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Freitag, 20. Juni 2003

Maxim Biller: Stellungnahme zum Prozess um Esra

 

Verfasst für das Landgericht München.

Was ist die Arbeit eines Schriftstellers? Inspiriert und beseelt von der Wirklichkeit, in der er lebt und die er erlebt, erschafft er die Fiktion, die wir Erzählung, Roman, Novelle oder Gedicht nennen. Im Gegensatz zu einem Reporter versucht er nicht, die Wirklichkeit so wahrheitsgetreu wie möglich nachzuzeichnen – und schon gar nicht hat der Schriftsteller die politische oder polemische Absicht eines Kolumnisten oder Leitartiklers, die Realität und einzelne reale Personen zu kritisieren, bloßzustellen oder moralisch zu bewerten. Der Schriftsteller erzählt Geschichten vom Leben – nicht gegen das Leben –, und darum ist Literatur immer nur eins: die Hymne auf die große menschliche Tragikkomödie und nicht ein Kommentar zu ihr. Allein der Schlüsselroman als einzige literarische Gattung bedient sich teilweise der Methoden des Meinungsjournalismus; die Intention eines Schlüsselromans ist die Satire auf reale Personen oder Zustände oder ihre Schmähung.
Mein Roman Esra ist Literatur – er ist nicht Kommentar, nicht Polemik, nicht Schlüsselroman. Es war nicht meine Absicht, dass reale Personen sich bei seiner Lektüre wiedererkennen oder gar geschmäht fühlen – meine Absicht war es, eine große, schöne und tragische Liebesgeschichte zu erzählen, wie es sie in der Literaturgeschichte seit dem Buch der Lieder zu Hunderten gibt.
Natürlich habe ich mich – wie fast jeder Schriftsteller bei fast jedem Buch – dabei von der Realität inspirieren lassen. Allerdings sind die Romanfiguren, die in Esra vorkommen, nicht die Portraits ihrer Urbilder; die Urbilder dienten mir bloß als Anregung für die vertypten Romanfiguren – schon deshalb, weil nur so ein ernsthaftes literarisches Werk entstehen konnte. Hätte ich versucht, die Realität wahrheitsgetreu nachzuerzählen, wäre dabei bestenfalls eine Reportage herausgekommen, schlechtenfalls ein schlechter Roman. Goethe hat es mit dem Werther nicht anders gemacht, Henry Miller nicht anders mit Sexus, Thomas Mann nicht anders mit Wälsungenblut, Jack Kerouac nicht anders mit Unterwegs, Turgenjew nicht anders mit Väter und Söhne. Und so fort.
Wie sehr man sich als Schriftsteller, der man einerseits die Realität braucht und diese andererseits durch Ästhetisierung des Erzählmaterials so weit wie möglich hinter sich lassen muss, von der Realität der ihn anregenden Urtypen entfernt, kann man auch bei Esra sehen. Zwar tragen einige Figuren des Romans Züge realer Personen – doch das meiste von dem, was in dem Roman passiert, hat sich in der Realität nie ereignet. Zentrale Szenen des Romans wie das Abendessen bei Lale Schöttle (S. 101-106), der Besuch von Lale Schöttle und Esra Adrian im Museum der Nobelstiftung in Stockholm (S. 85 ff.), der große Streit zwischen Esra, Lale und Frido in der Türkei (S. 67 ff.), Adams Verfolgung von Thorben und Esra (S. 191-194), die Reise von Adam zu den Großeltern von Esra in die Türkei einschließlich deren Geständnisses, jüdisch zu sein (S. 194-206), Esras Traummonolog (S. 178-181), die Begegnungen von Adam und Esra mit Lale und Frido im Café Venezia (S. 182-185), das Aufeinandertreffen von Adam mit Esras gesamter Familie im Restaurant Tre Colone (S. 212 f.) – das alles und noch einiges mehr ist frei erfunden. Und es gab zwar eine Erzählung in meinem ersten Erzählband Wenn ich einmal reich und tot bin, worin die türkische Mutter einer jungen türkischen Braut vorkommt – doch nur mit einer kurzen, flüchtigen Beschreibung ihres Äußeren. Wenn dann der fiktive Adam, der fiktive Schriftsteller in der Romanfiktion Esra, erzählt, er habe über die fiktive Lale Schöttle schon einmal eine Erzählung geschrieben, in der er – stark übertrieben und darum wiederum fiktiv – von Lales Persönlichkeit und unklaren Geschäften erzählt habe, wofür sie ihn bis heute hasse, dann ist auch das eine weitere Fiktion innerhalb einer Fiktion und mitnichten etwas, das wirklich passiert ist.
Was will ich mit all dem sagen? Dass ein Schriftsteller die Realität immer nur als Sprungbrett für seine Phantasie benutzt, weshalb auch so private Momente von Esra wie die Liebesszenen, die Streitereien und schönen Gespräche zwischen Esra und Adam oder Adams Telefonate mit seiner Mutter so beschrieben sind, dass kein Leser jemals darüber nachdenken wird, ob sie sich wirklich zugetragen haben. Den Leser – der einen seriösen Roman eines seriösen Autors niemals mit einer Bunte-Klatschspalte verwechseln wird – interessiert nur eines: Tun die Romanfiguren, die für ein paar Stunden und Tage die Begleiter seiner Imagination sind, überzeugend das, was der Schriftsteller sie tun lässt oder nicht? Das ist hier die einzige und entscheidende poetologische Frage. Der Bezug zur realen Realität interessiert den Leser, der weiß, dass Literatur die permanente Neuerfindung einer phantastischen Realität ist, genausowenig wie den Autor.
Wie sagt Adam zu Esra, die fürchtet, er könnte eines Tages über sie schreiben, so wie er einmal über Lale geschrieben hat? „Esra! Esra… Das ist eine Geschichte. Das ist alles nur ausgedacht. (…) Das ist so wie… Das ist, wie wenn ich auf der Straße eine Frau mit einem großen Sonnenhut sehe, und die dreht sich um, und das ist ein besonderer Moment. Und dann gehe ich nach Hause und denke mir etwas aus über eine Frau mit Sonnenhut, die sich auf der Straße umdreht, weil sie denkt, sie hätte gerade, sagen wir, ihre Tochter gesehen, mit der… mit der sie seit Jahren nicht mehr geredet hat.“ (S. 16) Esra ist mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Die fiktive Esra, die Esra, die wiederum selbst eine Romangestalt ist. Was folgt – unter anderem – daraus? Dass gute Literatur ein Spiegelkabinett aus Realität und Fiktion ist – und dass jeder, der sich in diesem Spiegelkabinett wiederzuerkennen glaubt, alles sieht, nicht nur das, was wirklich war oder ist.
- Berlin, den 21.3.03

 


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