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Mittwoch, 06. Oktober 2004

Rosisten II

 

Daniel Gottlob Moritz Schreber wurde am 15. Oktober 1808 in Leipzig geboren und hat die Welt verändert, zumindest die deutsche. Ob er auch die Frankfurter Welt verändert hat, wäre zu erörtern. Denn das typischste an einem Frankfurter Schrebergarten ist, dass man darin Frankfurter findet. Vielleicht dient der Schrebergarten hierzulande einfach zur Potenzierung des Frankfurters. Hat Daniel Gottlob Moritz Schreber je geahnt, was das heißen würde: ein Frankfurter in seinem Schrebergarten? Also hinein ins Paradies! Die Stadtgruppe Frankfurt der Kleingärtner e.V. sieht die „sozialen Aufgaben“ der Kleingärten unter anderem folgendermaßen: „Begegnungsstätte und Betätigungsfeld für ältere Bürgerinnen und Bürger … hochqualifizierte Naherholungsgebiete … ein Gespräch über den Gartenzaun … Geborgenheit einer sozialen Gemeinschaft … natürliche Entspannung … Brücke zur Natur“. Ich mache mich mit dem Fahrrad auf den Weg. Im Ziegelhüttenweg, Ecke Breslauer Straße, kette ich das Fahrrad an, eine 30-kilometerzone, alle fahren mindestens 60. Links und rechts ist das Trottoir zugeparkt, auf der einen Seite des Ziegelhüttenwegs groteske Wohnblocks in üblicher Frankfurter Nachkriegsgeschichtslosigkeit, auf der anderen Seite ein undurchschaubarer Zaun, in dessen Mitte man ein Portal sieht, versehen mit einem Schild: RA II – Rosisten Anlage II. Korrekt, denke ich, wäre die Zusammenschreibung. Aber in einer Stadt, dessen berühmtester Verlag sich Suhrkamp Verlag nennt, hat die Auseinanderschreibung Rosisten Anlage fast einen intellektuellen Charme. Bzw. etwas Größenwahnsinniges.

Beim Betreten wird gewarnt: Einfahrt nur mit Genehmigung des Gartenausschusses! Radfahrer absteigen! Heute ist übrigens, wie ein Blick auf die mitgebrachte Tageszeitung (Frankfurter Rundschau) zeigt, der 20. Juli. Man geht einen schmalen Weg zwischen Gärten entlang, links und rechts Laternen und Jägerzäune. Die Gärten sehen nicht so korrekt und perfekt aus wie die am Usa-Ufer meiner Geburtsstadt Bad Nauheim. Von der völligen Verrohung und Verwahrlosung der städtischen Gärten in Friedberg, dem Ort meiner Kindheit, wo allabendlich gelärmt und gesoffen wird bis zum Umfallen bei Ballermannlautstärke, sind sie gottseidank noch weiter entfernt. Alles wirkt friedlich. Wieder ein Schild: Radfahrer absteigen! Entgegen kommt: ein Mann mit einer Hose, die man vielleicht in Übertragung eines anderen Wortes Hawaiihose nennen könnte (bunt bedruckt). Darüber ein Unterhemd. Der Mann ist rot (im Norden sagt man: „hat schon die Lampe angezündet“), aber man selbst hat ja auch schon Durst auf Apfelwein oder wenigstens Bier. 50 Meter weiter hinter einer leichten Rechtskurve steht man auch schon vor einer Binding-Wirtschaft: Gaststätte Rosisten II. Gegenüber ein kleiner Spielplatz (noch mal Stadtgruppe Frankfurt der Kleingärtner e.V.: „… Spielraum verbunden mit Naturerleben für Kinder …“. Daneben ein Schild: Radfahrer absteigen!)

Bevor man einkehrt, besichtigt man die weiteren Anlagen. Links und rechts der Wirtschaft gehen schmale Wege zwischen mannshohe Gartenzaunfronten, die sich alsbald in ein Labyrinth von rechtwinklig abgezirkelten Durchgängen und Stichwegen verzweigen. Über die Zäune ragen Sonnenblumen, Rosen, Obstbäume, Hüttchendächer. Hier und da Grillgeruch, leise Musik aus dem Radio („Du sagtest Liebe / ist nur ein Wort / Ich sagte geh / doch noch nicht fort“), Sportsendung. Der Boden des Weges ist mit einem Gitter belegt, ein Muster aus Quadraten und Kreisen, dazwischen ist der Kies gestreut. So bleibt er am Platz. Alles muss seine Ordnung haben. Wieder kommt ein Mann mit Unterhemd, rotem Gesicht, begrüßt einen, schüttelt einem freundlich, unmotiviert und begeistert die Hand und sagt: „Wer einen Tag glücklich sein will, der trinkt; wer drei Tage glücklich sein will, der heiratet; wer ein Leben lang glücklich sein will, der wird Gärtner. Alte chinesische Weisheit!“

Aha, denkt man und schlendert weiter. Der Mann trug, wie man sich drei Schritte später erinnert, einen Ehering. An einer Gartenhütte findet sich eine Holztafel: „Die Welt ist eine Irrenanstalt, aber hier ist die Zentrale.“

Aus einem anderen Garten hört man eine erregte Stimme: „Was sich da für Allianzen bilden! Nee, was sich da für Allianzen bilden!!“ Man denkt sich nichts dabei (was soll man dabei auch denken?) und geht wieder weiter. Es wird Abend, aber es bleibt sehr heiß. Der Durst wird stärker. Abrupt bleibt man vor einem Schild stehen: Radfahrer absteigen! Zurück zu den Jägerzäunen und zur Gaststätte Rosisten II. Man sitzt auf Biertischgarnituren, an langen Tischen unter einem Schild (muss ich sagen, was draufsteht?). Auf der Speisekarte eine Computergrafikrose. Zwischen den Pfosten der Veranda baumelt ein Bindingschild. „Bei uns können Sie sich verwöhnen lassen“ – so steht es auf der Karte. Neben mir ein Mann, wieder in Hawaiihosen, die Lampe angezündet. Er redet über „den Amerikaner“. Offenbar im Allgemeinen. Ist aber, scheint es, gar nicht gut zu sprechen auf „den Amerikaner“.

„Deß sin so unseelige Allianze, sach isch, unseelige Allianze …“ Heute ist der 20. Juli. Auf der Karte neben den üblichen Frankfurter Würstchen, dem Handkäse, der Grünen Soße auch so moderne Dinge wie Auberginengrillpfännchen mit Ziegenfrischkäse überbacken oder so exterritoriale Dinge wie Saumagen plus Salatbeilage. Man trinkt Apfelwein, Mömbriser Goldtröpfchen, Kellerei Grünewald. „Deß iss, wenn sisch Deutsche gegen Deutsche stelle, deß iss deß. Deß iss genau deß, was isch meine!“

An einem anderen Tisch werden ziemlich große Schnitzel verspeist. Alle sehen glücklich aus, betrachten begeistert ihre Schnitzel und zünden sich ihre Lampe an. Selbst die Lampions in der grünen Pergola brennen. Im Hochsommer um sieben Uhr abends. Ein Radfahrer kommt um die leichte Rechtskurve auf die Wirtschaft zugerollt. „Absteigen!“ rufen alle empört aus einem Mund. Der Radfahrer steigt sofort ab. „Landesverräder nenn isch so was. Middem Ausland gemeinsame Sache mache, ja ja, deß kenne mir. Deß kenne mir nur zu gut! Grad noch mit dem Ami da.“ „Am End iss der Verräder noch dran schuld, wenn mir die Dour verliere.“ „Ach, die Tour hammer doch schon verlore.“ „Der Ullrich hätt viel früher …“ „Ei wenn er doch net gekonnt hat!“ „Aber dass der Voigt, der Verräder, dem Ami da noch zuarbeitet, zu-ar-bei-tet, sach isch.“ „Mit dem Ami und mit dem Italiener da, dem Basso, mit dene fährt er. Und mir verliern die Tour.“
„Pfui!“
„Jo, pfui!“
Man betrachtet erneut die computergenerierte Rose auf dem Plastikdeckel der Karte und blättert unbewusst auf die letzte Seite, zum Schnaps. Erbacher Hex. Der Deutsche trinkt Schnaps, weil er es anders nicht erträgt. Die Welt ist eine Irrenanstalt. Aber hier ist die Zentrale. „Der Voigt, der soll sich hier net blicke lasse.“ „Wenn der nochemal nach Frankfort kommt!“ „Merr sollt nach Frankreich fahrn und den vom Rad hole, die Drecksau.“ „Runnerprügele müsst merr den!“ „Genau, vom Rad erunnerprügele, wie er’s verdient!“ usw. Man trinkt drei Erbacher Hexen und wartet auf den sich unter diesen Gesprächen nicht ganz einstellen wollenden Gemütlichkeitseffekt. Ach, mein Frankfurt! Ach, deine Gärten! Auch hier wird das Land verraten und der Verräter bestraft, auch am 20. Juli, auch im Jahr 2004. Man denkt: Begegnungsstätte und Betätigungsfeld für ältere Bürgerinnen und Bürger. Selten klang das Wort Betätigungsfeld so bedrohlich.

