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Rüdiger Safranski im Gespräch mit Walter Schübler über Schülerschweiß und «schöne Seelen», über sportive Balladendichter, das Betriebsgeheimnis der Kultur und Schönheitsoperationen auf RTL.
VOLLTEXT Der deutsche Nationaldichter des 19. Jahrhunderts ist verkommen zum Sentenzenlieferanten – für jede Lebenslage ein geflügeltes Wort. Überlebt hat Schiller, scheint’s, bloß als Autor des berüchtigten Liedes von der Glocke und damit als Drangsal von Generationen von Gymnasiasten.
RÜDIGER SAFRANSKI Der Schiller ist durch die Popularität, die er im 19. Jahrhundert gehabt hat, geradezu begraben worden. Ich glaube, es gibt da eine Art Gesetz: Wenn ein Autor dermaßen hochgefeiert wird, dann müssen sich erst mal mindestens zwei Generationen erholen, ehe sie wieder Zugang finden. Dann erst merkt man wieder, welch unglaublich spannender – und natürlich auch in Teilen stark gewöhnungsbedürftiger – Autor dieser Friedrich Schiller ist.
VOLLTEXT Am hohen Ton, am rhetorischen Pomp stießen sich schon seine Zeitgenossen. Die Schlegels etwa fielen, als sie die Glocke lasen, schon damals beinah von den Stühlen vor Lachen.
SAFRANSKI Ja, aber Goethe wiederum hielt die Glocke für eines der ganz, ganz großen Werke. Ich selber falle nicht grade vor Lachen vom Stuhl – in der Schulzeit haben wir natürlich auch die Glocke gelernt, und insofern haftet für mich an diesem Gedicht noch der Schülerschweiß. Aber im Ernst: Man muss auch bei der Glocke sagen, dass Schiller selbst da, wo er sehr volkstümlich wird, das aus hoch artifiziellen Gründen tut. Da sitzen Goethe und Schiller in diesem berühmten Balladenjahr zusammen, und sie nehmen es richtig sportiv. Sie wollen ausprobieren: Ist es möglich, auf hohem Niveau nicht nachzulassen und zugleich populär zu sein. Das war eine Herausforderung der Artisten und nicht der Naivlinge. Und wenn er den Tell schreibt, dann tut Schiller das ganz bewusst mit der Ambition „Jetzt wollen wir mal ein Stück machen, das das Volk noch über ein Jahrhundert beschäftigen wird“. Das ist jetzt nicht einfach ein Publikumsopportunismus, sondern es ist der Versuch, „ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ in genau dieser Form ins Werk zu setzen.
VOLLTEXT Aber ist es nicht gerade diese Ambition, der sich die Abgehobenheit seiner dramatischen Charaktere schuldet – „Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos“ nannte sie etwa Georg Büchner – und die damit den Zugang zu Schiller verstellt?
SAFRANSKI Unterschiedlich! Auf die Räuber trifft das sicher zu. Ich finde allerdings ein Stück wie Wallenstein eine perfekte Theatermaschine – das ist deutscher Shakespeare. Das ist vollkommen perfekte Theaterkunst, dieses Spiel über die Epiphanie der Macht und ihr langsames Erlöschen mit den gemischten Charakteren, die da drin sind, wobei die Frauenfiguren bei Schiller schon eher scherenschnittartig sind.
VOLLTEXT In einem Abstand von nunmehr drei Generationen: Was heißt und zu welchem Ende heutzutage Friedrich Schiller – außer weil halt nächstes Jahr der 200. Todestag dräut?
SAFRANSKI Mir kam’s darauf an, Schiller aus dieser staubbedeckten Klassizität herauszuholen. Und den Schlüssel dazu hielt ich in Händen, als mir klar wurde, dass „unser Schiller“ eine Art Jean-Paul Sartre des späten 18. Jahrhunderts war – mit seiner ganzen Freiheitsphilosophie, mit dieser hohen Intellektualität, diesem Sendungsbewusstsein des Intellektuellen, der Theatermann ist, zugleich die besten Rezensionen seiner eigenen Theaterstücke schreibt, der vom Furor besessen ist, Lernprozesse coram publico vor Augen zu führen, sich also zur öffentlichen Figur macht. Dass er eine solche Figur ist, ist schon ein Stück Modernität. Und dann die inhaltliche Seite: dass er dieses Freiheitsprojekt in den Mittelpunkt stellt und dabei jemand ist, der als Mediziner, der er ja auch ist, nicht einen naiven Idealismus verkörpert, sondern einen, zu dem er sich im Handgemenge mit dem zeitgenössischen Materialismus durchgerungen hat, der ja nicht von Pappe war.
VOLLTEXT Ihr Schiller liest sich streckenweise wie ein Einwurf, dann wieder wie ein Abgesang oder vielmehr wie eine Beschwörung. Sie stellen ihm – gleichsam als Motto – die Elegie „Nänie“ voran, die als Leitmotiv immer wiederkehrt: ein Klagelied über Vergänglichkeit des Schönen.
SAFRANSKI Ja, es gibt einen Ärger über die Verballhornung dessen, was man Idealismus nennt. Dass es so armselige und triviale Vorstellungen davon gibt, was das eigentlich ist, dass einen da manchmal eine elegische Trauer überkommt, ob man das überhaupt noch begreifbar machen kann. Aber dann sag’ ich mir mit Nietzsche „Nur im Angriff ist klingendes Spiel“, um diesem heißen Projekt, das da um 1800 in der deutschen Kultur drin war, wieder Glanz zu geben. Als ich gerade an den Kapiteln über den Physiologen Schiller schrieb und über den Kampf, den er da gegen die Deterministen gefochten hat, da kochte bei uns die gehirnphysiologische Debatte wieder hoch in der FAZ, und da fällt einen schon ein Gefühl der Vergeblichkeit an, wenn dämliche Argumente, primitivste naturalistische Ansätze wieder ihr Haupt erheben, die eigentlich schon vor 200 Jahren totgeschlagen worden sind.
VOLLTEXT Schiller als Antidot gegen unsere geistfeindliche Zeit, gegen das Diktat von Nützlichkeit und Zweckrationalität?
SAFRANSKI Wir haben ja wieder mal eine Bildungsdebatte und können beobachten, dass sehr viele gar nicht mehr unterscheiden können zwischen Ausbildung und Bildung. So notwendig Ausbildung ist, aber Ausbildung ist halt doch das Funktionstüchtigmachen für diese Rädchen- und Schräubchenfunktion, die man halt nun einmal hat – aber Bildung, diese selbstzweckhafte Würde der Entscheidung der Person, ist ein ganz Anderes.
VOLLTEXT Die anmutige „schöne Seele“ als Gegenmodell zum verbiesterten marktfähigen Jungdynamiker?
SAFRANSKI Ich habe eher an dieses eigenartige „Ideal“ der Coolness gedacht und setze den mit allen Wassern gewaschenen Enthusiasten dagegen, den – das ist jetzt ’ne Paradoxie – ausgekochten Enthusiasten. Diese Anmutung der Coolness, die sich auch noch klug vorkommt, ist ja doch ein recht scheußliches Halbtotes! Kurz vor seinem Tod schreibt Schiller seinem jungen Freund Wilhelm von Humboldt: „Am Ende sind wir ja beide Idealisten und würden uns schämen, uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten und nicht wir die Dinge.“ Das ist das Konzept des Idealismus – nicht irgendwie in den Himmel, sondern diese Kühnheit in der Gestaltung der eigenen Lebensmaterie.
VOLLTEXT Ihr Schiller ist eine dezidiert intellektuelle Biografie, Sie präparieren den Denker im Poeten heraus.
SAFRANSKI Vom Lyriker Schiller werden ein paar Gedichte bleiben, vom Dramatiker einige perfekte Stücke – aber dem Ästhetiker, dem Theoretiker verdanken wir die genialsten Sachen. Das ist nun wirklich unerschöpflich! Wenn ich nur daran denke, dass er einer der Ersten war, die das Betriebsgeheimnis der Kultur als Spiel definiert haben! Zivilisation wäre in dieser Sicht diejenige Veranstaltung, die versucht, möglichst viele Ernstfälle in Spiel zu überführen: Aus Sexualität wird Erotik, aus Aggression wird Wettbewerb und so weiter, das sind die Überlebensformen einer Zivilisation. Die ästhetische Welt ist Schiller ja nicht nur ein Übungsgelände für die Verfeinerung und Veredelung der Empfindungen, sondern sie ist der Ort, wo der Mensch explizit erfährt, was er implizit immer schon ist: Homo ludens.
