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Freitag, 20. Juni 2003

"Wollust, Sorglosigkeit und Mut"

 

Jahrzehntelang war Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" nur in einer verstümmelten Version auf deutsch zugänglich. Eine kongeniale Neuübersetzung zeigt das düstere Werk in seiner Größe und Beschränkung.

Dies ist ein fürchterliches Buch. Anders kann und sollte man es nicht ausdrücken. Mit jeder höflichen Umschreibung, jeder eleganten Einordnung in den feuilletonistischen Diskurs wird man Absicht und Eigenart der Reise ans Ende der Nacht nicht gerecht und macht sie zu etwas, was sie nicht sein will, nämlich zu „guter Literatur“. Louis-Ferdinand Célines 1932 erschienenes Hauptwerk ist ein Buch lupenreinen Hasses, ein schäumender, vor Vitalität pulsierender Angriff nicht auf den Krieg, nicht auf bestimmte Züge der Gesellschaft, sondern auf Menschheit und Menschlichkeit, auf die Schöpfung, wie sie ist. Céline ist kein Satiriker. Selbst Swift und Kraus, so düster ihre Visionen auch sind, schrieben aus dem Gedanken an ein Ideal heraus, aus der Vorstellung, wie die Welt sein könnte, wenn sie besser wäre. Bei Céline gibt es ein Besseres nicht einmal als Möglichkeit: Da ist bloß Tod und Dreck, die Erbärmlichkeit des Daseins, die unfruchtbare Lächerlichkeit jedes Versuches zur Befreiung, sonst nichts. Das ist keine angenehme Lektüre. Wenn man die Reise ernst nimmt, nicht bloß als literarisches Experiment, als „wichtiges Buch“, sondern als die existentielle Vision, die sie sein will, zeigt sie sich als ein Unternehmen, das ein Mensch mit gesundem Geist kaum beginnen, noch weniger beenden konnte; kein Wunder, daß sich Céline nach den Berichten seiner damaligen Lebensgefährtin Elisabeth Craig während der Arbeit daran für immer veränderte. Die Handlung ist autobiographisch geprägt, kaum nacherzählbar und im Grunde nebensächlich: Ein Erzähler namens Ferdinand erlebt den Ersten Weltkrieg, kommt in die Nervenheilanstalt, wandert nach Amerika aus, lebt in New York und Detroit, taucht plötzlich wieder in Frankreich auf, wo er als Armenarzt arbeitet, wird für eine Weile Mitglied einer Varieté-Truppe und zuletzt stellvertretender Leiter eines Irrenhauses. Eine Handvoll rasch skizzierter und ebenso rasch wieder verschwundener Nebenfiguren eilt vorbei, die Schauplätze wechseln mit filmischer Geschwindigkeit, Fragmente von Nebenhandlungen werden fallengelassen, bevor sie sich abrunden können. Das Buch lebt zur Gänze von dem Kontrast zwischen der atmosphärischen Intensität seines dunklen Weltbildes und der burlesken Lebendigkeit seiner Sprache.

Und diese, nun von Hinrich Schmidt-Henkel kongenial in ein nie zu platt modernes Deutsch übersetzt, ist es trotz allem, die den Roman an eine bestimmte Epoche und Kultur bindet: Céline öffnete das Französische weit für die Umgangssprache, für Slang und Argot, für das Poetische des Vulgären. Bis heute hat die Reise damit gerade für gebildete Franzosen, für Absolventen der Ecoles Normales, die an den Pomp und die falsche Würde gewöhnt sind, mit der sich Frankreichs offizielle Prosa gern umkleidet, etwas von einem befreienden Skandalon. Hierin vor allem, viel mehr als in seinem Angriff auf das Militär, liegt der Grund für den unmittelbaren Erfolg. Zwar gehören die Kriegspassagen in ihrer Drastik zu den beeindruckendsten der modernen Literatur, aber für Célines universale Verachtung ist der Krieg nur ein Gipfelpunkt menschlicher Torheit mehr, sind die Offiziere in ihrer stolzen Dummheit nur noch ein Beispiel für die Verkommenheit der französischen Oberschicht. Im Weltbild der Reise ist das ganze Dasein ein Krieg, blutig, brutal und widerlich, also ist der Krieg selbst nur eine Abscheulichkeit unter vielen.

