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Jahrzehntelang war Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" nur in einer verstümmelten Version auf deutsch zugänglich. Eine kongeniale Neuübersetzung zeigt das düstere Werk in seiner Größe und Beschränkung. Dies ist ein fürchterliches Buch. Anders kann und sollte man es nicht ausdrücken. Mit jeder höflichen Umschreibung, jeder eleganten Einordnung in den feuilletonistischen Diskurs wird man Absicht und Eigenart der Reise ans Ende der Nacht nicht gerecht und macht sie zu etwas, was sie nicht sein will, nämlich zu „guter Literatur“. Louis-Ferdinand Célines 1932 erschienenes Hauptwerk ist ein Buch lupenreinen Hasses, ein schäumender, vor Vitalität pulsierender Angriff nicht auf den Krieg, nicht auf bestimmte Züge der Gesellschaft, sondern auf Menschheit und Menschlichkeit, auf die Schöpfung, wie sie ist. Céline ist kein Satiriker. Selbst Swift und Kraus, so düster ihre Visionen auch sind, schrieben aus dem Gedanken an ein Ideal heraus, aus der Vorstellung, wie die Welt sein könnte, wenn sie besser wäre. Bei Céline gibt es ein Besseres nicht einmal als Möglichkeit: Da ist bloß Tod und Dreck, die Erbärmlichkeit des Daseins, die unfruchtbare Lächerlichkeit jedes Versuches zur Befreiung, sonst nichts. Das ist keine angenehme Lektüre. Wenn man die Reise ernst nimmt, nicht bloß als literarisches Experiment, als „wichtiges Buch“, sondern als die existentielle Vision, die sie sein will, zeigt sie sich als ein Unternehmen, das ein Mensch mit gesundem Geist kaum beginnen, noch weniger beenden konnte; kein Wunder, daß sich Céline nach den Berichten seiner damaligen Lebensgefährtin Elisabeth Craig während der Arbeit daran für immer veränderte. Die Handlung ist autobiographisch geprägt, kaum nacherzählbar und im Grunde nebensächlich: Ein Erzähler namens Ferdinand erlebt den Ersten Weltkrieg, kommt in die Nervenheilanstalt, wandert nach Amerika aus, lebt in New York und Detroit, taucht plötzlich wieder in Frankreich auf, wo er als Armenarzt arbeitet, wird für eine Weile Mitglied einer Varieté-Truppe und zuletzt stellvertretender Leiter eines Irrenhauses. Eine Handvoll rasch skizzierter und ebenso rasch wieder verschwundener Nebenfiguren eilt vorbei, die Schauplätze wechseln mit filmischer Geschwindigkeit, Fragmente von Nebenhandlungen werden fallengelassen, bevor sie sich abrunden können. Das Buch lebt zur Gänze von dem Kontrast zwischen der atmosphärischen Intensität seines dunklen Weltbildes und der burlesken Lebendigkeit seiner Sprache. |
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Freitag, 25. November 2011
Titelgeschichte: Die Geisterstadt
Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio
Sebalds Neger
Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte
Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner
Eigen, skurril, versponnen
Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor
„Du elender Hauseingang!“
Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen
„Rache ist ein schlechter Berater“
Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.
Dichter unter Hochdruck
Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner
Neulich
Andreas Maier dümpelt im Moorsee.
Grandioses Cartoon-Gespann
Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker
Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart
Lyrischer Moment
Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong
Siebzehn Stufen
Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein
Wie Literatur funktioniert
Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens
Das Fahrrad weiß mehr
Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.
„Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage
Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger
Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens
Sehr gepflegt, aber Perser!
Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure
Geld und Erlösung
Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz
Was kostet ein Broch?
Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel
Platzanweisung
Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike
Herr Jesus springt
Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub
Im Schatten der Mauer des Lebens
Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio