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In ihrem neuen Roman erzählt Dorothea Dieckmann die Geschichte eines Häftlings, der im Lager von Guantánamo einsitzt. Mit Petra Hartlieb sprach sie über Faktenmaterial, Erfindungsarbeit und die exakten Fantasie-Experimente der Literatur.
VOLLTEXT Guantánamo ist erst seit kurzem der breiten Öffentlichkeit bekannt. Erst als Bilder der Gefangenen in den Medien auftauchten, erfuhren viele Menschen von dem US-Gefangenenlager. Sie beschäftigen sich schon länger mit diesem Thema?
DOROTHEA DIECKMANN Mein Entschluss, dieses Thema zu wählen, hat nichts mit der Sensation zu tun, die Guantánamo heute ist. Ich bin vor einem guten Jahr darauf gekommen. Ich wollte etwas über Gewalt und Gefängnis schreiben und bin dann auf Guantánamo gestoßen. Diese ungeheure exotische und damit auch schreckliche Art der Käfighaltung von Menschen hat mich dermaßen entsetzt und fasziniert zugleich, dass es mir einfach geboten schien, zu recherchieren, ob das nicht ein Buchthema wäre.
VOLLTEXT Wie abgeschlossen ist dieses Guantánamo, gibt es Berichte darüber, worauf haben Sie sich gestützt?
DIECKMANN Ich war ganz erstaunt, ja sogar erschrocken, wie leicht sich wie viele Informationen zusammenstellen lassen. Es ist in der Tat so, dass von Anfang an sehr viele Journalisten reingekommen sind. Die konnten nicht mit den Gefangenen selbst sprechen, aber man hat mit Wärtern geredet, man hat diese Art des Lagerlebens wenigstens aus der Ferne beschreiben können. Schließlich sind aber im Lauf der Zeit sogar hier im deutschen Fernsehen Reportagen gezeigt worden. Es gibt auch schon länger die Möglichkeit ehemalige Gefangene zu interviewen. Es gibt Fotos, auch illegale Fotos aus dem Gefängnis oder vom Flugzeugtransport und so ergibt sich eine Fülle von Material, die bis in die tiefsten Einzelheiten geht. Ich kann abschließend nur sagen, jeder, der wissen will, was in Guantánamo vor sich geht, kann ungeheuer viel erfahren und das ist natürlich auch eine erschreckende Tatsache. Wir können also wirklich nicht sagen, wir können nichts wissen, oder wir konnten nichts wissen. Wer sich dafür interessiert, kann viel wissen.
VOLLTEXT Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen? Wie wichtig war diese Recherche für Sie?
DIECKMANN Die lange Recherchephase lieferte mir Material, das sehr konkret und sehr nah am Leben oder Überleben dieser Gefangenen war. An äußerem Rahmen, an Informationen über dieses Leben, wurde mir alles geliefert, darauf musste ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Von der exakten Größe der Käfige bis zum Besteck, das die Gefangenen benützen, bis zur Art der Fesselung, die sie zu ertragen haben, Klo, Essen, Duschen. Dann klar: Das alles benutze ich und meine eigene Erfindungsarbeit besteht darin, das Innere dieser Menschen zu beschreiben.
VOLLTEXT Dennoch ist Ihr Buch ein Roman. Wie viel davon ist erfunden?
DIECKMANN Alles, was an Information enthalten ist, entspricht den Tatsachen. Ich kann natürlich alles beschwören, aber jede Tatsache ist von verschiedenen Seiten bezeugt. Was ich erfunden habe, ist einzig und allein das, was sich im Inneren eines Gefangenen abspielen kann.
VOLLTEXT Sie wurden bereits als Michael Moore der Literatur bezeichnet. Was hat Sie daran gereizt, diesen politischen Stoff in eine literarische Form zu bringen?
DIECKMANN Es ist zunächst gar nicht der Entschluss gewesen, ein politisches Buch zu schreiben, auch nicht, sich mit dem Buch gegen die Amerikaner zu wenden.
VOLLTEXT Dennoch beziehen Sie ganz klar Stellung.
DIECKMANN Natürlich hab ich einen politischen Standpunkt, der extrem kritisch gegenüber dem Verhalten der Amerikaner ist, gerade im Irak-Krieg oder auch seit dem ersten Golfkrieg. Dennoch ist das überhaupt nicht die Absicht dieses Buches gewesen. Ich bestehe eigentlich immer noch darauf, dass dies eigentlich eher eine Studie über das Lager ist, wenn auch in diesem Fall ein besonderes Lager. Die Erkenntnisse, die dieser Roman geben soll, bezieht sich auf jede andere Form des Lagerlebens von Menschen, der Gefangenschaft von Menschen. Es gibt auf der Erde so ungeheuer viele Räume, in denen diese berühmte Rechtlosigkeit herrscht, dass das schon fast beliebig wird. Erst im Nachhinein, lange nachdem ich es gewählt habe, ist das Thema zu einem Politikum geworden. Nun, die aktuellen Bedingungen haben sich geändert, und dass das Buch nun politisch wahrgenommen werden muss, stört mich wiederum gar nicht. Es darf ruhig so wahrgenommen werden, wenn die Leser dabei nicht vergessen, dass es sich hier wirklich um eine literarische Fantasie handelt, um ein Fantasie-Experiment, um den Wunsch durch Introspektion und Mitgefühl in das Innere eines Gequälten zu steigen.
