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Mittwoch, 16. Juni 2004

finnougrisch

 

9. Mai 04
Plötzlich tauchte das Schreiben auf, eigentlich habe ich nichts erwartet. Ich hielt mich damals, gerade 25 geworden, in Graz auf. Und bestimmt hätte mir die Stadt mit ihrer gegenwärtigen Vergangenheit Anlass zum Schreiben gegeben, aber ich hatte ja, wie gesagt, gar nicht vor, über irgendwas zu schreiben. Ich lag also bäuchlings im Freibad, allein, wahrscheinlich ist das wichtig, und gab mich in schläfriger Aufmerksamkeit meiner Umgebung hin. Dann ereignete sich das, was man den Stein des Anstosses nennen könnte: Ein kleiner Junge schubste mich ganz selbstverständlich, komm schon, wir tauchen!

Sie müssen wissen, dass ich in Graz fremd war, niemand kannte mich, es gab keinen Anlass, mich zu schubsen, mich zum Tauchen aufzufordern, irgendwas von mir zu wollen. Bevor ich denken konnte, war der Junge schon ins Wasser gesprungen, spritzte in meine Richtung, winkte, in seinen Augen war so viel Lebendigkeit, dass ich mich unmöglich weigern konnte.

Am gleichen Abend schrieb ich wie von selbst ein paar Zeilen auf, berührt von dieser Kinderseele, die mich eingeladen hatte, an ihrer Welt teilzuhaben. Die Buchstaben nahmen eigenwillige Wege, das Geschriebene hatte mit dem Erlebten nichts zu tun, es entsprach ihm aber in eigentümlicher Weise.

16. Mai 04
Ich habe was fürs Schreiben übrig. Traumberuf? Hatte ich nie. Ich liebe es, wenn der Text mit fast unmerklicher Ironie beginnt, oder mit einem Namen. „Keiner kann so viele Berliner essen wie Rolf. Er nimmt einige genaue Bisse, ohne dass der Zuckerstaub an seinem Mund kleben bleibt.“ So fängt meine erste, längere Erzählung an. Ich mag Namen, die in mir leer sind und deswegen umso mehr verheißen, also brauche ich selten Namen von Menschen, die ich kenne. Männer tragen meist einsilbige Namen, Frauen zwei- oder mehrsilbige. Das hat wohl mit den rhythmischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern zu tun.

Das Schreiben geschieht aus einer inneren Notwendigkeit, glaube ich bei Marieluise Fleisser gelesen zu haben, glücklicherweise, muss ich sagen. Und ich berufe mich auf diesen Satz, wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, meinen eigenen Rhythmus zu verlieren drohe, denn eine Verpflichtung (die oft Freiheit bedeutet) des Schreibens liegt für mich darin, den eigenen Rhythmus zu respektieren. Für den Sprint bin ich bestimmt nicht gemacht, wäre ich Sportlerin, dann sicher Langstreckenläuferin. Und wäre es nicht eine innere Notwendigkeit, die mich zum Schreiben triebe, würde ich vermutlich lieber kochen als schreiben.

12. Mai 04
Ich würde mich gern als Dichterin bezeichnen, mir gefallen die Worte dicht, nicht ganz dicht sein, dichten, andichten. Als Mehrsprachige bin ich nicht ganz dicht, poetisch gesagt bin ich durchlässig für Fragen, die sich oft nicht beantworten lassen.

Ich übersetze.

Meine Muttersprache ist Ungarisch, in der Schule lernte ich Züri-Deutsch und Hochdeutsch. Früh wusste ich, man hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Ungarisch keine indogermanische Sprache sei, sondern zu einer eigenen Sprachfamilie gehöre. Finnougrisch gehörte zu den kompliziertesten Wörtern, die ich aus meinem Sprachschatz aufbieten konnte, ich war stolz und auch ein bisschen beunruhigt über dieses, wie ich fand, wilde, fast schon grausam klingende Wort.

Ich habe nie gelernt, Ungarisch zu schreiben, das heißt, ich habe es mir selbst beigebracht. Wenn ich Ungarisch und fehlerhaft schreibe, fühle ich mich finnougrisch, dann weiß ich tatsächlich, dass diese Sprache eine andere körperliche Wallung in mir erzeugt. Der Reichtum an Körper-Metaphern, der Satzbau, die feinfühligen Abstufungen im sprachlichen Ausdruck des Ungarischen beeinflussen mein Schreiben auf Deutsch.

Die Spannung, die die beiden völlig verschiedenen Sprachkulturen auslösen, ist wahrscheinlich der produktivste und schmerzhafteste Motor meines Schreibens. Da ich also keiner Sprache mächtig bin, lasse ich mich durch Worte verunsichern, bin ich auf der Hut vor Sätzen, die einfach so daherkommen. Behaupte ich. Für meinen ersten langen Text habe ich zurückbuchstabiert: Ich habe aus einer einfachen Sprache, aus reduziertem Sprachmaterial einen dichten Text versucht (das hat natürlich auch mit dem Thema zu tun).

Wenn mir das gelungen ist, dann liegt ein Grund sicher darin, dass ich beim Schreiben immer aufmerksamer darauf wurde, die unter- schiedlichen Schichten von scheinbar matten Wörtern zu bergen (beispielsweise achtlos gebrauchte Verben: haben, machen, sein …) und deren (aufwühlende) Leuchtkraft im Laufe des Textes zu entwickeln.

Außerdem weiß ich haargenau, wo Sprache nichts mehr ausrichten kann.

19. Mai 04
„Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiss es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, dass sie … was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – ‚besprechen‘ hat eine tiefe Bedeutung …“. (Kurt Tucholsky. Ausgewählte Werke).

14. Mai 04
Schreiben heißt warten, was kommt. Oder heißt, gegen Geschriebenes anschreiben. Gedruckter Blödsinn provoziert mich, zu reagieren. Ich schreibe Kleinstgeschichten, meistens im Ton eines modernen Märchens, und trage sie dann mit dem Raplyriker und Beatboxer Jurczok 1001 vor. Ich nehme mich ausgeschlachteten Themen an, oder lieber noch, den jungdynamischen Medienzaren, steigere die Absurdität, dass ständig „ein Experte“ für mich die Welt kommentiert, mir gnädigerweise mitteilt, was gerade die „brands“ sind, ins Groteske:

„Herr Löffel steht auf seinem schönen Berg, seinem Hausberg, seinem Schicksalsberg sozusagen. Er trägt seine Siebenmeilenstiefel, sein Gesicht ist entschlossen, gegossen, gefasst. Sein Gesicht ist sein Blick, geübt, begradigt …“ (Roger Köppel, unermüdlicher Kämpfer gegen die Verweichlichung, eleganter Vollstrecker der Leistungsgesellschaft, ist einer der erfolgreichsten Medienmacher der Schweiz. Er war bis vor kurzem Chefredakteur der „Weltwoche“, jetzt ist er zur „Welt“ ausgewandert). Ich versuche mit Jurczok 1001 eine neue, vergessene Art des Erzählens (die Verwandlung des Geschriebenen in seine mündliche, musikalische Form), die das Publikum packt und so direkt berührt, dass es selbst die Stimme erheben will. Ja, natürlich, ich bin eine politische Schreiberin, das heißt, ich bin nicht weltfremd. Dabei gefällt mir die osteuropäische Art, über Politisches zu schreiben. Man muss nur lesen oder hinhören können.

17. Mai 04
Das Schreiben geschieht aus einer inneren Notwendigkeit, das kann ich nicht kommentarlos stehen lassen, habe ich gerade gemerkt. So kurz und schlüssig formuliert, eignet sich der Satz vermutlich eher zur Mystifizierung des Schreibprozesses, denn zur Klärung der unterschiedlichen Beweggründe des Schreibens.

Innere Notwendigkeit bedeutet, dass irgendwas kommt und seinen eigenen Weg geht. Nicht immer passt mir, was kommt, aber es ist immer stärker als das Geplante, Gewollte. Das, was kommt, ereignet sich in einem fiebrigen, aufregenden Zustand und ist vorsprachlich. Ich habe keine Ahnung, was vor der Sprache kommt, Strukturen, Bildhaftes, Töne auf jeden Fall. Das Denken ist in solchen Momenten weit, umfassend körperlich, das Dritte benenne ich nicht.

18. Mai 04
Und nicht vergessen: Geschriebenes ist nur da, weil es jene gibt, die während einer langen Zeit da sind, nachfragen, lesen, ermutigen, egal, wie der Wind weht.

Melinda Nadj Abonji Vorgeschlagen von Martin Ebel geboren 1968 in Becsej (Vojvodina), lebt in Zürich. Autorin, Musikerin (Geige und Gesang), Textperformerin (u.a. Literaturfestival Leukerbad, Solothurner Literaturtage, Internationales Literaturfestival Berlin, Theater la fourmi). Seit fünf Jahren Zusammenarbeit mit dem Beatboxer und Raplyriker Jurczok 1001. Zahlreiche Beiträge für Literaturzeitschriften (u.a.

 


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