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Verbrecherjagd im Schneckentempo und James Bond als blasser Beamter – Jürgen Benvenuti sichtet die neuen Thriller und findet wenig Überzeugendes.
Pokerprofis gegenüber haben Autoren den Vorteil, dass sie sich die Karten, mit denen sie spielen, selbst zugeteilt haben. Wer einen Serienmörder mit krebsheilendem Blut, eine fanatische Ärztin und einen von Selbstzweifeln geplagten FBI-Agenten in Händen hält, sollte auf Angriff setzen, nicht auf zurückhaltendes Taktieren. Leider tut das Kenneth Oppel in DAS WERK DES TEUFELS nicht. Religiöse Motive treiben den Serienmörder David Haines an. Krankheiten sind Strafen Gottes, und die Ärzte, die diese Krankheiten heilen, handeln Gottes Willen zuwider und müssen getötet werden. Nach seiner Flucht aus der Todeszelle wird Haines vom FBI und von der Krebsforscherin Dr. Donaldson, die ihr eigenes Süppchen kocht, gejagt, in einem Tempo, das ziemlich gemächlich ist. Passieren tut wenig, und das Bisschen, das sich ereignet, wird von einem getragenen, manchmal ins Schwülstige abgleitenden Stil zugekleistert. Spannung sieht anders aus.
Kenneth Oppel DAS WERK DES TEUFELS Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003 526 Seiten, Euro 8,90 (D) / Euro 9,20 (A) / sFr 15,90
Der Tod ist das Leben von Jack Tagger. Nach einem Disput mit dem Besitzer des Union- Register, einer Tageszeitung in Florida, verbringt der ehemalige Aufdeckungsjournalist seine Tage mit dem Verfassen von Nachrufen. Der rätselhafte Unfalltod des früheren Rockstars Jimmy Stoma scheint Taggers Chance zu sein, wieder eine Geschichte auf die Titelseite zu bringen, sehr zum Missfallen von Stomas Witwe Cleo Rio, ihres Produzenten L’Oréal und einem als Skinhead verkleideten Neandertaler namens Jerry. LETZTES VERMÄCHTNIS von Carl Hiaasen ist, verglichen mit seinen früheren Büchern, relativ zahm. Statt auf seine berühmt berüchtigte Brachialkomik setzt der Amerikaner diesmal auf einen schnellen, schlanken Stil, eine ökonomisch erzählte Geschichte und eine gewisse Ernsthaftigkeit. Das Nette an Hiaasens Romanen ist, dass die Guten nicht nur gewinnen und die Bösen verlieren, nein, die Guten gewinnen triumphal, und die Bösen gehen unter mit Pauken, Trompeten und tiefgefrorenen Waranen.
Carl Hiaasen LETZTES VERMÄCHTNIS Goldmann, München 2003 413 Seiten, Euro 9,50 (D) / Euro 9,80 (A) / sFr 16,80
Chaotisch geht es zu in der namenlosen Großstadt, dem Schauplatz von Philippe Djians Roman SIRENEN. Schlägereien auf offener Straße, blutige Banküberfälle, aufgebrachte Globalisierungsgegner. Hubschrauber kreisen am Himmel und Polizisten gehen hart gegen Demonstranten vor. Einer dieser Polizisten ist Nathan, ein typischer Held Djianscher Prägung. Probleme mit dem Alkohol, den Frauen und mit seinem Chef, dem Nathans Ermittlungsmethoden – er verdächtigt den stinkreichen und obszön mächtigen Paul Brennen, die eigene Tochter, eine Ikone der Globalisierungsgegner, getötet zu haben –, zu weit gehen. So richtig schmeckt der Cocktail, den Djian gemixt hat, nicht. Den Bullen nimmt man Nathan nicht ab, dafür wird er zu anarchistisch gezeichnet, die zweite Erzählperspektive, die seiner Kollegin Marie-Jo, überzeugt nur teilweise. Aber Djian beherrscht sie noch, die Kunst, diesen einen Satz zu schreiben, der dich mit offenem Mund staunen lässt, wenngleich er sie spärlicher einsetzt als früher.
Philippe Djian SIRENEN Diogenes, Zürich 2003 440 Seiten, Euro 22,90 (D) / Euro 23,60 (A) / sFr 39,90
Ökonomisch erzählen ist nicht jederfraus Sache. Nehmen wir zum Beispiel Donna Tartt und ihren Roman DER KLEINE FREUND. Über 700 Seiten hat die Geschichte der zwölfjährigen Harriet, die, gemeinsam mit ihrem kleinen Freund und Helfer Hely, versucht, den Mord an ihrem Bruder aufzuklären. Zäh wie bergauf fließende Molasse kommt die Handlung voran. Derweil vergnügt sich die Autorin damit, die Zimmer der zahlreichen Tanten ausführlichst zu beschreiben. Eine typische Tartt- Szene läuft in etwa so ab: Harriet und Hely wollen eine Schlange fangen. Zuerst wird die Schlange beschrieben, dann das Unkraut, in dem sie sich versteckt, dann der Bausand, auf dem dieses Unkraut wächst, dann die Straße, an deren Rand dieser Bausand sich befindet, dann die Häuser, die diese Straße säumen, dann die Bewohner, die in diesen Häusern leben, und dann sind wir, endlich, hurra!, wieder bei der Schlange angelangt. Der kleine Freund zu lesen ist wie durch einen endlosen Sumpf zu marschieren: verdammt anstrengend.
Donna Tartt DER KLEINE FREUND Goldmann, München 2003 763 Seiten, Euro 24,90 (D) / Euro 25,60 (A) / sFr 42
Wer zu wenig Geld hat, um seinen Liebsten zu Weihnachten echte Klunker zu kaufen, kann sich vielleicht mit etwas anderen Steinchen aus der Affäre ziehen. In DIAMANTENFIEBER, dem vierten Bond-Abenteuer von Ian Fleming, soll der britische Agent herausfinden, wer Diamanten aus afrikanischen Minen schmuggeln lässt und so das Vereinigte Königreich jährlich um einige Millionen Pfund bringt. Die Spur führt nach Amerika, wo Bond sich alsbald mit einem Gangstersyndikat konfrontiert sieht. Die Geschichte ist solide erzählt, mit gut ausgearbeiteten, stimmungsvollen Szenen, wenngleich die teils ungustiösen Untertöne der spießig-naiven 50er-Jahre Weltsicht (das Original erschien 1953) für Bauchweh sorgen. Mit den bekannten Leinwandspektakeln hat das Buch wenig gemein. Über weite Stecken wirkt Bond wie ein blasser, nicht allzu intelligenter Beamter und kommt somit einem echten Agenten vermutlich näher als in den Filmversionen. Fleming, im Zweiten Weltkrieg selbst beim Geheimdienst, musste es ja wissen.
Ian Fleming DIAMANTENFIEBER Heyne, München 2003 288 Seiten, Euro 6,95 (D) / Euro 7,20 (A) / sFr 12,50
Jürgen Benvenuti, geboren 1972, ist Krimi- Autor und lebt in Wien. Zuletzt erschien sein Roman Barcelona Blues im Europa Verlag. |