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Montag, 29. September 2003

Diszipliniertes Spiel

 

Etablierte Autoren können die Resonanz an der Auflagenzahl abzählen, bis man jedoch soweit ist, kann man seinen Text akustisch verbreiten.

Schreiben zu lernen war gar nicht so schwer, die meisten Probleme hatte ich mit dem schleifenreichen X. Gut zehn Jahre später schrieb ich – nicht mehr in reiner Schreibschrift – mein erstes Gedicht. Ich saß in einer Schreibwerkstatt und lernte die Freuden des „Creative Writing“ kennen. Spielerisch entdeckt man hier eine neue Art des Ausdrucks. Dabei entstehen nur bedingt Texte, die für Außenstehende interessant sind, doch bei den Autoren wecken sie die Lust am Wort.

Inzwischen habe ich oft genug selber derartige Kurse angeleitet, um zu wissen, dass es immer auch um ein zwangloses Heranführen an klassische Formen geht. Es ist anstrengend, ein Sonett zu schreiben, wenn man sich nicht einmal sicher im Versmaß bewegt, aber hat die Gruppe am Ende eines Nachmittags dann doch beispielsweise einen funktionierenden Sonettenkranz fertiggestellt, zu dem jeder Teilnehmer zwei Gedichte beigesteuert hat, sind alle ein bisschen stolz darauf, auch wenn der künstlerische Anspruch eher gering ist.

Der wächst dagegen, wenn man beginnt, den Drang sich schriftlich auszudrücken, ernst zu nehmen. Das ist dann schon eher eine autistische Angelegenheit. Erst im Anschluss daran stellt sich die Frage nach einem potentiellen Publikum. Etablierte Autoren können die Resonanz an der Auflagenzahl abzählen, bis man jedoch soweit ist, kann man seinen Text akustisch verbreiten. Zu diesem Zweck gibt es unzählige Gruppen, wo Gleichgesinnte über ihre Literatur diskutieren. Ob man davon profitiert, liegt an den Beteiligten und an einem selbst. Je häufiger man sich der Kritik stellt und über seine Texte spricht, desto stärker wird das Bewusstsein für das eigene Werk. Man kann schließlich nicht permanent auf die Meinung anderer vertrauen, auch wenn man als Autor von der Publikumsmeinung abhängig bleibt.

Das spürt man deutlich bei Veranstaltungen der Berliner Lesebühnen. Im Gegensatz zu den weitverbreiteten Poetry Slams, bei denen es sich um eine Art Dichterwettstreit handelt, treten hier feste Gruppen wöchentlich an gleichen Orten auf, das sind Keller oder Hinterzimmer von Kneipen. Das Publikum kommt, um sich unterhalten zu lassen und konsumiert dabei Getränke. Den Lesenden geht es um eine gelungene Show, die von der Vielfältigkeit lebt, doch letztlich ist jeder Autor für sich selbst verantwortlich. Er muss lernen, gut anzukommen, ohne sich anzubiedern. Viele der Geschichten sind übersteigerte und mit Pointen angereicherte Wiedergaben von Alltagssituationen. Bei zwei neuen Texten pro Woche, einer dramaturgisch bedingten Kürze und der von der Bühnensituation vorgegebenen nötigen Prägnanz gerät man schnell in eine produktive Routine, weshalb es sich anbietet, das regelmäßige Podium für Experimente zu nutzen. Der Autor wird zum Performer. Texte, die hier vorgetragen werden, sind nur bedingt für den Druck geeignet.

Schreiben lernt man, wie man täglich besser sprechen lernen kann, wenn man darauf bedacht ist, welche Formulierungen man verwendet, wie man etwas besonders wirkungsvoll erzählt, wie man Pointen vorbereitet, Wiederholungen und Füllwörter vermeidet, wie man Sätze zu Ende bringt. Schreiben hat eben viel mit Disziplin zu tun.

Thilo Bock, geboren 1973 in Berlin, wo er auch heute lebt. 1997 erschien der Prosa-Band Vogel sucht Fallschirm (Verlag am Park).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

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    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

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    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

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    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio