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Mittwoch, 15. Oktober 2003

Vom Schrecken des Spiegels

 

Unwürdige Lektüren: Daniel Kehlmann liest Daniel Kehlmann.

Manchmal kann man es nicht vermeiden. Nicht, dass man es zum Vergnügen täte, aber der Berufsalltag bringt es mit sich: Übersetzer haben Fragen, Anthologien brauchen einen Ausschnitt, den man besser selbst kürzt, man muss eine Veranstaltung vorbereiten, und so nimmt man also, in der Sicherheit des verschlossenen Arbeitszimmers, eines der eigenen Bücher schlägt es auf und beginnt mit – obwohl einen ja keiner sieht – möglichst sachlicher Miene zu lesen. Würde einen jetzt jemand fotografieren, man wäre erpressbar. Schnell steht man auf, kontrolliert noch einmal die Tür, die Vorhänge vor den Fenstern, setzt sich, liest weiter.

Ich weiß nicht mehr, welcher Autor es war, der auf die Illustriertenfrage, welche Bücher er im Schiffbruchsfall auf einsame Inseln mitnähme, ruhig und klar sagte: „Meine.“ Eine eitle Antwort? Nicht wirklich. Denn mit welcher anderen Lektüre wäre man nicht sehr bald fertig, würde sie nicht nach kurzem in- und auswendig kennen und schließlich notgedrungen weglegen, um sich mit sich selbst, dem eigenen abgetragenen Ich, zu beschäftigen? Es mag nicht glanzvoll sein, aber es ist das einzige, das man hat. Warum also nicht gleich eigene Bücher mitnehmen, denn früher oder später endet man ja ohnehin allein mit sich! Keine eitle, sondern eine kluge, eine überzeugende Antwort. Wenn auch grundfalsch.

Auf einer einsamen Insel sein und nichts zu lesen haben als eigene Werke, so stelle ich mir die Hölle vor. Ich hätte lieber noch Anthologien putziger Tiergeschichten, verblichene Reader’s- Digest-Bände, den Ikea-Katalog oder eine Gesamtausgabe von Botho Strauß. Ich hätte lieber gar keine Bücher. (Und außerdem, aber das nur am Rande, möchte ich nicht auf eine einsame Insel.) Schade eigentlich, dass es gerade zu dieser Frage noch keine Untersuchung gibt: Lesen Menschen, die Bücher publiziert haben, freiwillig darin? Und wenn nicht, warum?

Ich wusste immer, dass es mir gefallen würde, ein Buch geschrieben zu haben. Dass es etwas Schönes sein musste, einen solchen Gegenstand zu besitzen, der, gedruckt und gebunden, in Buchhandlungen erhältlich, gekauft, heimgetragen und in das Regal gestellt werden konnte, ein Ding also unter anderen Dingen, einerseits noch meines und andererseits doch nicht mehr. Maler taten mir leid: Kunstfremde Geldsäcke zogen mit ihren Bildern für immer davon. Ein Autor aber, so stellte ich mir vor, konnte wann immer ihm danach war sein Buch wieder zur Hand nehmen. Ein krönender Augenblick nach all der mühsamen Arbeit.

Nur kenne ich keinen Autor, der das tut. Man setzt sich nicht in einen Lehnstuhl, legt Musik auf, stellt ein Glas Rotwein neben sich und öffnet einen eigenen Roman. Und zwar nicht nur deshalb, weil man ihn natürlich auswendig kennt; die Barriere ist viel massiver.

Immer noch ist es ein seltsamer Moment der Transformation, wenn das neue Buch aus der Druckerei kommt: Man dreht und wendet es skeptisch, schlägt es auf und zu, wundert sich, dass es entweder dicker oder dünner ist als erwartet, kann der Behauptung, die der plötzlich so fremd aussehende eigene Name auf dem Umschlag impliziert, noch nicht recht glauben: „Das“, fragt man sich, „soll meines sein?“ Aber liest man darin? Man liest nicht darin.