VOLLTEXT „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ – diese Maxime aus Wallensteins Tod zitieren Sie wiederholt. Das kostet das coole 21. Jahrhundert mit seinem Fitnesswahn und dem grassiernden Vitalismus allenfalls ein mildes Lächeln.
SAFRANSKI Manche Utopien realisieren sich so, dass einem graut. Wenn RTL Schönheitsoperationen vor laufender Kamera stattfinden lässt und man dazu den Untertitel „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ setzen würde – das wäre wirklich nicht von schlechten Eltern. Im Ernst: Das ist ein antinaturalistischer Satz, da geht es um den Primat des Geistes. Und im Übrigen müssen wir ihn natürlich in einer existenziellen Engführung, bezogen auf Schiller, verstehen. In dieser Hinsicht ist es Idealismus, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt: ein Enthusiasmus – sehr nietzscheanisch eigentlich: ein Wille zur Macht, Macht über sich selbst –, der auch aus dem Lebensekel erwächst, den es immer wieder zu überwinden gilt.
VOLLTEXT Sie kündigen im Prolog „ein Leben als Drama und Inszenierung“ an. Sie bieten Schiller indes reichlich undramatisch dar, weil Sie den ganzen „menschlichen Kram“ eben nicht zur sonst üblichen dicken Soße anrühren. Aber ganz ohne „menschlichen Kram“ geht’s offenbar doch nicht. Mit Ihrem Schlusssatz nehmen Sie Bezug auf die, wie es bei Arno Schmidt einmal heißt, „dioskuriose“ Paarung Schiller-Goethe: „Am 9. Mai, gegen Abend, stirbt Friedrich Schiller. Am 11. Mai wird er beerdigt. Goethe ist durch Krankheit verhindert.“ – Ein Zugeständnis an das Publikumsinteresse am „menschlichen Kram“?
SAFRANSKI Na ja, dieser Schlusssatz ist auch sehr ambivalent. Er hat einen Nachhall. Goethe, der den Tod auf den Tod nicht ausstehen konnte, bleibt in diesem entscheidenden Moment weg – da sollte etwas Abgründiges in dieser Freundschaft zum Klingen gebracht werden. Wenn ich jetzt weitergeschrieben hätte, von diesem Satz aus, dann hätte ich in einer kleinen ironischen Brechung erzählt, wie Schiller dann in Goethes Kopf die Karriere eines Heiligen angetreten hat – bis zu dem Punkt, dass Goethe kurz vor seinem Tod Eckermann sagt: Der Schiller trat jesusartig unter uns. Dieser letzte Satz ist also in einen leeren Raum hineingesprochen und könnte in dieser Weise noch weitergehen, aber das hab’ ich mir dann gespart.
VOLLTEXT Ich hake nach: Wie weit muss man dem heutigen Leser mit Verständnishilfen entgegenkommen? Oder: Wie weit ist es von „Schiller ist eine Art Jean-Paul Sartre des späten 18. Jahrhunderts“ zum Henscheid/Poth’- schen Kalauer „Verdi ist der Mozart Wagners“?
SAFRANSKI Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dem Leser entgegenkomme. Ich schreibe nicht, um irgendjemand abzuholen, sondern um mich selbst abzuholen, und so etwas wie dieser Sartre-Effekt ist ein wichtiges Moment der Selbstmotivation, dieses Buch zu schreiben. Man sagt mir ja oft nach, ich mache die Dinge so verständlich, so populär … Ich selber habe nicht das Gefühl, dass ich etwas populär mache. Ich will ja bloß mir etwas klarmachen – und damit natürlich auch dem Leser.
Rüdiger Safranski, geboren 1945 in Rottweil, gehört zu den wichtigsten Biografen Deutschlands. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit (Hanser, 1994) und Nietzsche. Biografie seines Denkens (Hanser, 2000). Walter Schübler, geboren 1963 in Lindach, lebt als Privatier e. h. in Wien. Zuletzt erschienen seine Biografien Johann Heinrich Merck, 1741–1791 (Böhlau Weimar, 2001) und Nestroy. Eine Biographie in 30 Szenen (Residenz, 2001).
Rüdiger Safranski wird seine Schiller-Biografie am 8. 11. bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien präsentieren.
Rüdiger Safranski Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, Hanser, München 2004 560 Seiten, ¤ 25,90 (D) / ¤ 26,70 (A) / sFr 46,20 |