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Mittwoch, 16. Juni 2004

Die deutsche Sprache und ich

 

Wir, die deutsche Sprache und ich, haben uns 1975 kennen gelernt, als ich sieben Jahre alt war. Verwandte mit ihren Freunden besuchten meine Eltern in Bartoszyce und am Dadajsee in Masuren, meiner Heimat. Ich konnte mich als Kind schwer an den harschen, harten Klang des Deutschen gewöhnen. Die Stimmen der Deutschen erschienen mir damals furchtbar laut und angeberisch, und darin waren sich die Wessis und die Ossis gleich. Und ich habe damals überhaupt nicht verstehen können, warum diese Nation in zwei verschiedenen Ländern lebte. Sie sprachen doch alle Deutsch.

Ich bin auch zweimal in die DDR gefahren, zu unseren Verwandten, und als ich etwa 13 Jahre alt war, erlebte ich am FKK-Strand von Warnemünde etwas Ungeheures, Poetisches, was mich noch heute ein bisschen beschämt. Ich ging ins Wasser, und mir kam ein gleichaltriges Mädchen entgegen, aber mit seinem Vater. Es war nackt, ich konnte die kleinen Brüste und das Schamhaar sehen – ich, der ich Idiot eine Badehose trug. Am liebsten hätte ich sie vor diesem Mädchen sofort ausgezogen, aber es war dafür zu spät gewesen, wie auch für eine Entschuldigung. Mein Gott, was habe ich mich da geschämt! Meine polnischkatholische Prüderie wurde mit einem Mal ad absurdum geführt, durch diese eine Begegnung mit einer jungen, nackten Göttin, Maid in GDR. Ich hätte gerne gewusst, was aus diesem Mädel geworden ist, vor allem nach 1989. Ich werde es wahrscheinlich nie erfahren. Das ist gut so, vor allem ist es gesund. Der kindliche Mythos soll überleben.

Ich weiß noch, dass ich als Kind einfache Sätze bauen konnte, und ich erinnere mich daran, wie ich einmal in Admanshagen bei Bad Doberan in einem Lebensmittelladen Bier kaufen musste – für Onkel Horst, der mit seinen Kumpels auf dem LPG-Gelände auf alkoholischen Nachschub wartete. Ich kannte das Wort Pfand nicht, und die Kassiererin hatte sich fast ihre Lunge rausgespuckt, um mir zu erklären, was nun Pfand heißt. DAS PFAND! JUNGE! HAST DU KEINE PFANDFLASCHEN MITGEBRACHT? Ich weiß noch, was ich der jungen Dame geantwortet habe: ICH KOMME VON HORST – ER HAT PFAND!

Alte Zeiten! Deutsch richtig sprechen und verstehen konnte ich erst mit 16, als ich in Westdeutschland aufs Gymnasium kam und dort ein Jahr lang von morgens bis spät in die Nacht Wort für Wort die neue Sprache lernte. Es war eine große Anstrengung, aber absolut notwendig. Ich wollte schließlich später Schriftsteller werden, der auch hier in meinem neuen Land verstanden werden konnte. O ja! Ich war doch einsam und unzufrieden! Die polnische Lyrik hatte mich als Kind und Jugendlichen hochexplosiv gemacht, in meinem Kopf und in meiner Seele lagerten Kisten mit TNT. Als ich mit 15 die ersten lesbaren Gedichte auf Polnisch schrieb, von denen einige tatsächlich veröffentlicht wurden, fühlte ich mich so, als würde ich mich vollkommen auflösen und mit der Welt und den Menschen eins werden. Es war eine Art Nirwana oder Satori, ein unschuldiger Zustand, der anfänglich jeden Autor beflügelt. Auf der anderen Seite kam es mir oft vor, als würde ich mich und andere betrügen.

Der Revoluzzerhass auf die sozialistische Gesellschaft und der Hass auf meine eigene erbärmliche Existenz waren gleich mächtig. Ich hasste mich selbst zutiefst. Ich liebte und hasste. Unentwegt.

Und dann kam die deutsche Sprache zu mir, und es passierte ein Klangwunder. Ich hörte plötzlich die Buchstaben, und sie waren leise wie Noten. Sie ordneten meine Gedanken. Sie sagten mir, vertraue dir und dem, was du zu sagen hast, aber du darfst niemals der Sprache per se vertrauen; sie ist verräterisch und genauso vergänglich wie ihr Menschen und andere Vögel da draußen in der Welt. Ich begann sogar Geschichten zu erzählen und wollte plötzlich die totale Reduktion auf Gehörtes, Gesehenes und Gerochenes. Fiktion sollte Wahrheit und Wirklichkeit sein und mehr nicht. Sprache als System von Zeichen existierte praktisch nicht. Ich wollte vergessen, dass ich eine Sprache benutzte, wollte nicht wissen, ob sie deutsch oder polnisch war, und das war ein neues, befreiendes Gefühl.

Wenn er im Glück schwimmt und wenn er nicht lügt, entwickelt sich ein Autor zu dem, was er ist. Er darf nur aufschreiben, was er vertreten kann. Mein Weg war noch etwas anders. Ich habe die Hölle gesehen, aber sie war freundlich zu mir! Die Hölle sagte mir: Gut, werde ein deutscher Dichter, nur muss ich leider deine polnische Vergangenheit verpfänden. Ich unterschrieb diesen Vertrag, ohne zu zögern, und die Konsequenzen sind ja mittlerweile bekannt.

Ich komme von Horst! Er hat Pfand! Aus meinem Flirt mit der deutschen Zunge wurde schließlich eine große Liebe, obwohl ich nach wie vor unter jedem Satz, den ich auf dem Computer zu Papier bringe, leide. Warum? Ich habe Zweifel und noch einmal Zweifel. Ich bin ein Meister der Korrekturen. Ich verbringe die Hälfte meines kostbaren Lebens mit Korrekturen. Und ob ich etwas bereue?, fragen Sie. Nein. Ich fliege. Es ist einer der längsten Nachtflüge, den man sich nur vorstellen kann. Nacht für Nacht halte ich Ausschau nach einer neuen Geschichte. Ich habe mich gerettet, durch das Schreiben bis jetzt immer nur gerettet. Depressionen und Jammern sind allgegenwärtig, mit ihnen hat jeder Autor zu kämpfen. Oft muss er tief ins Tal gehen und einen weiten Weg zurücklegen. Meiner war und ist ein doppelter, schizophrener Weg: Es ist ein so großer Schmerz, dass ich Polnisch weggeworfen habe wie einen verfaulten Apfel, und es ist so ein großer Gewinn, dass ich Deutsch in mich und bei mir aufgenommen habe wie einen Findling. Nur Götter können wissen, was die Entscheidung bedeutet, eine Sprache gegen eine andere zu tauschen – das tut man nicht, es ist eine Art Frevel, als hätte man vom Baum der Erkenntnis gegessen, und wenn es dennoch passiert, entdeckt der Autor, dass nationale Literaturen ein Irrsinn sind. Und wenn dieser Irrsinn dir bewusst wird, dann weißt du auch, welche Rolle dir in diesem Leben zugefallen ist: Du bist ein Ketzer, du bist blasphemisch und unangepasst. Herzlichen Glückwunsch! Sei tapfer!

Artur Becker Vorgeschlagen von Norbert Miller
geboren 1968 in Bartoszyce (PL), lebt in Verden/Aller. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Lebt seit 1985 in Deutschland. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. www.arturbecker.de

Veröffentlichungen (Auswahl)
Dame mit dem Hermelin.Gedichte. Schünemann 2000.
Onkel Jimmy, die Indianer und ich.Roman. Hoffmann und Campe 2001.
Die Milchstraße. Erzählungen. Hoffmann und Campe 2002.
Kino Muza.Roman. Hoffmann und Campe 2003.


Auszeichnungen (Auswahl)
Deutsches-Haus-Stipendium in New York der Kulturstiftung der Länder Berlin 2000.
Autorenförderung des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 2000/2001.
Jahresstipendium für Literatur des niedersächsischen Kulturministers 2002.
Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin 2003.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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