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Montag, 29. September 2003

Stellung halten

 

Selbstporträt: Henrik Hieronimus

Meine Geschichte beginnt mit dem Samenerguss meines Vaters. Das muss sich irgendwann Anfang März im Jahre 1979 abgespielt haben. Weitere Details sind mir glücklicherweise nicht bekannt, außer dass es damals so schön mit meiner Mama war, wie Papa stets frivol beteuert. Dafür hätte ich ihm gerne mal den Schraubstock angelegt, weil die letzten dreiundzwanzig Jahre nicht immer ein Vergnügen für mich waren. Meine erste Liebe beispielsweise war nie in mich verknallt, und ein so guter Esser, dass ich alle Nebenbuhler von ihr fernhalten konnte, war ich damals auch nicht. Meine Eckzähne wucherten wie die eines Keilers, und meine Kumpels waren fett, rothaarig oder hatten Asthma. Als wir dann in die Schule gesteckt wurden, war schnell klar, dass sich Trouble anbahnte. Keine Dekade später zechte ich mit Sid Vicious um die Wette.

Was das mit dem Werdegang eines jungen Schriftstellers zu tun hat? Keine Ahnung. Meine ehemalige Deutschlehrerin würde sich jedenfalls beim bloßen Gedanken an diese Biographie im Grabe drehen, und dabei ist das kratzbürstige alte Weib nicht einmal tot.

Disziplinierte Erzähler werkelten jetzt wahrscheinlich eine ausgefeiltere Pointe zurecht, ich bin da eher der Rammbock und würde nur Kopfschmerzen davon bekommen. Zumal diese Zeilen nach einem zwölf Stunden Arbeitstag und nicht vom angetrunkenen Bub aus der letzten Reihe in die Tasten gehauen wurden.

Wenn ich allerdings einen sorglosen Tag erwische, könnte es gut passieren, dass ich Ihnen ausschweifend erzähle, wie man einen frischgefangenen Fisch ausnimmt oder warum Hamsun der beste Schreiber aller Zeiten ist. Es gibt immer etwas, an dem man sich mental austoben kann. Umso erschreckender, als ich mich vor einigen Jahren auf stupiden Bauwüsten Deutschlands wiederfand. Der Wecker klingelt, das Programm spult ab, man vergisst langsam, wer man ist. Deshalb trete ich oft auf der Stelle, schaue vor und zurück, wirke unzurechnungsfähig. Letztlich entwickelt jeder seine Methode, und es gibt genügend, die einem daraus einen Strick drehen wollen, der oft zu kurz ist.

Also, ich will nicht hinterm Berg halten, VOLLTEXT räumt mir in dieser Ausgabe 10.000 Zeichen ein. Meine Lektorin verriet ihrem Lehrling, dass das ca. vier Seiten wären, die Gelegenheit, ein offenes und unmissverständliches Profil abzuzeichnen. Nur leider ist das nicht möglich. Nicht heute und nicht morgen. Zu viel dreckige Wäsche wartet auf mich im Keller, das Katzenklo muss gesäubert werden, und die Stullen schmieren sich nicht von selbst. Es verbleiben nur noch wenige Tage zu besagtem Moment, wo Sie das Blatt in Händen halten und ich ebenfalls Stirn kratzend jene Absätze lese. Ein Spaziergang zwischen Couch und Eisschrank. Stellung halten im Schützengraben des Alltags.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio