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Montag, 29. September 2003

Helden

 

Unwürdige Lektüren: Martin Gülich liest "Mein schönstes Tor 69/70".

Wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich damals im Klassenspiel gegen die 10b diesen Flugkopfball in der 89. Minute im Tor versenkt. Meine Fußballkarriere hätte neue, nie geahnte Impulse erfahren. Ich wäre von der Klassenauswahl in die Schulauswahl (wenn nicht gar die Kreisauswahl) berufen und dort von einem Jugendtrainer von Borussia Mönchengladbach (der seinerzeit zufällig gerade in der Nähe war) entdeckt und ganz vorsorglich schon einmal mit einem Profivertrag ausgestattet worden, wäre bald der jüngste Bundesligaspieler aller Zeiten gewesen, hätte an drei Europa- und zwei Weltmeisterschaften teilgenommen, wäre fünfmal deutscher Meister geworden und säße heute auf der Terrasse meiner Finca auf Mallorca (selbstredend mit Meerblick) und könnte auf ein verdienstreiches Fußballerleben zurückblicken. So oder so ähnlich. Mein Leben wäre in völlig anderen Bahnen verlaufen. Vielleicht.

Die Wahrheit ist: Es gab keinen Flugkopfball, es gab keine 89. Minute, zumindest keine, die mich auf einem Fußballfeld gesehen hätte, und, um der Wahrheit auch die letzte Ehre zu erweisen, es hat noch nicht einmal einen Klassenvergleich gegen irgendeine 10b gegeben. Aber es hätte dieses Spiel geben können. Ein 1:1 kurz vor Schluss, eine Flanke von links (von einem Thorsten oder Uwe; ich kann mich an den Namen unseres Linksaußen nicht erinnern), leicht angeschnitten, so dass sich der Ball von dem herausstürzenden Torwart wegbewegte. Es hätte diesen einen Moment geben können, in dem ich realisiert hätte, wo genau die Flugbahn des Balles und mein Kopf eins werden, wo die Lederkugel meine Stirn küssen und von dort zum Siegtreffer in die Maschen fliegen würde. Umjubelt von den Zuschauern am Spielfeldrand, vor allem von den Mädchen meiner Klasse, die mich nach dem Spiel umlagert hätten, wie einen Helden, denn schon damals war mir klar, dass Helden in genau solchen Momenten geboren werden. Es hat diesen Flugkopfball nicht gegeben und hätte es ihn gegeben, er hätte mich – um die Wahrheit ein letztes Mal zu strapazieren – einer Fußballerkarriere kaum nähergebracht. Zu schlecht war mein Spiel, auf allen Positionen (eine zwischenzeitliche Verbannung ins Tor erwies sich als fataler Irrtum), so schlecht, dass man überall beim Aufstellen einer Mannschaft froh war, wenn man elf andere zusammenbrachte. Nein, ich wäre nicht Fußballer, ich wäre Schriftsteller geworden. Jeden einzelnen Augenblick meines Tores hätte ich zu Papier gebracht, seine Entstehung (ja schon das Einlaufen ins Stadion), den Flügellauf von Thorsten (oder Uwe), die Bahn der Lederkugel, mein Anlaufen, mein zu allem entschlossenes Abheben vom Boden, das Näherkommen des Balles, den Moment, da meine Stirn ihm die entscheidende Richtung gibt, den vergeblich in die Ecke hechtenden Torhüter, das Zappeln des Balles im Netz und schließlich den aufbrausenden, nicht enden wollenden Jubel von den Rängen. Nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit hätte meine Chronistenfeder unterschlagen, wohlwissend, dass mich mein Bericht der Ewigkeit ein kleines Stückchen nähergebracht hätte.

Fragt man mich heute, da ich mit mehr als zwei Jahrzehnten Verspätung doch noch Schriftsteller geworden bin, welche Bücher in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, so kommt mir eines zuerst in den Sinn. Ein Buch, das meine Jugend geprägt hat wie kein anderes. Und wenn seitdem auch einiges an (Lese-)Zeit vergangen ist, fällt es mir schwer, ein zweites zu benennen, das ich je mit derselben Inbrunst gelesen hätte. Sein Titel ist schlicht und sagt in einfachen Worten, um was es geht: Mein schönstes Tor. Das Buch versammelt 54 Prosaminiaturen (zum Teil noch heute bekannter Autoren), die, meist auf einer, wenn nicht gar nur einer halben Seite, weitestgehend von derselben Dramaturgie leben. Ein Fußballspieler betritt den Platz, macht ein mehr oder weniger ordentliches Spiel, schießt ein Tor, jubelt und erinnert sich noch Jahre später mit Gefühlen größter Freude an diesen Augenblick zurück. So geht es, mit kleinen Variationen, über 100 Seiten. Zugeben, das klingt nicht gerade nach Hochspannung, zumal die Bebilderung des Buches dürftig ist und sich ein Tor in seiner ganzen Schönheit sowieso nur in bewegten Bildern (oder besser noch: vor Ort) erfassen lässt. Aber all das war mir damals egal. Ohnehin ging es kaum um Schönheit. Es ging um die Tat an sich, geplant oder nicht, klug eingefädelt oder der Zufälligkeit des Augenblicks geschuldet. Es ging um den Moment, da 60.000 Augenpaare auf einen einzigen Spieler gerichtet sind, jede seiner Bewegungen gebannt verfolgen, bis der Ball seinen Fuß verlässt, um unerreichbar in Richtung Tor zu fliegen. Es ging um diese eine Sekunde, in der ein ganzes Stadion den Atem anhält, um drei Pulsschläge später (das Herz schlägt schnell in diesen Momenten) in kollektiven Jubel auszubrechen. Es ging um die Magie des Augenblicks. Davon und nur davon erzählt dieses Buch. Nein, die literarischen Helden meiner Jugend waren keine Nils Holgerssons, keine Winnetous oder Old Shatterhands, keine Momos, keine Emils und keine Detektive. Meine literarischen Helden hießen Gerd Müller, Bernd Hölzenbein, Günter Netzer und Franz Beckenbauer.

