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„In Klagenfurt trat ein Mann auf die Straße und wurde von einem Pkw überfahren.“
Soweit die Meldung in der Tageszeitung. Von vielen gelesen, von vielen vergessen. Schließlich werden immer wieder Menschen überfahren – nicht nur in Klagenfurt – oder sie springen aus dem Fenster, von Brücken, sterben in Krankenhäusern, im Schlaf oder auf einer Toilette. Wer die Betroffenen nicht kennt, hat meistens nicht mehr Zeit, sie kennen zu lernen, als das Lesen der Notiz von ihm verlangt. Danach ist Frühstück angesagt oder die Songs aus dem Radio.
So funktioniert Alltag – kann gar nicht anders funktionieren – so funktioniert „Kommunikation“. Und genau so funktioniert Literatur nicht.
Mit dem ersten Satz einer möglichen Erzählung rückt dieser letzte Schritt des Mannes, bevor sein Fuß die Straße berührt, in den Mittelpunkt und damit ein Augenblick, der nicht länger als eine Sekunde dauert. Die Einzigartigkeit dieses kurzen Momentes wiederzugeben, ist die Aufgabe der Literatur.
Wo war der Mann mit seinen Gedanken, als er auf die Straße trat? Oder hat der Fahrer des silbergrauen Renaults gerade nach seinem klingelnden Handy gesucht und deshalb den Mann übersehen? Hat es geregnet? Funktionierten die Scheibenwischer nicht? Welchen Geschmack hatte der Mann im Mund? Hatte er Probleme oder war dies der schönste Morgen in seinem Leben? Drückten den Fahrer die Schuhe? Wollte er gerade zu einem Vorstellungsgespräch und hatte es eilig? Wollte auch der Mann zu diesem Vorstellungsgespräch? Hat der Dekorateur auf der anderen Straßenseite den Unfall durch die Glasscheibe gesehen? Oder legte er gerade einer der Schaufensterpuppen Kunstschnee auf das Jackett? Lagen Zigarettenkippen auf dem Bürgersteig? Welche Geräusche hingen zwischen den Fassaden? War viel Verkehr oder hörte man jemanden rufen? Ist der Mann gar absichtlich auf die Straße getreten, als der Wagen kam, oder drückte der Fahrer auf das Gaspedal, als er den Mann kommen sah? Und das Licht? Hing es tief hinter den Häusern, die sich in ihren gezogenen Schatten über den Asphalt verlängerten? Oder trieb es diesig und konturlos den Bordstein entlang, einen nervösen Morgenwind im Nacken?
So kurz auch der Augenblick, so endlos, das was in ihm steckt.
Das Erzählen bröselt diese Vielfalt auf, seziert den Körper der Zeit. Soviel Gleichzeitiges und nichts, das übersehen werden will. Klebte ein Kaugummi unter der rechten Schuhsohle des Mannes? Wer hat ihn ausgespuckt? Das Erzählen kennt nichts Überflüssiges; es sammelt und häuft an, was kein Mensch im Alltag für erwähnenswert hält. Das Erzählen macht den Augenblick konkret, weil es ihn phänomenologisch umkreist und nicht davon eilt, schielend auf die schnelle Pointe.
An dieser Stelle muss es gesagt werden: Ich bin Western-Fan, zumindest was das Kino anbelangt. Nicht dass mich wilde Schießereien besonders mitreißen würden, im Gegenteil. In den großen Western gibt es fast immer die Momente des Verharrens, des Wartens, ein Stillstand, der es in sich hat. Ist nicht der Anfang von „Spiel mir das Lied vom Tod“ die beste Sequenz des ganzen Films, dieses endlose Warten dreier Kerle, diese summende Fliege, die Hitze, der regelmäßige Klang der Wassertropfen auf dem Hut, das Licht über der Landschaft?
Und genau das tut Literatur. Sie verweilt. In ihr ist Zeit. Etwas, das man im Alltag vergeblich sucht, weil das Alltägliche umgekehrt so sehr in der Zeit ist, dass ihm die Sekunden ausgehen. Das Alltägliche ist ohne Augenblick; es hat im eigentlichen Sinne keine Gegenwart, weil es immer flüchtig ist. Es flieht auf eine Zukunft hin, die es nie erreichen kann, weil es vorher bereits vergessen wurde. Oder erinnern Sie sich an diesen Mann, der in Klagenfurt auf die Straße trat und überfahren wurde?
Literarisch gesehen, stecken in jedem Augenblick Jahrhunderte. Es geht nur darum, sie sichtbar zu machen. Das wiederum ist eine Frage des Stils.
Eine platte, detailversessene Aufreihung all dessen, was einen Moment ausmacht, ist natürlich nicht der Garant für gute Literatur, sondern oftmals die Vorstufe des Tiefschlafs. Neben der Beobachtung, dem Sammeln, ist folglich die sprachliche Setzung der Dinge das ausschlaggebende Moment des Erzählens. Für meine Prosa hat das immer bedeutet: so viel Lyrisches reinlassen wie möglich, wobei „Lyrisches“ weniger einen Gemütszustand meint oder, wie in Sachwörterbüchern für Literatur gerne formuliert wird, eine Unmittelbarkeit des Gefühlsausdrucks, sondern vielmehr eine sprachliche Verdichtung auf ein Bild hin, das beim Leser tiefer als Ahnung wirkt, als die deskriptive Info dem Bewusstsein je Erklärung sein könnte. Solche lyrischen Bilder haben im Erzählfluss einen nicht zu unterschätzenden Sog, bilden Strudel, reißen den Leser in die Tiefe des Erzählten, weil die Assoziationsketten, die sie auslösen, den Leser gleichsam in seine eigenen Tiefen stürzen lassen. Diese Bilder findet man so wenig vor wie das Erzählen selbst, beide werden konstruiert, indem das Nachdenken über Sprache diese abklopft, sie häutet auf der Suche nach Sätzen, die sich hören lassen. Die Schriftstellerei ist, stilistisch gesehen, ein Entschlackungsprozess, an dessen Ende ein ganzes Buch steht.
Die Devise lautet: Den Apfel schälen, um ihn voller zu machen.
Schreiben war schon immer eine Mischung aus Völlerei und Franziskanerkutte.
Solche Bilder, die weit über sich hinausweisen, kennt natürlich auch das Kino. Dass viele Filme gerade das nicht schaffen, bedarf wohl kaum einer Erwähnung. Der Schluss von fast jedem Hollywoodstreifen zeugt von dieser vergeblichen Suche. Aber einige verewigen so ein Bild. Womit ich tatsächlich und natürlich ungeahnterweise wieder beim Western wäre. Man denke an die Anfangssequenz von Sam Peckinpahs The Wild Bunch: eine Horde Kinder sitzen auf einer staubigen Straße um einen aus in den Boden gerammten Stöcken bestehenden Käfig und beobachten fröhlich den Todeskampf einiger Skorpione, die sie in einen Ameisenhaufen geworfen haben. Mehr braucht es nicht, um klarzustellen, wie es um die menschliche Natur in dieser filmischen Erzählung bestellt ist.
Für die meisten meiner Kurzgeschichten könnte diese Sequenz als Motto dienen. Denn was mich an meinen Figuren interessiert, ist das, was in ihnen latent vorhanden ist, brodelt und wühlt, immer auf den nichtigen Auslöser wartend. Und dann wird mit einer Brutalität gehandelt, die in keinem Verhältnis steht. Natürlich ist es nicht notwendig, diesen Ausbruch immer zu erzählen. Gerade das Auslassen, also an dem Punkt zu enden, an dem es dem Leser klar wird, dass es von hier aus keine Rückkehr geben kann, gepaart mit dem vorangehenden erzählenden Verweilen, birgt einen Moment des Aufwühlens, an das keine noch so heftige Nachrichtenmeldung herankommt.
„In Klagenfurt trat ein Mann auf die Straße und wurde von einem Pkw überfahren.“ Was heißt das schon?! „In Erfurt lief ein Schüler Amok.“ Wenn der Fünfzigste es getan haben wird, werden die Zeitungen und ihre Leser sich daran gewöhnt haben. In der Literatur aber gibt es keine Gewöhnung.
Das Verweilen ist ein Fokussieren auf die Wunden, bis auch dem Letzten klar wird, was er da sieht. Die Art und Weise, wie ein Mensch ein- und ausatmet vor der Windschutzscheibe, sagt mehr aus vom wachsenden Druck hinterm zivilisatorischen Bretterverschlag, als alle Nachrichtenbeiträge eines gesamten Jahres. Und dass es drückt und brodelt hinter all der Menschlichkeit, wer wollte das in Abrede stellen?
Warum also trat der Mann auf die Straße? Warum hatte er das Gefühl, sein Magen ziehe sich zusammen, noch ehe er den Aufprall spürte? Was hatte er vor?
Wissen Sie was? Ich setzte mich jetzt mal für eine Hand voll Sekunden an den Schreibtisch.
Guy Helminger Vorgeschlagen von Iris Radisch geboren 1963 in Esch/Alzette (Luxemburg), lebt in Köln. Studium der Germanistik und Philosophie in Luxemburg, Heidelberg und Köln. Arbeit als Barkeeper, Schauspieler, Regieassistent und 3DGrafiker. Leitet Seminare, in denen er Autoren das Vorlesen und Performen ihrer Gedichte näher bringt. Reisen nach Afrika, Asien, USA, Neuseeland. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien. Lyrik, Prosa, Hörspiel, Theater, Übersetzung, Video-Installation.
Veröffentlichungen (Auswahl) Die Ruhe der Schlammkröte. Roman. 1994. Leib eigener Leib. Gedichte. Editions Phi 2000. Rost. Kurzgeschichten. Editions Phi 2001. Verwanderung. Gedichte. Editions Phi 2002. Venezuela. Theaterstück. Editions Phi 2004.
Auszeichnungen (Auswahl) Autorenstipendium Filmstiftung NRW 2000 und 2001. Förderpreis für Jugend-Theater des Landes Baden-Württemberg 2002. Prix Servais 2002. |