Dass die Reise gerade jetzt neu ins Deutsche übersetzt wird, dass zur gleichen Zeit der Piper-Verlag die wohlkalkuliert bruchstückhaften Memoiren von Célines Witwe Lucette Destouches herausbringt (allerdings kommentiert und relativiert durch ein kluges Nachwort von Franziska Meier), ist kein Zufall: Nach dem kulturellen Frankreich macht nun auch das literarische Deutschland seinen Frieden mit diesem Autor. Es ist nicht unkomisch und hätte Céline selbst sicher amüsiert, wie wohlwollend die Feuilletons diesen Roman nun begrüßen: Rezensenten, denen eben noch eine zu stark gekrümmte Nase in einem Roman Martin Walsers Grund für Warnrufe war, versichern jetzt, dass man Céline, der sich den Nazis nicht trotz, sondern wegen ihres Antisemitismus anschloss und der erklärte, der Fingernagel eines arischen Penners sei mehr wert als das Leben hundert jüdischer Kinder, unbesorgt lesen könne. Tatsächlich ist es richtig, dass der Hass in der Reise noch universal ist, noch nicht gebündelt und gegen eine bestimmte Gruppe gerichtet. „Wie viele Leben würde ich brauchen, um auf eine Idee zu kommen, die stärker wäre als alles auf der Welt?“ fragt sich Ferdinand einmal, voller Sehnsucht nach „einer fabelhaften Idee, die mir sogar stärker als der Tod sein würde, einer Idee, dank der ich überall Wollust, Sorglosigkeit und Mut verspritzen würde.“ Céline selbst, wir wissen es, sollte diese Idee finden, und zwar mit solcher Radikalität, dass er, wie Hannah Arendt ausführt, nicht einmal für die Propagandazwecke der Nazis mehr nutzbar war. In der komplizierten Geschichte der vom Faschismus begeisterten Intellektuellen von Rang findet sich jedenfalls nur einer, ein einziger, der von ganzem Herzen den Holocaust bejahte. Um so kläglicher der Versuch einer nachträglichen Korrektur durch Lucette Destouches: „Für ihn waren die Juden Kriegstreiber, und er wollte einen Krieg vermeiden. Das ist alles.“

Und die Reise ans Ende der Nacht? Nein, da ist wirklich noch nichts Antisemitisches, aber schon hier stellt sich die Frage, ob es der Qualität eines Buches schadet, wenn jede Frau darin als käuflich und jeder Schwarze als Witzfigur dargestellt wird. Es ist modisch, sich gegen eine politische Korrektheit zu wenden, die sich angeblich an solchen Dingen stört, die aber im Grunde ohnehin nirgendwo existiert als in den Karikaturen ihrer Gegner: Motive wie diese sind nicht schlecht, weil sie politisch unbequem, sondern weil sie falsch sind, weil Literatur es mit der Wirklichkeit zu tun hat und Abweichungen von ihr, die nicht auf Überzeichnung, Stilisierung und künstlerischem Willen, sondern auf falscher Wahrnehmung beruhen, unfehlbar auf den literarischen Rang eines Textes schlagen. Denn letztlich stimmt es ja nicht, dass alle Menschen niedrig und widerlich, alle Taten selbstsüchtig, alle Unternehmungen gemein und zum Scheitern verurteilt sind. Darum ist die literarische Vision Marcel Prousts der seines Antipoden Céline so haushoch überlegen, und darum ist die Reise letztlich doch nur eine brillante Kuriosität, ein grenzenlos mutiges Nebenwerk des literarischen Kanons, dessen Lektüre tief verstört aber schnell wieder vergessen ist und das bei weitem nicht Prousts Kraft hat, eines Lesers Wahrnehmung für immer zu verändern.

Die Nacht, an deren Ende Céline mit solcher Konsequenz geht, ist nichts anderes als die Tiefe seiner Idiosynkrasien, Wahnvorstellungen und zunehmend pathologischen Ideen. Es ist kein Zufall, dass die einzige psychologische Analyse in diesem Roman den Insassen einer Nervenheilanstalt gilt: „Ein Verrückter hat keine anderen Gedanken als jeder andere gewöhnliche Mensch auch, aber bei ihm sind sie sicher im Kopf eingesperrt. Die Welt dringt in diesen Kopf nicht vor, und das genügt. So ein abgeschlossener Kopf wird wie ein See ohne Zufluss, ein grässlicher Gestank.“ Oder ein literarisches Meisterwerk. „Man muss dazu sagen“, bemerkt Célines Witwe einmal ganz nebenbei, „dass auch Louis in gewisser Weise wahnsinnig war.“ Ja, vielleicht muss man das. Nicht zuletzt darin läge dann die Größe dieses einzigartigen und fürchterlichen Romans. Wie auch seine Beschränkung.

Louis-Ferdinand Céline
Reise ans Ende der Nacht
Rowohlt, Reinbek 2003
736 Seiten, € 29,90 (D) / € 30,80 (A) / sFr 50,20

Lucette Destouches
Mein Leben mit Céline
Piper, München 2003
126 Seiten, € 14,90 (D) / € 15,40 (A) / sFr 25,80

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

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    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

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    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

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    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

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    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

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