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Mittwoch, 16. Juni 2004

Erklärung

 

Das Wasser bei mir zu Hause fließt in ein großes rechteckiges Becken und von diesem in die Abflussröhre. Diese Röhre aber ist gespalten: Ein Teil des Wassers, wenn auch nur ein ganz kleiner, fließt nicht in die Kanalisation, sondern über ein spezielles Bogenrohr auf den Küchenboden. Dies macht mir nicht weiter zu schaffen, als ich dort einen Eimer stehen habe und diesen, wenn er voll ist, leere. Außerdem ist der so abgezweigte Teil des Wassers wirklich gering, sodass ich bei meinem an und für sich schon bescheidenen Wasserverbrauch das Wasser im Eimer sehr selten entsorgen muss. Es kommt dies fast nie vor, höchst selten, obwohl, wie häufig genau, könnte ich auch nicht sagen. Manchmal auch scheint mir, ich hätte ihn eben vor kurzem entleert, und schon sehe ich den Wasserspiegel im Eimer – es ist eigentlich ein alter, schwarzer Helm meines Vaters, der jedoch gerade für diese Aufgabe vorzüglich geeignet ist – auf einer sehr hohen Markierung liegen und dort die längste Zeit verharren. Da ich das Wasser häufig schon vorzeitig, bevor es zu nahe an den Rand kommt, in das rechteckige Becken hinüberschütte, ist es mir leider gänzlich unmöglich, eine genaue Aussage über meinen Wasserhaushalt zu machen, zumal das ins Becken hinübergeschüttete Wasser auch wieder zum Teil in den Eimer fließt (ich muss ihn also schnell wieder an seinen Ort zurückstellen), und auch dies nicht mit Sicherheit, oder jedenfalls mit Sicherheit nicht so, wie ich es erwarte. Ich vermute zudem eine verborgene Verbindung des Bogenrohres (ebenfalls aus schwarzem Metall) mit dem Wasserleitungsnetz des ganzen Hauses, denn manchmal, nach längerem Ausbleiben, wenn ich also mit Sicherheit kein Wasser gebraucht habe, kann der Eimer auf einmal voll sein oder auch das Bogenrohrende nach Tagen noch tropfen. Von den anderen Hausbewohnern glaube ich im Übrigen zu wissen, dass sie mit ihrem Wasser sehr verschwenderisch umgehen, vor allem die Kaltwasserleitungen, aber auch die dünnen, warmen, höre ich häufig spät nachts endlos rauschen. Ganz sicher bin ich mir dessen jedoch nicht. Und da ich schließlich aus erster Hand weiß – ein Freund von mir ist Klempner und kann aus diesem Gebiet so einiges erzählen –, wie kompliziert heutzutage die Rohrleitungssysteme gebaut sind, muss ich auch die oben gemachten Aussagen relativieren, und beschränke mich darauf, ab und zu, je nach Lust und Laune, meinen häufig nur schleichend sich volltröpfelnden Eimer zu leeren, wenigstens so lange mein Vater seinen Helm nicht braucht.

Andreas Münzner Vorgeschlagen von Ilma Rakusa
geboren 1967 in Mount Kisco (USA), lebt in Hamburg und der Schweiz. Freier Autor und Übersetzer, zuletzt aus dem Französischen.
Der Roman Von wegen den Tieren von Noëlle Revaz erscheint im August 2004 bei Urs Engeler Editor.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Lyrik und Erzählungen. In: Hamburger Ziegel. Dölling und Galitz 2002.
Die Höhe der Alpen. Roman. Rowohlt 2002.


Auszeichnungen (Auswahl) Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2002.
Irmgard-Heilmann-Preis 2003.
Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2003.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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