Später, wie gesagt, gibt es Veranstaltungen zu bestehen; aus irgendeinem Grund hören viele Menschen einen Text lieber, als ihn selbst zu lesen, und sie hören ihn lieber dargeboten von einem stotternden und hustenden Dilettanten, der zufällig der Verfasser ist, als von einem Profi. (Außerdem ist ein kaum bekannter Schauspieler bereits teurer als der berühmteste Schriftsteller, und dass Lesungen so oft von den Autoren bestritten werden, ist ein als Authentizitätsprinzip getarntes Preisdumping.) Man muss also Stellen auswählen, Kürzungen machen, den Anthologien und Übersetzern beispringen, es muss sein. Vorhänge und Türen sind geschlossen, Fotoapparate nicht zu befürchten. Warum ist es immer noch so unangenehm?

Natürlich sind da schlechte Stellen, Seiten, die man gerne anders gemacht hätte, Fehler, von denen man schon sehr bald nicht versteht, wie sie passieren konnten. Man schüttelt den Kopf. Man schämt sich. Dann gibt es gelungene Passagen. Seiten, von denen man nicht begreift, wie man sie überhaupt hingekriegt hat. „Um Gottes willen“, denkt man, „ich schaffe das nie wieder!“ Man legt das Buch weg, fordert sich auf, nicht hysterisch zu sein, liest noch einmal. Und denkt bedrückt: „Richtig, das schaffe ich wirklich nicht mehr.“ Dann sind da Stellen, auf die keines von beidem zutrifft: Was für den normalen Leser klar, notwendig und festgefügt aussieht, kommt einem selbst vor wie eine nur notdürftig aufgeräumte Baustelle.

Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Auch der Blick in den Spiegel ist schließlich nur im ersten Moment befremdend, weil man vielleicht gerne anders aussähe, – im zweiten aber, weil man sich plötzlich nicht mehr erkennt. Das künstlerische Temperament ist mit etwas Beendetem, etwas, das es abgeschlossen und in die Welt geschickt hat, so ganz und gar fertig, dass es sich dagegen sträubt, noch einmal den Blick darauf zu richten. Es ist kompromisslos nach vorne gekehrt, es gehört zu seiner Natur, sich in der eigenen Vergangenheit nicht wiederzufinden. Darum eben wäre es, selbst nach einem jahrzehntelang produktiven Künstlerleben, das Allerschrecklichste, zu wissen, dass man sein bestes Werk bereits geschaffen hat.

Trotzdem ist es natürlich heilsam, dass die Umstände einen immer wieder zu dieser unwürdigen Lektüre zwingen, dass sie es einem nicht ersparen, die abgelegten Bücher aufzuschlagen, über das Misslungene zu schaudern und sich beim Gelungenen Sorgen um die Zukunft zu machen. Beides ist hilfreich für dieses Neue, das einem eben jetzt, während der Arbeit, als das Wichtigste der Welt erscheint und das fertig in der Hand zu halten ein kaum vorstellbares Glück wäre. Bis dahin wird man ihm Tausende Stunden Arbeit widmen, man wird an jeder seiner Seiten feilen, als hinge das Leben davon ab, man wird Krisen und Hochgefühle mit ihm erleben, bis man kaum mehr daran glaubt, dass es einmal vorbei sein könnte. Wenn es dann aber doch soweit ist, wird man es ins Regal stellen und hoffen, dass man es nie mehr öffnen muss.



Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien bei Suhrkamp sein Roman Ich und Kaminski.

Unwürdige Lektüren
Auf die Frage nach den wichtigsten Büchern, werden immer wieder dieselben Titel genannt: Der Mann ohne Eigenschaften, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Madame Bovary, die Odyssee, die Bibel … Im realen Leseleben spielen aber oft ganz andere Texte die Haupt- oder zumindest eine gewichtige Nebenrolle, unwürdige Lektüren, auf die man nicht gerade stolz ist, derer man sich aber nicht enthalten kann. Vom Überästheten Ludwig Wittgenstein ist bekannt, dass er amerikanischen Schundromanen, der pulp fiction, verfallen war, Franz Kafka zählte zu den diskreten Abonnenten einer erotischen Zeitschrift. Volltext hat Schriftsteller und Büchermacher nach ihren «Unwürdigen Lektüren» gefragt.

 


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