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T.C. Boyle im Gespräch mit Susanne Rössler über seinen Roman "Drop City", die Hippie-Ära und den Sexfanatiker Dr. Kinsey.
VOLLTEXT Sie betonen stets, dass Drop City kein vorwiegend von Komik geprägtes Buch ist. Würden Sie denn wenigstens sagen, dass es – wie viele Kritiker meinen – satirisch ist?
T. C. BOYLE Ich glaube schon, dass meine Leser an der einen oder anderen Stelle lachen und vielleicht auch Spuren von Satire darin finden werden, in seiner Tonlage aber ist Drop City weder komisch noch satirisch. Es ist eine realistische Betrachtung der 60er Jahre, besonders der Zurück-zur- Natur-Bewegung, und ob diese vernünftig war und nachhaltig Bestand haben konnte.
VOLLTEXT Ist Drop City daher als historischer Roman zu lesen, wie Wassermusik oder Willkommen in Wellville?
BOYLE Ja, Drop City ist sogar in hohem Maße ein historischer Roman wie Willkommen in Wellville oder Riven Rock. Es gibt allerdings einen ganz winzigen Unterschied: ich habe diese Ära miterlebt. Inzwischen ist sie tatsächlich schon Zeitgeschichte, deswegen habe ich mich auch entschlossen, sie wieder auszugraben. Meine arme Frau, die leidgeprüfte Schöne, musste einige Monate lang bis spät in die Nacht meine zerkratzten Schallplatten bei voller Lautstärke ertragen, als ich versuchte, mich in die Stimmung des Buches zu versetzen. Und dann musste sie die Ära auch noch von neuem durchleben durch die Bücher die ich las, wie etwa Lewis Yablonskys The Hippie Trip.
VOLLTEXT Wie beurteilen Sie selbst die Hippie-Ära?
BOYLE Ich glaube, die Antwort auf die Frage findet sich in Drop City selbst. Wenn ich das jetzt weiter ausführe nehme ich meinen Lesern die Freude der Interpretation.
VOLLTEXT Waren Sie selbst ein Hippie?
BOYLE Absolut, ja. Falls Sie das dokumentiert haben möchten, schauen Sie sich die Fotos auf meiner Webseite (tcboyle.com) an. Ich war Ronnie, dem Szenetypen im Roman, ähnlicher als Marco.
VOLLTEXT Haben Sie jemals in einer Kommune gelebt oder wenigstens eine besucht?
BOYLE Weder noch, und ich war auch nie in einer Schriftstellerkolonie wie ich sie in Der Samurai von Savannah beschreibe. Was ich für diese Inszenierungen wissen musste, ist vom Leben in Wohngemeinschaften abgeleitet. Das haben wir doch alle gemacht, oder? Mit einem Haufen Freunden zusammenziehen, die Miete teilen, Essen teilen, etc. Zudem haben mir einige Bücher aus der Zeit, besonders Communes U.S.A. von 1966, viel Information über die Kommunenszene von damals geliefert.
VOLLTEXT Viele Ihrer Romane beschäftigen sich mit dem Scheitern der Vision eines wirklich freien, naturnahen Lebens. Ist diese Idee nur für Individuen wie die Pamela in Ihrem Roman zu realisieren, nicht aber für Gemeinschaften? Funktionieren große Visionen – welcher Natur auch immer – nur für Einzelne, nicht aber für die Gesellschaft als Ganzes?
BOYLE Ich will wirklich nicht meine eigenen Bücher interpretieren. Aber um auf die Kernfrage einzugehen: ich frage mich, ob es überhaupt noch für irgend jemand möglich ist, in (und von) der Natur zu leben, egal ob es sich um Einzelpersonen oder Gruppen handelt. Es gibt jetzt 6,2 Milliarden Menschen, und alle Alpha-Raubtiere wie wir brauchen ein sehr großes Revier um sich selbst ernähren zu können. Wie viele Trapper wie Sess Harder kann es geben bevor uns die Tiere ausgehen. Schauen Sie sich nur unsere leergefischten Meere an.
VOLLTEXT Drop City wurde 2001 geschrieben. Hat der 11. September den Roman beeinflusst?