Mein schönstes Tor also. Griffbereit lag das Buch auf meinem Nachttischchen. Und wenn ich die Tore mit der Zeit auch auswendig kannte, sie verloren nichts von ihrer Faszination für mich. Kein Tor glich dem anderen. Da standen filigrane Fallrückzieher neben brachialen Freistößen, direkt verwandelte Eckbälle neben listigen Absatzkicks und spektakuläre Kopfballtore neben eleganten Schlenzern. Zudem hatte jedes Tor seinen eigenen, unverwechselbaren Ton. Die nur scheinbare Behäbigkeit eines Gerd Müller, die Übersicht eines Günter Netzer, die leichte Verschlagenheit eines Bernd Hölzenbein, die Erhabenheit eines Franz Beckenbauer, all das fand sich in der Sprache der Texte wieder. Sicher, ich habe das damals so nicht reflektiert. Aber dass jeder einzelne Spieler seine ganz eigene Art hatte, Tore zu schießen und davon zu erzählen, das ist mir sehr wohl bewusst gewesen. Es wäre ein wenig übertrieben, das in einen Zusammenhang bringen zu wollen, aber noch heute interessiert mich an einem Autor am meisten, ob er einen eigenen Ton hat.

Damals freilich interessierten mich vor allem die Tore, besonders die, die einen Spieler zum Helden, die ihn unsterblich machten. Und am Ende bleibt von jedem großen Fußballer – Torhüter einmal ausgenommen – doch allermeist genau ein solches Tor in Erinnerung. Günter Netzers 3:2 für Borussia Mönchengladbach in der Verlängerung des 73er-Pokalendspiels gegen den 1. FC Köln etwa, Gerd Müllers 2:1 im WM-Finale gegen die Niederlande, Hans Krankls 3:2 gegen Deutschland in Cordoba, Diego Maradonas „Hand Gottes“ gegen England oder Jürgen Sparwassers 1:0 der DDR gegen den Klassenfeind. Und selbst „Katsche“ Schwarzenbeck, der sonst nie Tore schoss, hat sich 1974 mit seinem 1:1 in der Verlängerung des Landesmeisterfinales gegen Atletico Madrid unsterblich gemacht. Ein einziger Augenblick, ein einziges Tor.

Natürlich habe ich mich irgendwann einmal gefragt, ob die Autoren des Buches tatsächlich Gerd Müller, Bernd Hölzenbein, Günter Netzer und Franz Beckenbauer hießen. Mehr und mehr machte das Wort die Runde, Fußballer hätten es mit der Sprache nicht so sehr, seien ungebildet und außer mit dem Fußballspielen mit nur wenigem begabt. Man berichtete gar von einem Spieler, der bereits in der ersten Klasse sitzengeblieben war. Aber das alles hat mich von meinem Glauben nicht abbringen können. Auch nicht meine Deutschlehrerin, die meinen Referatvorschlag über mein Lieblingsbuch kopfschüttelnd mit den Worten „Ich spreche von richtigen Büchern“ abtat.

Zugegeben, meine Helden sind in der Zwischenzeit weniger geworden. Um ehrlich zu sein: Es gibt keine mehr. Das mag an der Zeit liegen. Ein Oliver Kahn ist eben kein Sepp Maier und ein Fredi Bobic kein Gerd Müller. Wahrscheinlicher freilich ist, dass es an mir liegt. Mit 14 ist es leichter Helden zu haben als mit 40. Es ist leichter, sich Tore vorzustellen, für die es keine Bilder gibt. Und es ist leichter zu glauben, dass ein einziges Tor unsterblich machen kann. Trotzdem gilt auch heute noch mein erster Blick, wenn ich am Morgen die Zeitung aufschlage, dem Sportteil. Ein entscheidendes Tor in der 89. Minute, ein Weltrekord über 100-Meter oder ein Ausreißersieg auf einer Tour-de-France-Etappe zieht mich noch immer mehr in den Bann als alles andere. Durch glückliche Umstände ist mir dieser Tage das Buch, von dem hier die Rede ist, wieder in die Hände gefallen. Vorsichtig, als könnte eine einzige hastige Bewegung meine Helden von damals verscheuchen, habe ich es aus dem Umschlag, in dem es zu mir gekommen war, genommen und mich damit in mein Bett verkrochen. Noch einmal habe ich die Geschichten von Gerd Müller und Franz Beckenbauer, von Berti Vogts und Jürgen Grabowski gelesen, von Hackentricks und Fallrückziehern und davon, dass ein einziger Flugkopfball ein Leben verändern kann. Für ein paar Stunden war ich wieder in meinem Kinderzimmer von damals. Versunken in einer Welt, in die einen nur Bücher führen können. Und als schließlich auch der letzte Ball im Tor war und ich das Buch zuklappte, spürte ich etwas in mir, das ich nur ungenau beschreiben kann, aber wenn ich es versuchen würde, dann fiele mir am ehesten das Wort Glück dafür ein.

Mein schönstes Tor 69/70 Belser Verlag; (Nur antiquarisch erhältlich)

Martin Gülich, geboren 1963 in Karlsruhe, lebt als freier Schriftsteller in Freiburg. 2001 erschien der Roman Bellinzona, Nacht (zu Klampen), 2003 der Prosaband Bagatellen (edition selene).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

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