VOLLTEXT Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr eindrucksvoll, wie der gefangene Rashid vom Touristen zum Terroristen wird. Glauben Sie, dass Erniedrigung und Demütigung einen Menschen so verändern kann?
DIECKMANN Durch mein Eintauchen in das Innenleben des Gefangenen bin ich quasi automatisch darauf gekommen, dass durch seine Gefangenschaft und seiner Rollenzuschreibung als Terrorist, er sich dem Feindbild immer mehr annähert. Seine einzige Möglichkeit so etwas wie eine Identität zu behalten ist diejenige, zu sagen: „OK, dann bin ich eben so einer, wenn ihr das schon wollt.“ Er hat keine Wahl. Es gibt ja auch andere Beispiele dafür in der Geschichte, wie etwa jüdische Deutsche, die lange schon säkularisiert waren und ihren orthodoxen Glauben überhaupt nicht mehr praktiziert haben, die haben plötzlich durch die Verfolgung ihre jüdische religiöse Identität wieder angenommen. Auch das ist Resultat der Verfolgung. Wenn nun ein Gefangener im Käfig sitzt und nur den Koran zu lesen hat und sieht, wie rund herum täglich die Gebete gesprochen werden, wird er irgendwann eine kollektive Identität genau da suchen, wo dieses Angebot besteht. Und das Angebot ist im Grunde ein Angebot der Amerikaner: „Sei doch der Feind!“ Das geschieht ihm immer mehr. Der einzige Punkt, der noch leuchtet in seinem Leben, ist mehr und mehr dieses Moslemdasein, das er dort erfährt. So wie sich meine Vorstellung innerhalb des Schreibens entwickelt hat, ist dieser junge Mann in einer solch extremen Verwirrung und Orientierungslosigkeit, dass er unbedingt Gründe dafür finden muss, warum er unter diesen entsetzlichen Bedingungen lebt. Er muss eine positive Orientierung suchen. Und es ist vollkommen egal, ob er die gewählt hat oder ob ihm die aufgezwungen wurde, das Wichtigste für ihn ist es, eine Begründung, eine Berechtigung für dieses grausige Dasein zu finden, einfach damit er psychisch überleben kann.
VOLLTEXT Das psychische Überleben ist die eine Geschichte, die körperlichen Qualen, die der Gefangene ertragen muss, sind auch nicht ohne. Wie konnten Sie sich derart in den Gefangenen einfühlen?
DIECKMANN Ich hab immer wieder beim Schreiben die Erfahrung gemacht, dass man in die fremdesten Zustände eintreten kann, wenn man nur gnadenlos genug mit sich selber ist. Ich denke, jeder Mensch hat Erfahrungen mit, zum Beispiel, der Beraubung von Sinneswahrnehmung oder dauerndem Aufenthalt unter Bedingungen, die ihm nicht gefallen, wie Krankenhaus, oder auch mit körperlichen Schmerzzuständen. Aber in der Tat habe ich schon mal ausprobiert, wie das ist, wenn man kniet und einen Knöchel auf den anderen legt. Das hält man ja keine Minute aus, ohne dem sofort zu entfliehen. Das muss man dann in der Fantasie und in der Sprache mit größter Hartnäckigkeit weiterverfolgen. Im Grunde ist es eine furchtbare Schreiberfahrung, aber es ist auch so eine Art Reinigung. Man erfährt viel über sich selbst, es ist sozusagen eine extrem praktizierte Art von Mitgefühl, nicht Mitleid, sondern Einfühlung. So ist es mir beim Schreiben ergangen und ich finde, Literatur muss so funktionieren. Mit solcher Präzision, mit so einer exakten Fantasie muss sie in die Dinge und in die Menschen eindringen.
VOLLTEXT Das Ende der Geschichte ist die totale Resignation. Warum haben Sie das so geschrieben?
DIECKMANN Das Schreckliche an einem solchen Lager – bei Guantánamo sehr sichtbar – ist, dass diese Leute auf unabsehbare Zeit eingesperrt sind. Jeder Gefangene dort weiß nicht, ob und wann er jemals rauskommt. Und das ist der Grund für die ungeheuerliche psychische Belastung und das Verrücktwerden zahlloser Gefangener. Deshalb muss das Buch Zugeständnisse machen und das Ende offen lassen und so die Gefangenschaft ins Unendliche weiter denken lassen. In diesem Fall hab ich noch dafür gesorgt, dass der Gefangene so eine Art Resignation erfährt, dass er also plötzlich merkwürdig einverstanden erscheint mit den Bedingungen dort. Es sollte im Grunde ein sehr schlimmes Ende sein, wo er nicht einmal mehr die Rebellion empfindet, mit der er dort lange gelebt hat. Es ist im Grunde alles ausprobiert worden, sowohl das Islamisch-Sein als auch der Selbstmord, als auch der Befreiungstraum, und es ist sozusagen nichts mehr übrig. Ich dachte dabei an Lenz von Georg Büchner, wo es am Ende heißt „So lebte er hin“. Im Grunde ist das eine Form von diesem „So lebte er hin“. Ein schreckliches Ende also.
Dorothea Dieckmann, geboren 1957 in Freiburg/ Breisgau, lebt als Schriftstellerin und Kritikerin in Hamburg. Zuletzt erschienen der Roman Damen und Herren (Klett-Cotta, 2002) und der Essay Sprachversagen (Droschl, 2002).
Dorothea Dieckmann Guantánamo Klett-Cotta, Stuttgart 2004 158 Seiten, ¤ 16 (D) / ¤ 16,50 (A) / sFr 29,20 |