BOYLE Ich habe Drop City ein paar Tage vor dem 11. September fertig gestellt und war intensiv mit Korrekturlesen beschäftigt, als es zu den tragischen Anschlägen kam. Irgendwie war diese intensive Beschäftigung emotional sehr gut für mich, weil ich so keine Zeit hatte, den Horror und die Bilder der Verwüstung zu verfolgen, die in einer Endlosschleife im Fernsehen liefen. Im Grunde genommen habe ich zu der Zeit in einer anderen Welt gelebt. Dennoch begann nur wenige Wochen nach den Anschlägen meine Schluss mit cool-Lesereise, auf der New York und Washington die ersten Stationen waren. Wie das österreichische und deutsche Publikum weiß, veranstalte ich gerne einen lustigen Abend, aber es war unter diesen Umständen natürlich zu früh für Humor, und so habe ich zwei Geschichten aus dem Buch vorgelesen, die nicht komisch, sondern tragisch sind: Babymörder und Die Liebe meines Lebens.
VOLLTEXT Seit dem 11. September ist Freiheit einer der am häufigsten benützten Begriffe in den Vereinigten Staaten. Der Freiheitsgedanke, der das Ideal der Hippie-Bewegung in den 70er Jahren war, hat nicht mehr viel damit zu tun, wie der Begriff heute verwendet wird.
BOYLE Für die Bewohner von Drop City bedeutete Freiheit die Freiheit individuellen Ausdrucks – etwas, wofür Amerika immer gestanden hat. Ich hoffe, dass Amerika in Zukunft wieder dafür stehen wird. Leider ist „Freiheit“ heute nur ein bedeutungsleerer Propaganda-Slogan, der eingesetzt wird, um illegale und unmoralische Angriffe auf wehrlose souveräne Staaten zu rechtfertigen.
VOLLTEXT Hat sich der amerikanische Alltag verändert, seit George W. Bush im Amt ist?
BOYLE Ich habe mich gegen Herrn Bush und seine Politik ausgesprochen, seit er für das Amt kandidiert hat und habe mich auf meiner Ein Freund der Erde-Lesereise für grüne Standpunkte stark gemacht.
VOLLTEXT War Bill Clinton im Vergleich zu George W. Bush ein Hippie-Präsident?
BOYLE Herr Clinton war Herrn Bush in jeder Hinsicht überlegen, und zwar beträchtlich. Genau wie ich war er überzeugt von Frauenrechten, Umweltschutz und Bürgerrechten. Herr Bush scheint dagegen nur an der Bereicherung seiner selbst und seiner Clique interessiert zu sein.
VOLLTEXT Sie sympathisieren mit der Zurück- zur-Natur-Bewegung und verbringen mehrere Wochen im Jahr im Sequoia Nationalpark. Nationalpark. Fühlen Sie sich zu den Idealen Rousseaus hingezogen?
BOYLE Allerdings. Dennoch besteht einer der Leitgedanken von Drop City darin, die Vorstellung von Rousseaus Primitivismus im Licht der industrialisierten Konsumgesellschaft zu überprüfen. Als Ein Freund der Erde herauskam, war ich überrascht, wie viele Leute im Forum meiner Website darüber diskutierten, ob ich ein Umweltschützer bin oder nicht. Natürlich bin ich einer! Ich sage Ihnen auch warum: Ich verbringe soviel Zeit wie möglich unter freiem Himmel, meist im Sequoia Nationalpark, wo Holzfällerei und Rohstoffabbau erlaubt war, bis der schon erwähnte Herr Clinton die Bestimmungen änderte. Wenn ich dort bin, gehe ich einfach in die freie Natur hinaus und spüre den Puls von etwas, das größer ist als ich und menschliche Belange. In dieser Hinsicht bin ich ein Umweltschützer.
VOLLTEXT Ein Freund der Erde war ein Blick in die Zukunft des Planeten, Drop City geht zurück in die Zeit, als die Umweltschutzbewegung gegründet wurde. Gibt es bei Ihren Büchern öfter solche Beziehungen?
BOYLE Diese zwei Bücher sind tatsächlich miteinander verbunden. In Ein Freund der Erde habe ich 25 Jahre vorausgeschaut, um den Zustand der Umwelt unter die Lupe zu nehmen, und jetzt gehe ich den gleichen Zeitraum zurück, um zu sehen, wie wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt stehen. Ich glaube sogar, dass alle meine Bücher miteinander in Beziehung stehen, weil sie ähnliche Themen behandeln. Beispielsweise erwächst ein Freund der Erde aus dem Subtext von América, das sich mit den biologischen Zwängen unserer Spezies im Gegensatz zu den politischen und sozialen Anforderungen befasst. Und so weiter. Aber ich möchte das nicht breiter ausführen. Ich würde Sie zu Tode langweilen, und außerdem viele junge akademische Hoffnungsträger um reichhaltige und ergiebige Themen für ihre Doktorarbeiten bringen.
