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Mittwoch, 16. Juni 2004

In Haft

 

Bevor ich sterbe, will ich wenigstens eine Runde in meiner Zelle gemacht haben. – Marguerite Yourcenar

Ich sitze auf der Bank in der Sonne. Von der Mauer hinter mir strahlt die Wärme ab; sie liegt auf meinem Rücken, der sich krümmt wie ein Katzbuckel, denn ich habe die gekreuzten Arme auf die Knie gestützt und schaue über die freie Fläche. An der gegenüberliegenden Mauer ein Baum, er überragt sie nicht, sieht vielmehr aus wie ein Schattenriss, ein Bild auf dem Putz. Das Licht von jenseits blendet. Die Silhouetten der Mitgefangenen lassen nicht erkennen, dass auch sie eingesperrt sind. Gehört die Mauer zu ihrer Welt? Sie nutzen die Stunde, um zu zeigen, dass sie mit dem Leben etwas anzufangen wissen; ja man könnte meinen, die Freizeit sei ihnen Freiheit, und es gäbe für sie keine Zelle, kein Gitterfenster, keine Verzweiflung. Einer schreitet im Kreis, die Arme, nur die Fingerspitzen berühren einander, um einen unsichtbaren Baumstamm geschlungen; einer tritt hart auf der Stelle und boxt die Luft; einer schreibt geschwungene Linien in den Raum um seinen Körper; wieder einer verbeugt sich zierlich nach allen Seiten; zwei stehen zusammen und schlagen in wirrem Wechsel, doch immer erfolgreich, die Handflächen gegeneinander, und ein paar andere hopsen in steilen Sprüngen umeinander herum wie junge Katzen. Dabei ist doch auch ihre Zeit begrenzt. Neben mir der Wärter lehnt am warmen Stein. Ab und zu, im Hof, scheucht er mich mit freundlichem Klatschen auf, und manch anderer hat mitgeklatscht, wenn ich aufsprang und hüpfend meine Übung zeigte. Doch heute hat er die Arme gekreuzt, die Augen geschlossen, die Sonne scheint auf seine Lider, und lächelt. Die Stunde steht, ich sitze still und warte, dass sich meine Glieder lösen, warte darauf, dass auch ich aufspringe, anfange. Warum habe ich Angst, mich zu bewegen? Je länger ich sitze, desto weniger kann ich mich rühren; je länger ich mich nicht rühre, umso mehr fürchte ich den Moment, in dem sich die anderen zu einer Reihe formieren und man auch mich auffordern wird, aufzustehen und wieder ins dunkle Gebäude zurückzugehen.

Als ich zum ersten Mal hinausging, war der Hof leer. Die Zelle, die ich verließ, war eine Hütte oder ein Zelt und rund wie ein Iglu. Ein Loch in der niedrigen Kuppel, ein Feuer in der Mitte und die Sippe drumherum, ein Liebesnest. Draußen war es kalt. Es dämmerte über dem Schnee. Vom Eingang fiel ein warmer Lichtstrahl auf die blaue Fläche. Mauern sah ich keine. Doch ich entfernte mich nicht weit von meinem Ort; ich tanzte ums Haus, ließ die Hände über meinem Kopf flattern, trampelte auf dem goldenen Streifen herum und ließ meinen Schatten spielen. Ebenso wenig wie das Licht von innen und das blaue draußen hatte ich meinen Schatten je gesehen, er hatte die Farbe der Dämmerung und ähnelte nicht so sehr meiner Gestalt als ihren Bewegungen. Immer wenn er erschien, traf der helle Lichtstreif meinen Körper, legte sich auf die Schulter, glitt über Achseln, Brust, Hüfte und Knie, kletterte, rutschte, tanzte. Nach einer Zeit, eine Stunde vielleicht, fielen andere, kürzere Schatten auf meinen, der riss sich los und zeigte auf sie mit fliegenden Fingern. Die vom Haus standen unterm Eingang und schauten mir zu. Die einen klatschten in die Hände, die andern schüttelten und senkten den Kopf und wandten sich zur Tür zurück. Und ich schloss mich ihnen an und betrat das erleuchtete Nest und setzte mich ans Feuer. Später rollten wir uns im Kreis an die Wand, wie immer. Ich lag wach und betrachtete die Glut. Ich dachte an Dämmer, Schatten, Tanz und die Außenwand der Hütte, und ich wartete auf den Schlaf, den Traum. Denn mir schien, dort müsste sich diese Stunde wiederholen, und nicht zum ersten Mal.

