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Mittwoch, 16. Juni 2004

Das Spolien-Haus

 

Manche mittelalterliche Klostermauer erinnert an das Knusperhaus, an dem sich die Holzfällerkinder Hänsel und Gretel satt fraßen. Kunterbunt aneinandergemauert sind hier nicht Printen, Makronen und Pfeffernüsse, sondern Steine: die ernsten Köpfchen antiker Skulpturenreliefs neben fleischig wuchernden Knospenkapitellen, strengem Maßwerk, Gesims- und Gewölbeversatzstücken. Man hat damals gestohlen, für diese Mauern, und den Raub, die Siegesbeute, die Spolien, für alle Zeiten festgespachtelt. Man hat auch recycelt, vom Müllberg abgebrochener Bauten gepickt, was noch brauchbar war, und es selbstbewusst zur Schau gestellt.

Beim Schreiben wird auch gestohlen. Hemmungslos zusammengerafft. Dann wird gemörtelt, verputzt und gemauert. Ich baue jeden Tag an meinem Haus, und es ist gescheckt und ohne jede Regelmäßigkeit, kein Stein gleicht dem anderen.

Im Fundament sind ganze LKW-Ladungen pubertärer Lesewut einzementiert. Schicht türmt sich auf Schicht: der ganze Simmel, große Steine in den Farben abgelutschter Smarties, neben den roh behauenen Blöcken des gesammelten, nur halb verstandenen Brecht, den porzellanblauen Scherben der Hesse-Bände. Und dazwischen die abgeriebenen Reliefs von Märchen, Mythen und Comics – der Wolf, schändend über die rotmützige Kinderschlampe gebeugt, ein langer Zopf, der aus einem Turmfenster baumelt, Kreusas vergifteter Fummel, Kirke und ihre Schweine, Fix und Foxi, Asterix, der Roadrunner. Weiter oben verwittern bröckelige Sandsteinquader, gelblich wie der Teint der mit Schwarzmarktmargarine genährten Helden Böllscher Nachkriegsprosa, meergrauer Muschelkalk der Kaschnitz und irisierendes Geflacker im Quarzgestein der Keun.

Mauernmittig, ganz im Zentrum, gibt es eine Reihe prächtig ausgestalteter Marmortafeln, Bildsteine in milchigem Weiß. Sie werden regelmäßig geschrubbt, ich dulde keine Flechte, kein Fetzchen Moos auf ihnen. Da kniet Lene Nimptsch im Grase des Spreeufers und reißt sich eine Strähne aus dem aschblonden Schopf, um ein paar ordinäre Wiesenkräuter für ihren Rienäcker-Baron damit zusammenzufriemeln, für jetzt und immerdar. Da dümpelt Charlotte Haze mit matronenhaften Schwimmstößen durch den schimmernden Hourglass-See, im feuchten Nacken den mordlüsternen Humbert. Es gibt ein feingearbeitetes Relief von Waughs Basil Seal, der an der Seite der azanischen Häuptlinge im Schein des Festfeuers hockt und, gequält von Trommelmusik und Dschungelgeräuschen, ein weichgekochtes Stückchen seiner Geliebten Prudence zum Munde führt. Ein weiteres Relief bildet Will Selfs Intello-Affen Dr. Zack Busner während einer beiläufigen Kopulation im Kochbereich seines Hauses in der Redington Road ab, so naturalistisch, dass man sein zufriedenes „tschup-tschupp“ zu hören meint.

Ein anderer Abschnitt meines Bauwerks ist durchsetzt mit Glasbausteinen, geraubte Stücke mittelalterlicher Kathedralenfenster. Sie leuchten aus dem Steingewimmel hervor: scharlachrot wie die drei Blutstropfen im Schnee, die Parzival vor Sehnsucht nach Condwiramurs erstarren lassen, grünlich schillernd wie der Schuppenschwanz der verratenen Melusine, marienmantelblau wie Tristans Augen.

Quer über die Mauern meines Hauses ziehen sich Graffiti: Werwolf- und Vampirklaue, von Bram Stoker bis Stephen King, dazwischen die hingeklierten Botschaften verschiedener Privatschnüffler: Marlowes schiefes Whisky-Alphabet, Poirots winzige Buchstäbchen, Lord Peters aristokratische Schwungschrift. Auch ein Bulle ist dabei: Inspektor Studer. Seine pastos dahinschleichenden Sätze riechen noch nach Brissago-Tabak.

In den Lücken sitzen Kiesel, klein genug, um in der hohlen Hand weggetragen zu werden, von einem Spaziergang, dem Weg zum Supermarkt, einem leeren Spielplatz. Da sind die Ratten, die in der Dämmerung so possierlich aus dem Abfalleimer am Kanal hüpften, dass man sie für Eichhörnchen hielt und entzückt stehenblieb. Da ist der handgeschriebene Aushang des Friedrichshainer Hundefutterladens: „Heute frisch: Gekröse“. Das unbemannte Gebiss im Kanalisations- Museum St. Pauli. Das Schwarz-Weiß der Tageszeitung: Vermischtes. Und Gespräche: Fetzen aus Bussen, U-Bahnen, dem Gewühl der Frankfurter Allee, dem Grindelviertel, den satten Straßen des Stuttgarter Südens.

Und schließlich gibt es noch Steine, deren Herkunft ich nicht kenne. Es sind oft die schönsten, glattesten. Sie fügen sich zwischen die anderen ohne Gewalt. Für ihre Farben gibt es keine Namen, und wenn ich einen von ihnen in meine Mauer einpassen darf, war der Tag gut.

Anna Katharina Hahn Vorgeschlagen von Ursula März
geboren 1970 in Ruit, lebt in Stuttgart. Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie und Anglistik in Hamburg. Wissenschaftliche Veröffentlichungen zu spätmittelalterlichen Historienbibeln.

Veröffentlichtungen (Auswahl)
Sightseeing. Der Angeber. In: Hamburger Ziegel. Dölling und Galitz 2000.
Jägermeister. In: Hamburger Ziegel. Dölling und Galitz 2000.
Sommerloch. Erzählungen. Achilla Presse 2000.
Die Vorteile der Mütter. In: Sind wir bald da? Reisen mit Kindern. Ein Lesebuch. Hrsg. von Susanne Gretter und Julia Ketterer. Suhrkamp 2002.
Affenadam. In: Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Hrsg. von Jan Bürger. Klett-Cotta 2003.
Kommune Kalk. In: Kursbuch 154. Die Dreißigjährigen. 2003.


Auszeichnungen
Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg 1999.

 


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