VOLLTEXT Die Hippie-Ära hatte ja durchaus auch politische Ambitionen – Frauenbewegung, Umweltbewegung, Weltfrieden, Kritik fortschreitender Kommerzialisierung – um nur einige Beispiele zu nennen. Wie viel ist davon übrig geblieben?
BOYLE Einiges. Wir haben Fortschritte gemacht im Hinblick auf Frauenrechte, Umwelt und soziale Gerechtigkeit. Schauen Sie sich den Aufstieg der Grünen in Deutschland an, oder den der radikalen Umweltgruppen in den Vereinigten Staaten. Als ich Kind war, hatten wir noch nie von Recycling oder der Erschöpfung von Ressourcen gehört. Auf der anderen Seite hat die 68er Generation den gesellschaftlichen Überbau abgerissen und ihn durch nichts ersetzt, abgesehen von der Orthodoxie der „Political Correctness“ und der Verdrängung der interpretierenden Literaturwissenschaft durch Geschwafel und Theorie.
VOLLTEXT Sind die Globalisierungsgegner von heute Hippies in anderer Gestalt?
BOYLE Ich nehme an, sie suchen nach etwas, gegen das sie protestieren können, aber es ist natürlich viel zu spät.
VOLLTEXT Die einzigen, die es in Drop City schaffen, ihre Vision alternativen Lebens durchzusetzen, sind diejenigen, die hart arbeiten und Sex, Drogen und Rock’n’Roll vergessen. Das ist eine überraschende Botschaft, weil sie konservativ und puritanisch ist. Was ist falsch an Sex, Drugs und Rock’n’Roll?
BOYLE Das scheint mir eine stark vereinfachende Sicht auf den Roman zu sein. Man sollte bedenken, dass die Hippie-Bewegung nur durch den größten Wohlstand, den die USA jemals kannten, möglich geworden ist. Man wirft sich kein LSD rein, schreibt Gedichte und spielt Gitarre, wenn man gerade am verhungern ist.
VOLLTEXT Die meisten Protagonisten Ihrer Romane und Kurzgeschichten sind Fanatiker. Was fasziniert sie persönlich am Fanatismus?
BOYLE Das ist eine leichte Frage. Wie Ihnen jeder sagen kann, bin ich selbst ein besessener, zwanghafter Fanatiker erster Güte. Zum Glück kanalisiere ich meinen Fanatismus in meine Bücher. Gott stehe uns bei, wenn es etwas anderes wäre.
VOLLTEXT Sie haben 15 Bücher verfasst, scheinen also nicht gerade an einer Schreibblockade zu leiden. Was treibt Sie an, so hart zu arbeiten?
BOYLE Meine Produktivität und mein schon erwähnter Fanatismus kommen aus der gleichen Ecke. Ich springe jeden Morgen, kaum dass ich die Augen geöffnet habe, aus dem Bett und denke an die Legionen meiner Feinde, die im Anmarsch sind. Also nichts wie an den Computer!
VOLLTEXT Was hat es eigentlich für einen Sinn, heute Romane zu schreiben, wenn die Leute nur ein bis zwei Bücher pro Jahr lesen und definitiv lieber fernsehen? Ist es altmodisch, Schriftsteller zu sein?
BOYLE Es macht überhaupt keinen Sinn. Schriftsteller zu sein ist nicht nur altmodisch, sondern auch absolut bedeutungslos. Aber wenn man bedenkt, dass alles, was der Mensch tut bedeutungslos ist, kann man das literarische Leben nicht so harsch beurteilen. Es ist immer noch besser als ethnische Säuberungen, Großwildjagd oder Frauen und Kinder mit bunkerbrechenden Bomben wegzublasen.
VOLLTEXT Ihr nächstes Buch, The Inner Circle, scheint auch ein historischer Roman zu werden. Er handelt von Dr. Kinsey, wieder einem Fanatiker. War er auch ein Befreier?
BOYLE The Inner Circle ist jetzt fertig und wird im Herbst kommenden Jahres in den USA erscheinen. Der Roman spielt in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und geht von dem Freie-Liebe-Konzept von Drop City aus nochmal einen Schritt zurück und ergründet die erste breitenwirksame Erforschung der menschlichen Sexualität in dieser Ära. Dr. Kinseys Sexualforschungen stehen im Vordergrund und der Erzähler ist ein fiktiver Mitarbeiter Kinseys. Und richtig, Kinsey war ein Sexfanatiker in einem Ausmaß, das sich die meisten Leute schwer vorstellen können. Im Übrigen, falls Sie denken dass Drop City für meine Frau schwer zu ertragen war, The Inner Circle hat sie fast umgebracht.
Aus dem Englischen von Marco Flammang. |