Der Vollzug hat mich seither weiter verlegt und weiter. Jeder Wechsel verkürzt mein Leben und verlängert mein Ortsregister; hier ist es: Ein weiß gestrichener Meisenkasten in einem Ort namens Vogelsang – eine halbe Schublade in einer Wohnkommode – eine grün ausgeschlagene muffige Schatulle, möbliert – ein über die Kreuzung gebeugter Erker mit Ampeln an den Schläfen – ein Taubenschlag unter der Dachrinne – eine Koje mit Bullauge im Zwischendeck – ein Stall in der Stadtbrache – eine Nussschale im Heidesand – ein Marmorquadrat zwei mal zwei Meter – ein Freigehege zwischen Feigen und Trauben – ein Turmzimmer – eine Dornröschenbox mit Spindel – eine Polarstation gegenüber einem hellblauen Hotel – ein goldener Schlosskäfig – ein Hochsitz mit stumpfem Eck … und die nächste Zelle wird schon geräumt, ein Schwalbennest über den Baumkronen. Wie man sieht, habe ich von jeder alten Zelle ein Stückchen mitgenommen. Habe eins nach dem andern ausgepackt und mich damit eingerichtet. Daher ist es im Innern jeder neuen Zelle ein bisschen enger. Zwar sind die späteren größer als die früheren, aus Rücksicht auf die wachsende Erinnerung. Dennoch, oft kann ich vor lauter alten Sachen die neue Umgebung nicht sehen. Ich stoße mich daran, ich bleibe daran hängen. Ich verliere Raum. Um hinauszugehen, muss ich mir einen Weg bahnen. Die Mauern wachsen. Auch die Zahl der Mitgefangenen wächst und schränkt meine Bewegungsfreiheit ein. Immer seltener gehe ich hinaus; mache Übungen, schaue aus dem Fenster, warte.

Nun also das Schwalbennest. Der Raum, in den ich geführt wurde, erschien sehr groß, die hohen Wände bedeckt mit einer faserigen, angegrauten Tapete. Der Vorbewohner war ein alter Mann. Er besaß kein Regal, keinen Tisch, keinen Stuhl, nichts, das die Leere hätte verbergen können, nur eine Leiter und einen Koffer, gerade breit genug, um darauf zu sitzen. Und das tat er, denn der Wärter, der ihn in die nächste Zelle begleiten sollte, hatte sich verspätet. Ich durfte die Leiter an die Wand rücken, und er schaute zu, wie ich meine Bilder aufhängte. Als ich den ersten Nagel in die Wand schlug, entdeckte ich, dass die Wand nicht tapeziert war. Der weißgestrichene Feinputz war bedeckt mit Bleistiftschrift, so winzig, dass der Nagel ein ganzes Wort aufspießte und das Bild einen ganzen Roman bedeckte. Da setzte ich mich auf den Tritt und schaute zu meinem Vorgänger herunter; er lächelte und erklärte, dies sei seine siebenunddreißigste Zelle, und er habe immer noch Hoffnung, eines Tages entlassen zu werden. Ich fragte ihn, ob er noch nie an Flucht gedacht habe. Doch, antwortete er, jeden Tag. Aber du weißt ja selbst, es gibt keinen direkten Weg. Er winkte mich zu sich heran; seine Hand war rot und geschwollen. Du hast dir die Finger wundgeschrieben, sagte ich, kletterte herunter und ging neben ihm in die Hocke. Er flüsterte, als befürchte er, die Zelle werde abgehört: Ich versuche, den Code herauszubekommen. Das Passwort, die Antwort, das Sesamöffnedich. Meinen Vers, meinen Reim, meinen Spruch. Sprich lauter, sagte ich, denn ich ärgerte mich über die Geheimnistuerei. Als ich klein war, fuhr er fort, hat mir meine Mutter jeden Abend dasselbe Lied vorgesungen. Sieben Strophen, und ich habe es mehr als tausendmal gehört. Ich glaube, das ist es. Ich muss mich nur an das Ganze erinnern, dann bin ich frei. Sechs habe ich zusammen, die siebte Strophe hat noch Lücken. Wenn ich die geschlossen habe, kann ich mich an die Kleinarbeit machen. Sicher stecken noch Fehler darin.

