volltext.net

Dienstag, 13. April 2004

Die Chronik der Heuchelei

 

Mit "Rot und Schwarz" schuf Stendhal einen der bedeutendsten Romane des 19. Jahrhunderts. Auf stilistische Makellosigkeit gab der Glücksritter dabei wenig, wie die eben erschienene Neuübersetzung seines Hauptwerks zeigt.

Wir können den Eindruck, den das Phänomen Napoleon auf Generationen ehrgeiziger junger Leute machte, kaum noch nachvollziehen. Ein Mann aus dem Nichts, mittellos, ohne sozialen Rang, war allein durch seine skrupellose Entschlossenheit, seine Begabung und seine beispiellose Fortune an die Spitze eines Staates gelangt, hatte Europa erobert und sich zum Kaiser gekrönt. Für kurze Zeit waren die Strukturen durchlässig: Um aufzusteigen zählte nicht mehr Herkunft, sondern Begabung. Dann stürzte der Kaiser, und eine fragile Restaurationsgesellschaft, bestimmt von Korruption und Repression, entstand, von den Idealen der Französischen Revolution ebenso weit entfernt wie von der souveränen Unterdrückung des Ancien Regime. Dieser Übergangszeit verdanken wir einen der bedeutendsten Romane des 19. Jahrhunderts, geschrieben von einem Glücksritter und Abenteurer, wie die Literaturgeschichte ihn vielleicht nur in einem einzigen Moment hervorbringen konnte.

Henri-Marie Beyle wurde 1783 als Kind eines Anwaltes in Grenoble geboren, hatte eine unruhige und unerfreuliche Jugend, trat 1800 in den Militärdienst ein, führte ein Bohemeleben in Paris, scheiterte mit allerlei Projekten ökonomischer und künstlerischer Art und schloss sich 1806 dem politischen Gefolge Napoleons an, der ihn in den diplomatischen Dienst aufnahm. Er verkehrte in der mondänen Gesellschaft des Kaiserreichs, hatte ein paar höchst romanhafte Affären, nahm am Russlandfeldzug teil und erlebte die Niederlage der Grande Armée. Im neuen Frankreich der Bourbonen konnte er nie mehr heimisch werden: Mal mit mehr, mal mit weniger Geld bereiste er Deutschland und Italien und veröffentlichte erfolglose Bücher unter dem Pseudonym Stendhal. Als sich das völlige Scheitern seiner schriftstellerischen Ambitionen abzeichnete und sein Roman Rot und Schwarz 1830 ohne Echo blieb, machte er die berühmte Voraussage, man werde ihn 1880 zu lesen beginnen, und ab 1930 werde er weltberühmt sein. So sollte es sich, fast aufs Jahr genau, erfüllen. Er machte große Reisen, schrieb 1838 in weniger als zwei Monaten Die Kartause von Parma, erlitt in Rom einen Schlaganfall und starb 1842 in Paris. Auf seinen Grabstein wurde nach seinem Wunsch Arrigo Beyle, Milanese, Visse, Scrisse, Amò graviert. „Er hatte einen Reichtum von Erfahrungen gewonnen“, schrieb Somerset Maugham, „wie er nur wenigen Romanciers vergönnt ist. In einer Zeit großer Veränderungen verschlug es ihn unter Menschen aller Arten und Klassen, wodurch er eine so vollständige Kenntnis der menschlichen Natur erwerben konnte, wie seine eigenen Beschränkungen erlaubten.“

Rot und Schwarz, angeregt durch einen realen Kriminalfall, ist die Geschichte des jungen Julien Sorel, Sohn eines Mühlenbesitzers in der Provinz, glühender Verehrer Napoleons, entschlossen, um jeden Preis Ansehen und Reichtum zu erwerben. 20 Jahre früher hätte sein brennender Ehrgeiz ihn zum Militär gebracht; nun aber, in der Epoche der Restauration, muss er zur Kirche. Indem er die Bibel auswendig lernt und die Gemeindehonoratioren mit seinen Gedächtniskünsten beeindruckt, erlangt er die Hauslehrerstelle beim Bürgermeister Rênal. Seine Eitelkeit hält es für nötig, mit dessen Frau eine Affäre anzufangen: Jeden Schritt plant er mit militärischer Akkuratesse, bis sie tatsächlich seine Geliebte wird. Um einen Skandal zu vermeiden, schicken seine Vorgesetzten ihn aufs Priesterseminar, in ein atemberaubendes Klima der Heuchelei und frömmelnden Lüge. Ohne Zorn oder satirischen Impetus, mit der eisigen psychologischen Klarsicht, welche ihm nicht zufällig die Bewunderung Nietzsches eintragen sollte, schildert Stendhal ein Milieu, in welchem selbst der zynische Karrierist Julien wie ein Idealist aussieht: „Nach mehreren Monaten unermüdlicher Beflissenheit sah man Julien immer noch an, dass er dachte. Seine Art, die Augen zu bewegen und den Mund zu formen, ließen nicht den impliziten Glauben erkennen, der bereit ist, alles zu glauben und alles zu bezeugen, sogar durch das Martyrium. Voll Zorn sah Julien, dass er in diesem Genre von den gröbsten Bauern übertroffen wurde.“

Durch sein Geschick und einige – nicht immer völlig glaubhafte – Zufälle kann Julien diesen Ort des Schreckens verlassen und wird vom Marquis de La Mole, einem aus dem Exil zurückgekehrten Grandseigneur des Ancien Régime, als Sekretär engagiert. Entschlossen, nicht noch einmal seinen Aufstieg zu gefährden, verhält er sich gegenüber Mathilde, der schönen Tochter des Marquis, mehr als abweisend – was ihn in den Augen dieses verwöhnten, von allen Männern umschwärmten Luxusgeschöpfs prompt interessant macht. Sie verführt ihn, die Wechselfälle ihrer Affäre gehören zu den Glanzstücken literarischer Enthüllungspsychologie. Keiner der beiden liebt den anderen, Mathilde ist für Julien eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs; Julien für Mathilde ein neuer Danton aus der Unterschicht, der genau so lange reizvoll bleibt, wie sie sich von ihm verachtet glaubt. Mathilde wird schwanger und ringt ihrem Vater die Erlaubnis zur Eheschließung ab. Julien wird zum Offizier gemacht und in den niederen Adel erhoben, endlich scheint alles zu gelingen. Doch unmittelbar vor der Hochzeit verrät Madame de Rênal in einem Brief an den Marquis die Wahrheit über Juliens Ambitionen. Julien schießt seine ehemalige Geliebte in der Kirche nieder, wird verhaftet und zum Tod verurteilt. Während er auf die Hinrichtung wartet, entsteht zum ersten Mal eine Art echter Zuneigung zwischen ihm und Madame de Rênal. Seine eigene Verlobte, die ihn voll morbider Faszination zum Schafott begleitet, ist ihm nur noch lästig.

Man weiß nicht, was man an der neuen deutschen Ausgabe mehr bewundern soll: Elisabeth Edls kenntnisreichen Kommentarteil (schon deswegen unverzichtbar, weil Rot und Schwarz wie kein Roman zuvor auf die Tagespolitik Bezug nimmt), oder ihre Übersetzung, welche sich der naheliegenden Versuchung verweigert, Stendhals sperrige Flüchtigkeiten zu glätten. Stendhal ist das Gegenteil eines Stilisten: Brillant geschriebene Passagen wechseln mit schleppenden ab, Inkonsequenzen tauchen auf, vor denen sogar der Kommentar kapituliert, und gegen Ende hatte der Autor es sichtlich eilig, das Unterfangen abzuschließen, verzichtete auf Kapitelüberschriften und legte sich die entwaffnende Gewohnheit zu, Beschreibungen und Dialoge nach ein paar Zeilen mit Abkürzungszeichen abzubrechen. All dies ist – nur hierin möchte man Edls Kommentar widersprechen – kein Zeichen für seine Modernität, sondern eine Eigenschaft, die er mit den großen vormodernen Schnellschreibern des 19. Jahrhunderts teilt, denen Makellosigkeit noch kein Stilideal war und die kein Problem darin sahen, dem Leser zu signalisieren, dass sie Wichtigeres zu vollbringen hatten als perfekte Prosa – mit Balzac also, mit Dickens und vor allem mit Fjodor Michailovitsch Dostojewskij, dem Autor des zweiten großen Romans über einen vom Bonapartismus geprägten jungen Amoralisten.

Eine Läuterung und christliche Gegenutopie jedoch, wie sie sich für Raskolnikoff abzeichnet, gibt es bei Stendhal nicht. Der Zynismus seiner Figuren kennt keine Katharsis, sein Unterfangen ist schlechthin einzigartig und mit solch soziologischer Stringenz nur einmal unternommen worden: Sine ira et studio, ohne zu verurteilen oder anzuklagen, mit keinem Ziel als dem, sich nicht täuschen zu lassen, das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, deren Verlogenheit vollkommen ist und in der menschliche Handlungen sich nur durch die Grade ihrer Falschheit unterscheiden. In Stendhals Welt gibt es Authentizität weder sich selbst noch anderen gegenüber; Ehrlichkeit ist hier nur die raffinierteste Verkleidung der Lüge, Aufsässigkeit die täuschendste Maske des Opportunismus. Nach dieser Lektüre ist man für längere Zeit von Leichtgläubigkeit geheilt. Nicht das schlechteste Resultat großer Romankunst.

Stendhal
Rot und Schwarz
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Hanser, München 2004
872 Seiten, € 34,90 (D) / € 35,90 (A) / sFr 61

 


<< zurück

    Nachrichten von Büchern und Menschen

    Montag, 14. Januar 2008  –  dradio.de

    Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte"

    Montag, 14. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das gedruckte Wort allein reicht schon lange nicht mehr aus, um Bücher zu verkaufen.

    Montag, 14. Januar 2008  –  taz

    Rumänische Kirche gegen "Satanische Verse"

    Montag, 14. Januar 2008  –  FAZ

    Im Gespräch: Wladimir Sorokin

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Ein hochdramatisches Familienschicksal ist der Plot des Buches "Hammerstein oder der Eigensinn".

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Seine Geschichte erinnert an Will Smith, der in "I am a legend" allein durch New York streift ...

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Aus einem Prosaband von Andrea Winkler

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind...

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Hans Magnus Enzensberger gedenkt des Reichswehr-Generals Kurt von Hammerstein-Equord.

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Ulrich Peltzer erkundet den Zusammenhang von Politik, Liebe, Medientheorie und Überwachungskameras

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Spanischer Dichter starb im Alter von 82 Jahren

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Dass der Kanon oft das Ende der Debatten ist, lässt sich an vielen Versuchen zeigen, die Literatur...

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Hans Magnus Enzensbergers Recherche über General Hammerstein und seinen Kreis

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Michael Donhausers neue Prosagedichte

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Berliner Zeitung

    Hans Magnus Enzensbergers Buch über den eigensinnigen General Kurt von Hammerstein

    Freitag, 11. Januar 2008  –  dradio.de

    Peter Handke: "Die morawische Nacht"

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das grüne Archiv als Nachlass: Michael Hamburger war nicht nur Dichter, sondern auch Apfelzüchter.

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Enzensberger über Hammerstein