„… Ein Gespräch über den Gartenzaun … Geborgenheit einer sozialen Gemeinschaft … natürliche Entspannung …“ Also noch einmal Erbacher Hex. Ein Blick in die Informationsbroschüre der Frankfurter Kleingärtner zeigt: Es gibt etwa 100 Kleingartenvereine in Frankfurt. Sie haben so schöne Namen wie: Bonifatiusbrunnen e.V, Kleeacker e.V., Am Brünnchen e.V. Andere Namen: Rollfeld e.V. (muss sich wohl am Flughafen befinden). Kriegsopfer Bockenheim e.V. (Ob sie da heute auch Jens Voigt hassen? Am nächsten Tag wird der Radfahrer bei den Serpentinen hinauf nach Alpe d’Huez übel beschimpft werden, Plakate mit „Judas, Judas“ werden sie entrollen. Tiernamen werden sie ihm geben. Das ZDF wird ihn ausblenden, als er darüber im Interview nach der Etappe die Fassung verliert.) Es lebe die Gemütlichkeit! Was wusste Daniel Gottlob Moritz Schreber von der Tour de France? Was wusste er von den Rosisten? Was weiß ein Leipziger überhaupt, mal genau gefragt, von einem Frankfurter? Im Gästebuch der Rosisten finden sich Einträge wie: Arbeiter-Wohlfahrt-Kaffee am soundsovielten. Erste Eröffnungssitzung Karnevalsverein Schwarz Weiß 1980 Frankfurt-Liederbach der Kampagne 1980/81. Auch obskure Internettreffs wie das „Frankfurter Pseudodrom“ haben sich dort schon versammelt. Gegen zehn Uhr haben alle ihre Lampe angezündet, die Lampions brennen jetzt sinnvoll in die Nacht, man ist guter Laune, es war ein schöner Tag bei den Rosisten, an jedem Tag Frankfurt kann man Frankfurt studieren, und hier, wie gesagt, vielleicht in Potenz. Dank dem Mann aus Leipzig. Loben wir die Gemütlichkeit! Sie haben sich entspannt dort. So entspannt man sich halt hierzulande. Und wem es nicht passt, der kann ja … der soll doch … dem sollte man … Man verlässt das Portal, geht den Ziegelhüttenweg zurück, kettet sein Fahrrad ab, steigt auf und hat das beruhigende Gefühl, dass man irgendwie nie dazu gehören wird. Immer fremd, auch in der Heimat. Auf dem Fahrrad(!) stellt man sich als Letztes ein Rechenexempel: Wie lange ist der glücklich, der a) Gärtner ist, b) verheiratet und c) betrunken? .

Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, studierte in Frankfurt am Main und lebt heute in Bad Nauheim und Brixen. Für sein Debüt Wäldchestag (Suhrkamp, 2000) erhielt er den Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und den „aspekte“-Literaturpreis. Zuletzt erschienen der Roman Klausen (Suhrkamp, 2002) und seine Dissertation über das Werk Thomas Bernhards ( Die Verführung, Wallstein 2004).

 


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