Da drehte sich der Schlüssel. Ich erhob mich und klappte die Leiter zusammen. Der Wärter nickte mir zu. Auf gehts, sagte er freundlich zu dem Mann. Deine? Und er nahm die Leiter. Der Alte trug seinen Koffer hinter ihm hinaus, und die Tür fiel ins Schloss.

Ich sitze still und betrachte meine Umgebung. Da ist das Bild mir gegenüber, ich schaue hinein wie durch ein Loch in der Wand: Pappeln mit weißen Stämmen, dunkelblauer Himmel und ein Fluss vom selben Blau, in dem weiße Stämme und weiße Kinderkörper stehen. Warum gehe ich nicht nach draußen? Vor dem Fenster spielt ein Wind mit den Bäumen, die Kronen leuchten, und die Kristallplättchen zittern und funkeln. Ein Sturz aus Licht, in das die Außenwelt eingegossen ist wie in einen blitzenden Eisblock, kalt. Doch auf meiner Schulter liegt ein heißer Strahl. Er zeigt durchs Fenster auf den Tisch, auf die Tastatur, auf mich. Wenn ich die Hände vorstrecke, bedeckt er die rechte. Wenn ich den Kopf wende, blendet er meine Augen und zwingt mich, noch weiter zur Seite zu schauen. Dann fällt mein Blick auf die andere Wand. Das Kinderfoto hinter Glas dort – ich, eine Bäckermütze auf dem Kopf, eine Luftschlange um den Hals – ist ein kleiner Spiegel, darin der Sonnenstrahl und in dem Sonnenstrahl ein Ausschnitt der Tastatur. Ich strecke die Finger der rechten Hand aus, sie leuchten in der weißen Bäckerschürze, sie bedecken T bis B, O bis Punkt und die Sieben dazu. Ich schaue hinunter in den Hof; da gehen sie spazieren, denn es ist Sonntag, Sonnenschein und freie Zeit, und man sieht ihnen keine Verzweiflung an. Ich bleibe in meiner Zelle. Ich sitze still. Schon ist eine Stunde vergangen. Der Strahl hat sich von meiner Schulter gelöst und ist über den Tisch gewandert.

Dorothea Dieckmann Vorgeschlagen von Ursula März
geboren 1957 in Freiburg/Breisgau, lebt in Hamburg Studium der Literatur und Philosophie. Seit 1993 Kritikerin für Die Zeit, die Neue Züricher Zeitung und diverse Rundfunkanstalten. Zahlreiche Beiträge für Anthologien und Literaturzeitschriften (Manuskripte, Lettre International, Der Ziegel, Neue Rundschau, ndl).

Veröffentlichungen (Auswahl)
Wie Engel erscheinen. Prosaskizzen. Rotbuch 1994.
Die schwere und die leichte Liebe. Novelle. Berlin 1996
Belice im Männerland. Eine wahre Geschichte. Berlin 1997.
Damen und Herren. Roman. Klett-Cotta 2002.
Sprachversagen. Essay. Droschl 2002.
Guantánamo. Roman erscheint bei Klett-Cotta am 29. 7. 2004.


Auszeichnungen
Hamburger Förderpreis für Literatur 1990. Stipendienaufenthalt in Schloss Wiepersdorf 1997.
Marburger Literaturpreis 1998. Stipendium der International Writer’s Colony, Ledig House, Ghent/NY 2004.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

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    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

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    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

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    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio