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Montag, 29. September 2003

Fail better

 

Schreiben ist eine Entdeckungsreise nicht dorthin, wo noch nie jemand war, sondern im Gegenteil dorthin, wo immer schon alle gewesen sind.

Schreib das noch einmal, sagte mein Lehrer, wenn ich ihm das Resultat meiner Schönschreibübungen vorlegte. Wenn es um das Schreiben ohne Eigenschaften geht, gilt der Satz abgesehen von der Qualität des Produkts. Noch und noch einmal muss man schreiben, was man zu sagen hat; von einem Text zum andern immer dasselbe, jedes mal anders. Mit dem, was man zu sagen hat, ist nicht eine Botschaft gemeint, sondern die Eigenart eines Begriffs von Welt.

Für das, was zu schreiben ist, gibt es kein Vorbild. Es entsteht fortlaufend unter der Hand. Der erste Satz gibt den Ton an. Jeder folgende weist nicht nur über sich hinweg, sondern er setzt auch das, was ihm vorangeht, in ein anderes Licht. Schreiben heisst nicht feststellen, dass etwas so ist oder war. Eher ist es eine Erkundung: dass man – schreibend – in Frage stellt, was anfällt. Dass man es von allen Seiten betrachtet, abtastet, beschnuppert. Und vor allem, dass man peinlich genau hinhört auf das, was es nicht nur in Worten, sondern auch in Unter- und Obertönen, in seinem Verlauten und Verstummen sagt.

Schreiben ist wahrnehmen: Etwas in den Blick nehmen, nicht so, dass der Blick gleich zuschnappt, wenn er die Diagose gestellt hat, dass etwas gelb ist oder ein Baum, sondern so, dass er über dem noch im Ungewissen schwebenden Anblick vergisst, was er sieht und damit überhaupt erst zu sehen anfängt. Etwas, das erst allmählich Gestalt annimmt und zur Sprache kommt. Das vielleicht tatsächlich gelb ist oder ein Baum. Aber jetzt in anderen Worten. In solchen, die nicht bereits zur Verfügung haben, was sie sagen wollen, sondern die es erst in die Welt setzten, in dem sie es – wenn es zum Beispiel ein Baum ist – aus dem Boden wachsen lassen, in den Wind, ins Licht, in den Schatten stellen. In Worten, die nicht nur vorführen, was sie einem Ding abgewinnen, sondern die immer auch andeuten, was ihnen entgeht.

Schreiben ist Wahrnehmen nicht nur im Sinn von zur Kenntnis nehmen, sondern auch im Sinn von: Ich nehme das, was sich mir zeigt, in seiner Wahrheit so wie es sich mir jetzt, in dieser Beleuchtung, in dieser Umgebung zeigt; nicht bereits zurechtgeredet auf diesen oder jenen Gemeinplatz hin demnach, sondern in allen seinen Mehrstimmigkeiten, Widersprüchen. Schreiben ist eine Entdeck-ungsreise nicht dorthin, wo noch nie jemand war, sondern im Gegenteil dorthin, wo immer schon alle gewesen sind. Was ich entdecken und damit zur Geltung bringen will, ist nicht die Giraffe, mit der frühere Entdecker ihre Zeitgenossen zum Staunen brachten, sondern das, was unscheinbar in allernächster Nähe liegt: nirgendwo anders als in den Selbstverständlichkeiten, die wir tagtäglich im Mund führen. Dieser Prozess kommt an kein Ende, solange geredet wird, solange man zu Tode redet oder auch, wenn es dienlich ist, totschweigt. Failed? Fail again. Fail better, sagt Beckett. Schreib das noch einmal. Das ist mein einziger Lehrsatz. Impulsiv, kritisch. Hellwach. Wie im Traum.

Eleonore Frey, geboren 1939 in Frauenfeld, lebt als Schriftstellerin in Zürich. Sie ist Tutorin beim Klagenfurter Literaturkurs. Zuletzt erschien Aus Übersee (Droschl, 2001).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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