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Mittwoch, 16. Juni 2004

Hinterland

 

Der Bursche war vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt und blieb sofort wie angewurzelt stehen, als Beck ihn reflexartig am Jackenkragen festhielt, das war doch unglaublich, dachte Beck, ein russischer Junge hätte sich sofort losgerissen und wäre weitergerannt, diese Wiener, da herrschte tatsächlich noch der Metternichsche Geist. Eine Duckmäuserei, eine Feigheit, die nach Ohrfeigen verlangte, ein Glaube an die Macht der Hand, die einen am Kragen festhielt, obwohl der Kragen ohne Weiteres abgerissen wäre, hätte man sich nur weiterbewegt. Beck begann sofort, den Burschen streng zu befragen, er war Polizist, wenn auch in Zivil und erst seit wenigen Stunden wieder und davor sieben Gefangenschaftsjahre lang etwas anderes gewesen. Was glaube er denn, herrschte Beck den Burschen an, eine im Staatseigentum befindliche Pferdeleber zu stehlen – doch als der Bursche zu böhmakeln begann, wurde Beck unsicher in seiner Theorie, war denn das noch ein richtiger Wiener oder überhaupt Österreicher in diesem Restösterreich, er sprach kaum ein Wort Deutsch und presste eine fremdstaatliche Pferdeleber an seine magere Brust.

Beck führte ihn ab und übergab ihn der nächsten Polizeidienststelle, es war seine erste Amtshandlung nach dem Krieg, er konnte es nicht fassen, dass der böhmische Junge nicht einfach so schlau gewesen war, sich mit seiner Beute im Gewühl der Menge zu verdrücken. Beck fragte sich noch tagelang, was denn wohl aus der beschlagnahmten Pferdeleber geworden war und vermutete neidisch und wohl auch zu Recht, dass sie vom diensthabenden Wachebeamten im Kreise seiner Familie gebraten und verzehrt worden war.

Nachdem einige Zeit verstrichen war, beauftragte er Hoffmann beiläufig damit, herauszufinden, welche Strafe dem Burschen zugeteilt worden war, und erfuhr, dass dieser mit zwei Wochen Arrest gebüßt hatte. Beck träumte noch lange von der köstlichen, zu hauchdünnen Schnitzeln zerteilten Pferdeleber, zu der er einer unbekannten Wachebeamtenfamilie verholfen hatte, aß wütend die Graupensuppe mit Steckrüben, die Marianne kochte, und wusste, er hatte „das Richtige“ getan.

Bettina Balàka Vorgeschlagen von Klaus Nüchtern geboren 1966 in Salzburg.
Übersetzerstudium in Wien. Lebt mit ihrer Tochter als freie Schriftstellerin in Wien.
www.balaka.at


Veröffentlichungen (Auswahl) Die dunkelste Frucht. Gedichte. Deuticke 1994.
Krankengeschichten. Droschl 1996.
road movies. 9 versuche aufzubrechen. Droschl 1998.
Der langangehaltene Atem. Roman. Droschl 2000.
Messer. Essay. Droschl 2000.
Im Packeis. Gedichte. Deuticke 2001.
Dissoziationen. Gedichte aus Pflanzen und Vögeln. Resistenz 2002.
Unter Jägern. Erzählungen. Droschl 2002.


Auszeichnungen (Auswahl)
Österreichischer Förderungspreis für Literatur 1998.
Meta-Merz-Preis 1999.
Österreich-1-Essay-Preis 1999.
Projektstipendium für Literatur 2000/01.
Buchprämie 2001 des Bundeskanzleramtes.
Theodor-Körner-Preis 2004.
Wiener Dramatikerstipendium 2004.
Robert-Musil-Stipendium 2002–2005.

 


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