Vergewisserung gehen, sondern im Gegenteil um Fragestellungen. Das ist mein Anspruch, aber der ist durchaus verbesserungswürdig.
VOLLTEXT Woran arbeiten Sie denn gerade?
Meinecke Ich sitze schon seit über einem Jahr an einem Buch, wo es musikalisch um Sachen geht, die den Leuten eher bekannt sind. Einem Black-Music-Kosmos, der sich von Disco bis R’n’B bewegt. Aber die Leser sollen das dann nicht im Sinne einer Vergewisserung an der eigenen Erfahrung messen, sondern vielmehr im Sinne einer Verunsicherung.
VOLLTEXT In Ihren Texten wird zwar viel reflektiert, aber es ist dennoch ein Drang nach vorn spürbar.
Meinecke Das ist natürlich eine weitere typische Pop-Tugend. Es geht um die Gegenwart – und das macht diese Verständigungstexte denn auch ein wenig fragwürdig, weil sie so etwas Abschließendes an sich haben, das oft einfach mit dem biologischen Alter der Autoren zu tun hat. Da ist bei mir zum Glück anscheinend irgendein Enzym nicht ausgeschüttet worden. Ich bin mittlerweile 47 und renne immer noch jede Woche x-mal in verschiedene Plattenläden, um irgendeine Platte, die doch endlich mal da sein müsste, hören zu können. Popliteratur sollte meinem Empfinden nach nie etwas Endgültiges an sich haben, weil das Interessante am Pop doch immer seine Versprechungen sind.
VOLLTEXT Literarisch interessant ist die Frage, wie man Pop-Texte gestalten müsste, damit sie auch nach zwanzig Jahren und nachdem man die erwähnten Bands und Platten vergessen hat, noch lesenswert sind. Machen Sie sich darüber Gedanken?
Meinecke An Pop finde ich ja gerade toll, dass er sich nicht darum kümmern muss, ob er in zwanzig Jahren noch verständlich ist. Das Relevante davon wird auch dann noch interessant sein. Das andere könnte man später durch die kulturwissenschaftliche Brille lesen und messen an Dingen, die danach passiert sind und die das jeweilige Buch noch gar nicht wissen konnte. Andererseits kenne ich den Moment, dass ich einen Namen fallen lasse und mir denke, ich muss jetzt doch klar machen, was das eigentlich ist. Für Leser, die vielleicht viel später leben oder aus einer ganz anderen Welt kommen. Da bin ich manchmal in einem leichten Zwiespalt, wobei ich grundsätzlich eher der Meinung bin, dass Pop sich darum nicht zu kümmern hat.
VOLLTEXT Wenn man das zu Ende denkt, würde bei der Paarung „Pop und Literatur“ das Pendel für Sie doch ein wenig in Richtung Pop ausschlagen?
Meinecke Das kann man so sagen. Er steht für mich doch irgendwie drüber. |