volltext.net

Montag, 29. September 2003

Hier kommt der Debütant

 

Selbstporträt: Maximilian Steinbeis

Ich war noch nie auf der Frankfurter Buchmesse. Ich lese nur sporadisch Rezensionen. Ich habe nicht mehr als zwei oder drei Autorenlesungen besucht. Ich kenne genau zwei Schriftsteller persönlich: Der eine ist ein guter Freund meiner Schwester, die andere ist die Freundin eines Bekannten aus München. Beide sehe ich nicht sehr oft.

Mit Literatur hatte ich bisher, wie die meisten Menschen, nur eins zu schaffen: Ich las ihre Erzeugnisse. Am eigentlichen Literaturbetrieb hatte ich nicht teil, nicht einmal aus der Ferne. Mir hat dabei nichts gefehlt. Ich habe ja schon einen Beruf. Er besteht zwar auch aus Schreiben, aber mit Literatur hat er schlechthin überhaupt nichts zu tun. Ich bin Journalist. Ich verbringe meine Tage damit, den Ränkespielen der nordrhein-westfälischen Koalitionskrise hinterher zu telefonieren oder dem Bundesjustizministerium irgendwelche geheimen Eckpunktepapiere abzujagen. Es hilft in meinem Beruf, wenn man einen geraden Satz schreiben kann. Ansonsten könnte ich genauso gut Baggerfahrer sein, was meine berufliche Nähe zur Literatur betrifft.

Mir hat dabei nichts gefehlt, wie gesagt. Im Gegenteil: Es lebt sich sehr behaglich in der literarischen Anonymität. Ich konnte jahraus, jahrein an meiner Geschichte herumpuzzeln, ohne dass irgendeiner danach gefragt hätte, ob und wie ich vorankomme. Ich musste mich nicht grämen, wenn ich außer dieser einen Geschichte nichts in Arbeit hatte über all die Jahre. Das war meine Privatsache und ging niemanden etwas an. Da mich sowieso niemand kannte, konnte ich auch nicht in Vergessenheit geraten. Ich konnte meine Geschichte vier, fünf Mal komplett wieder von vorn anfangen, wenn ich feststellte, dass ich nicht weiterkam. Anregungen, auch literarische, hatte ich genug, auch ohne Kontakt zu Schriftstellern: Ich las ja ihre Bücher. Und ich habe auf diese Weise immerhin sechs lange Jahre in der Gesellschaft von Elisabeth und Wolodja und der ganzen Bande verbracht: Ich kenne meine Charaktere, bin mit ihnen vertraut und befreundet. Es ist ja am Ende ein schmales Bändchen dabei herausgekommen, eine längere Erzählung nur. Aber sie ist so gut geworden, wie ich es eben vermochte.

Nach sechs Jahren abendlichem Geschnitz und Gefeile nach Feierabend war die Geschichte schließlich irgendwann fertig. Normalerweise ist es für den Debütanten spätestens dann vorbei mit den Wonnen der Arglosigkeit: Er muss hinein in den Literaturbetrieb, sonst bekommt er nichts veröffentlicht. Das blieb mir erspart, denn ich hatte unbeschreibliches Glück: Jener Freund meiner Schwester war so nett, mich seinem Agenten zu empfehlen, und seinem Lektor obendrein. Beide bekamen eine E-Mail von mir, beide boten mir einen Vertrag an. Und schon war ich ein Schriftsteller.

Aber jetzt erscheint mein Buch. Jetzt gibt es einen Klappentext, nicht von mir geschrieben, der mir zu schaffen macht, ohne dass ich sagen könnte, was ich dagegen einzuwenden hätte. Jetzt gibt es ein Foto von mir, der Verlag hat es für das Cover ausgewählt, und ich finde den Gesichtsausdruck komisch, obwohl mir alle sagen, dass ich eben so aussehe. Jetzt stehe ich laut Verlagsprospekt für Lesungen bereit, für den Fall, dass eine Buchhandlung Interesse daran hat. Jetzt soll ich auf die Frankfurter Buchmesse fahren im Oktober. Und wäre es nach meinem Lektor und meinem Agenten gegangen, wäre ich auch nach Klagenfurt gefahren. Beide hatten sich große Mühe gegeben, aber es fand sich kein Juror, der mich einladen wollte. Da war ich, ehrlich gesagt, gar nicht böse darüber.

Natürlich hatten sie mich zuvor gefragt, ob ich will. Und natürlich wollte ich: Ist ja eine große Ehre. Und mein Verlag hat schließlich auch ein gewisses Recht auf mein Engage- Breiment,hat ja immerhin in mich investiert. Ich will also nicht jammern. Mir ist schon klar, dass ich froh sein kann, wenn überhaupt irgend jemand von meinem kleinen Buch Notiz nimmt. Aber ich weiß jetzt einen Grund mehr, warum ich meinen Beruf so mag: Da bin ich nur das Medium.

Wenn ich Leuten aus dem Literaturbetrieb begegne, stelle ich ihnen manchmal eine Frage: Warum sind die deutschen Literaturpreise eigentlich alle für Autoren bestimmt statt für Bücher? Es müsste doch einen großen Bedarf geben zu erfahren, welches Buch die Experten für das beste des Jahres halten. Die Amerikaner haben den National Book Award, die Briten den Booker Price, die Franzosen den Prix Goncourt. Und wir? Haben wir überhaupt einen Preis, der neben den genannten bestehen kann? Und wenn nein, warum nicht? Das frage ich die Leute, und ich habe noch nie eine befriedigende Antwort bekommen.

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio