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Mittwoch, 16. Juni 2004

Schönes altes Ritual

 

Norbert Müller, der den Bachmann-Preis 2001 in spektakulärer Weise nicht gewonnen hat – er kam zwei Mal in die Stichwahl und ging am Ende leer aus –, im Gespräch mit der Jury-Vorsitzenden Iris Radisch über Infantilismus und Welthaltigkeit der deutschen Literatur und die Zukunft des Klagenfurter Wettbewerbs.

NORBERT MÜLLER „Schafft Klagenfurt ab!“, hieß es letztes Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Sie sind dieses Jahr wieder Jury-Vorsitzende. Warum sollte Klagenfurt nicht abgeschafft werden?
IRIS RADISCH Die Forderung ist so alt wie der Bewerb, beide sind Klassiker des Literaturbetriebs. Klassiker abzuschaffen, sie gegen Neues, Zeitgemäßeres auszutauschen – auch damit hat man inzwischen genügend Erfahrung machen können. Mit dem Erfolg, dass die Klassiker alles überlebt haben. Im Ernst: der Kulturbetrieb hat so viele Formen, Festival, Event, Literaturhaus, Club, Café. Klagenfurt gibt es nur ein Mal. In den Medien gibt es Literatur auf allen Kanälen bald nur noch als Kaufempfehlung. Kritik, Meinung, Analyse, das alles ist eliminiert worden. Klagenfurt, mit all seinen Macken, sollte im Gegenteil unter Artenschutz gestellt werden. Es gibt nichts Vergleichbares weit und breit.
MÜLLER Es wurde in den letzten Jahren geklagt, dass viele Texte nur mittelmäßig seien. Wie ist die Diskrepanz zu erklären: Da laden Juroren Autoren und ihre Texte ein, von denen sie doch wohl überzeugt sind, und dann finden viele dieser Texte nicht mal die Zustimmung von drei, vier Juroren?
RADISCH Nicht nur in Klagenfurt sind die vorgetragenen Texte oft schwach, auch ohne Klagenfurt ist die deutsche Gegenwartsliteratur im Augenblick nicht gerade ein Talentschuppen. Alle spüren diese Krise, der große Aufschwung, den die junge Literatur angeblich vor ein paar Jahren genommen haben soll, war nicht langlebiger als die New Economy. Für diese Krise kann man viele gute Gründe nennen, die sicher tief in Fragen unseres Lebensstils, der westlichen Zivilisation überhaupt führen. Dennoch muss man gegenfragen: Was erwarten wir eigentlich von den Autoren? Haben wir nicht auch ganz überzogene Ansprüche, die eher etwas mit unserem Konsumverhalten als mit Literatur zu tun haben? Jedes Jahr einen neuen verbesserten Autotyp, jedes Jahr einen neuen heißen Literaturtrend, das ist doch Wahnsinn – oder eben Kulturindustrie.
MÜLLER Waren früher die Texte wirklich besser? Oder leiden die Klagenfurtkritiker an Nostalgiehochdruck?
RADISCH Die Texte waren im Großen und Ganzen früher besser. Aber noch mal: schuld an dieser Krise ist nicht Klagenfurt. Klagenfurt ist nur ein Spiegel, nicht der Verursacher. Aber es wurde ja schon immer der Bote der schlechten Nachricht erschlagen. Außerdem: besser war früher lediglich das „obere Mittelfeld“. Erinnern wir uns nur an den unglaublichen, aber auch fragwürdigen Luxus vergangener Jahre, so großartige Autoren wie Libuse Moniková, Josef Winkler, Reinhard Jirgl ohne Preis wieder nach Hause zu schicken. So was können wir uns heute nicht mehr erlauben. Aber es gab immer auch ganz schrecklich schlechte Texte, das gehört, Gott weiß warum, einfach zu diesem Wettbewerb. Und was man bei aller Kritik immer leicht vergisst: das Niveau der Preisträger ist letztlich gleich geblieben. Noch immer werden sehr gute Autoren ausgezeichnet, die sich mit den Preisträgern aus allen anderen Jahren messen können.
MÜLLER Wie wird die Jury ausgewählt?
RADISCH In einem Diskussionsprozess zwischen den Veranstaltern, mir und vielen klugen Beratern.
MÜLLER Wie wählen Sie Ihre Autoren aus? Wie viele Texte erhalten Sie? Lesen Sie alle Texte an?
RADISCH Ich habe ungefähr 400 Bewerbungen für Klagenfurt erhalten. Ich versuche, die meisten zu lesen. Außerdem spreche ich selber Autoren an, deren Bücher mir gut gefallen haben.
MÜLLER In diesem Jahr mussten die Kandidaten die Empfehlung eines Verlages oder einer Literaturzeitschrift beibringen. Welchen Sinn und Zweck hat das Einbeziehen der Verlage bei der Auswahl der Autoren? Welche Chance hat dabei ein „vorprominenter“ Autor, also jemand, der noch nicht im Betrieb ist, eingeladen zu werden?
RADISCH Diese neue Vorschrift dient einzig und allein dazu, die Flut der Einsendungen, die uns Juroren alle überfordert, ein wenig einzudämmen. Es ist zwar hin und wieder vorgekommen, dass ein Autor, der noch nie irgendetwas veröffentlicht hatte, in Klagenfurt gelesen hat. Und ich würde dies auch nie kategorisch ausschließen. Jede Regel braucht Ausnahmen. Aber Klagenfurt ist eigentlich keine Bühne für absolute Berufsanfänger.
MÜLLER Wie verändert sich Ihr Eindruck des Textes vom ersten, privaten Lesen bis zur öffentlichen Diskussion? Kommt es vor, dass Sie Ihr Urteil über einen Text nach dem Vortrag beziehungsweise der Diskussion revidieren?
RADISCH Ja, das kommt vor. Manchmal ist man beim ersten Lesen wie blind für eine bestimmte Dimension des Textes und plötzlich gehen einem die Augen oder die Ohren auf. Außerdem wäre man ja vernagelt, wenn man für kluge Argumente nicht mehr zugänglich wäre. Dann gibt es auch so etwas wie Gruppendynamik: Wenn ich zum Beispiel den Eindruck habe, dass ein Text insgesamt viel zu gut wegkommt, übertreibe ich in meiner Kritik vielleicht etwas, bin etwas polemischer als ich das sonst wäre. Umgekehrt gilt das genauso.
MÜLLER Welche sind die markantesten Unterschiede für Sie zwischen der Literaturspontankritik à la Klagenfurt und einer Buchbesprechung in der Zeitung?
RADISCH Das sind zwei völlig unvergleichliche Dinge. Der größte Unterschied heißt: mündlich, schriftlich. Schriftlich ist immer feiner, kunstvoller, überlegter. In der Zeitung schreibe nur ich über ein Buch, ich muss alles alleine leisten: das Buch vorstellen, seine Hintergründe, seine Sprache, seinen Ton, den Autor einbeziehen, zu einem Urteil finden. In Klagenfurt wurde der Text gerade von allen gehört, es sprechen acht Leute, man spricht spontan, das Tempo ist hoch, man reagiert auf die Situation.

 


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