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Montag, 29. September 2003

Nicht professionell werden

 

Beherrschung der Duden- Grundregeln, ein individuelles Unbehangen an ihnen und allem, was bisher geschrieben steht, und Lust auf mehr.

Als sich anlässlich des diesjährigen Klagenfurter Literaturkurses zehn junge Autoren in der Rolle von Stipendiaten und drei gestandene Schriftsteller in der Rolle von Tutoren wiederfanden, war nicht wirklich sicher, in welcher Form hier „literarisches Schreiben“ gelernt, beziehungsweise gelehrt werden würde. Hauptsächlich ging es den Teilnehmern des Kurses wohl um Fragen zum Literaturbetrieb, um die Erfahrung der Atmosphäre um den Bachmannpreis und nicht zuletzt um eine Woche Urlaub mit Essensgutscheinen am Wörthersee – unter der Ägide der Tutoren Eleonore Frey, Katja Lange-Müller und Robert Schindel bot der Literaturkurs zudem Möglichkeiten textbezogenen Arbeitens, die von Qualität und Dichte her allenfalls mit dem belletristischen Lektorat vergleichbar waren, welches gute Literaturverlage ihren Autoren zukommen lassen.

Generell geht es bei solchen Gesprächen um und über Texte weniger um eine Technik des Schreibens als um eine Kritik des bereits Geleisteten, mit Blick auf die weitere Arbeit des jeweiligen Autors. Was man gemeinhin mit „Schreiben lernen“ verbindet, wird dabei vorausgesetzt: Beherrschung der Duden- Grundregeln, ein individuelles Unbehangen an ihnen und allem, was bisher geschrieben steht, und Lust auf mehr. Wer schreibt, stellt sich selbst und seinen Bezug zur Welt über den Text her – an dieser Kontur muss gearbeitet werden, das ist alles. Wem es um Regeln zu tun ist, um Syntax, Stil, rhetorische Funktionen, der muss einen Deutschkurs besuchen, oder das Lektorat eines Verlags. Was Fragen zur Organisation eines Textes angeht, zum Management von Charakteren – es gibt Literatur aus den USA und entsprechende Workshops, wo man hierzu ein Spektrum von Antworten abgreifen kann. Es gibt zudem das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, wo der Verfasser dieses Artikels selbst einige Semester lang studierte – zu diesem Institut ist zu sagen, dass es für jeden gut ist, der Lust auf Text, einige Motivation und Spuren von Talent, aber sonst nichts hat: so jemand sollte es mit diesem Institut auf jeden Fall versuchen, dort alles kennenlernen und dann für sich entscheiden, ob er auf diesem Weg zur Literatur kommen will, im geistigen Feld der dortigen Belegschaft, die repräsentativ für die gesamte Szene ist, oder ob er doch lieber zurückgeht in sein Dorf, nach Berlin, eventuell auch nach Kärnten, und dort privat zu seinem Buch kommt, oder privat daran scheitert.

Schreiber von Literatur sind Autodidakten, die vor allem daran arbeiten, nicht im schlechten Sinn professionell zu werden, das heißt, zu mehr oder weniger routinierten Bedienern des Literaturbetriebs oder sonst eines Apparats und seiner Hausregel. Das führt im Fall von etwas Begabung und Durchhaltevermögen zu einer Lebensform in materieller Armut, geistiger Freiheit, innerem Frieden und einer Oberfläche aus Streit, je mit sich selbst und allen anderen. Wie es dem Einzelnen denn auch ergehen mag: für alle, die Literatur schreiben, gilt, dass sie lebenslang unfertig, immer ein wenig dilettantisch am Ball bleiben, an der eigenen Wahrnehmung und an der eigenen Sprache – was nach Herrn Wittgenstein praktischerweise in eins fällt, bei einiger Genauigkeit, Erfahrung und verbessertem Gefühl allerdings doch wieder auf Differenzen hinausläuft, auf alle Arten von Wunder, Einsicht und Schönheit, aus denen sich die guten Bücher schließlich speisen.

Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, lebt in Berlin. Teilnehmer am Klagenfurter Literaturkurs. Veröffentlichungen in Anthologien, zuletzt in Vom Fisch bespuckt (Kiepenheuer und Witsch).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

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    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio