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Dienstag, 24. Februar 2004

Ins Misslingen verliebt

 

Norbert Müller: Der Sorgengenerator

Lambert Laschke ist eine Nervensäge. Beinahe zwanghaft treibt der Held von Norbert Müllers treffend betiteltem Roman Der Sorgengenerator seine Mitmenschen zur Weißglut. In seiner Kindheit soll sogar die eigene Mutter mit dem Brotmesser auf ihn losgegangen sein, ein Ereignis, von dem er nur zu gern erzählt, um Mitleid bei Frauen zu schinden. Und tatsächlich fällt immer wieder eine auf ihn herein, die bereit ist ihn auszuhalten – im doppelten Wortsinn. Denn für Arbeit im landläufigen Sinn ist Lambert nicht gemacht. Zwar versucht er sich halbherzig als Sprachlehrer über Wasser zu halten, doch eigentlich will er Schriftsteller sein: Seit Jahren bastelt er an einem 800 Seiten starken Roman herum, den niemand haben will.

Mit Anfang 40 blickt Lambert also zurück auf ein Leben, das geprägt ist von zyklischem Versagen und Scheitern auf niedrigem Niveau: Seine Frau hat sich scheiden lassen, der Sohn geht lieber zu den Nachbarn, wenn er auf Besuch kommt, er kann die Alimente nicht zahlen und wenn er ein Paar Schuhe kaufen will, muss er seine Lebensgefährtin Annette anpumpen.

Doch es kommt schlimmer. Annette wird schwanger, verliert ihren Job und Lambert muss bei einer Illustrierten, der Goldenen Post, anheuern, wo er für die Redaktion der „wahren Geschichten“ zuständig ist, die Leserinnen einsenden. Zudem kommt er dahinter, dass Annettes Ex-Mann, der einfallslose, doch erfolgreiche Schriftsteller Winterberg, Lamberts Privatleben bis in Details hinein als Material für seinen neuen Roman verwendet. Der Titel dieses Romans? Richtig: Der Sorgengenerator.

Der 1963 geborene Norbert Müller liefert mit seinem zweiten Roman ein witziges, scharf gezeichnetes Porträt eines disfunktionalen Intellektuellen, den zwar die Behandlung mongolischer Sprachstudenten in politisch korrekten Zorn versetzt, der aber gleichzeitig ohne große moralische Bedenken eine schwangere Frau mit einem behinderten Kind sitzen lässt. Es gehört zu den Verdiensten Müllers, dass der Roman nicht abgleitet ins harmlos Heitere und kein heimeliges, „ironisches“ Identifikationsangebot für Intellektuelle mit kleinen Störungen bietet, das nach dem bekannten Muster funktioniert: Lebensunfähiger, in seinen Fehlern irgendwie liebenswerter, uns Lesern doch so ähnlicher Kopfmensch, an dem wir mit freudigem Erschrecken unsere eigenen Schwächen entdecken.

Im Laufe des Romans entpuppt sich die komische Nervensäge Lambert Laschke nämlich als profundes Arschloch – und als mittelmäßiger Tunichtgut, der keineswegs verkannt, sondern mit vollem Recht als Niete angesehen wird. Hier liegt vielleicht ein Problem des Romans: Lambert nervt nicht nur die anderen Figuren im Buch, sondern mitunter auch den Leser, und man fragt sich zwischendurch, in welch epischer Breite man gewillt ist, ihm beim Scheitern zuzuschauen. Aber das ist ein kleinlicher Einwand gegen einen insgesamt gelungenen, witzigen Roman, in dem das komische Element zunehmend von tragischen Momenten konterkariert wird und der mit einer entschieden düsteren Note schließt. (tk)

Norbert Müller
Der Sorgengenerator
Residenz, Salzburg 2004
247 Seiten, EU 19,90 / 36 sFr

 


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