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Andreas Maier setzt sich mit seiner Untersuchung Die Verführung gegen Thomas Bernhard zur Wehr.
Die Sekundärliteratur zu Bernhard ist unübersehbar; an ihr lassen sich alle in der Literaturwissenschaft und in der Literaturkritik im Schwange befindlichen Methoden und das Ungenügen an diesen beispielhaft vorführen. Mit der Erschließung des Nachlasses ist die Bernhard-Analyse auch in ein neues Stadium getreten: Man begegnet den Spekulationen mit mehr Zurückhaltung.
So weit ist Andreas Maier allerdings in seiner Untersuchung noch nicht, denn ihm genügen die bislang publizierten Prosatexte, um sich ein Urteil zu bilden, das er frisch von der Leber weg verkündet. Bei der Lektüre seines Buches darf man auch nicht vergessen, dass hier weniger der Germanist als der Schriftsteller Maier spricht, der in eigener Sache handelt. Mit Klausen hatte er einen Roman geschrieben, in dem er sehr wohl, um eine Wendung Goethes zu brauchen, mit Bernhards Kalb pflügte.
Der neue Text trägt sein Programm im Titel: Die Verführung, und die mehrfach wiederholte Hauptthese hört sich, um es kurz zu machen, im Wortlaut des Klappentextes an wie folgt: „Bernhards Genialität besteht in der verblüffend einfachen und perfekten Art, den Leser dazu zu bewegen, der eigenen Person und dem eigenen Werk genau die Bedeutung zuzuschreiben, die Bernhard zugeschrieben haben wollte: nämlich beim äußersten und Nicht-mehr-Hintergehbaren angekommen zu sein.“ So gerät das Buch zu einer umfangreichen Abrechnung mit einem Autor, der Maier offenkundig alles andere als gleichgültig ist, denn sonst hätte er es bei einer smarten und kurzen Erledigung bewenden lassen. Statt dessen steigt er Bernhard in die geheimsten Winkel der Sätze und Gedanken nach und wird nicht müde, dem Autor die zahlreichen großen und kleinen Widersprüche vorzurechnen, die von der Leserschaft, offenkundig vom Opiat der Sprache betäubt, nicht wahrgenommen werden. Das ist als Ansatz unerhört erfrischend, aber die Freude, nun endlich einen gegen den Strich gebürsteten Bernhard vorgesetzt zu bekommen, wird bald getrübt. Zunächst einmal räumt Maier mit der frühen Prosa (bis etwa zum Kalkwerk von 1970) auf: „Bernhards Prosa ist nämlich eine der Bedeutungsvermeidung“, konstatiert er forsch, und ich bin dabei, wenn sich Maier gegen jene wehrt, die allenthalben tiefe Bedeutung vermuten, bloß weil sie in Sätzen, deren Inhalt sie nicht verstehen, Tiefsinn vermuten. Wenn aber den Texten jede Triftigkeit abgesprochen werden soll, bloß weil sie keine Botschaft explizit vermitteln und sich in Paradoxien ergehen, dann empört sich mein hermeneutisches Gewissen. Dass Bernhard eine Krankheit („Tiroler Epilepsie“) erfindet, er- scheint Maier als ein raffiniertes Verfahren, um dem Krankheitsbegriff eine metaphorische wie auch reale Bedeutung zu geben. (Die „Tiroler Epilepsie“ gibt es tatsächlich nicht, wie ein gewissenhafter Dissertant dadurch herausbekommen hat, dass er die dafür kompetenten Spezialisten in Innsbruck beunruhigte. Aber schon die Tatsache, dass jemand so etwas wie „Tiroler Epilepsie“ erfinden konnte ist Erweis für eine Imagination, die der Wirklichkeit erst ihre Konturen gibt.)
Maier zeigt sich verstört durch die axiomatische Ausdrucksweise, durch die Radikalität, mit der die monologisierenden Figuren der frühen Texte Bernhards sich gegen Einspruch absichern. Aber gerade dadurch konstruiert Bernhard sein geschlossenes Textsystem, in dem die einzelnen Aussagen, wenn man sie mit logischem Kalkül nachzuvollziehen trachtet, sofort in Kollision geraten.
Zugegeben, viele tappen in die Falle, die ihnen Bernhard durch das von Maier gerügte „pseudomimetische Verfahren“ stellt und lesen die meisten Texte so, als hätten sie gutgemeinte realistische Prosa vor sich. Von dem Rückfall in diese naiven, Bernhard an unsere Lebenswelt gutgläubig anpassenden Versuchen sollten sich die analytischen Bemühungen um dieses Werk längst gelöst haben. Die Formel der Übertreibung, die Bernhard auf singuläre Weise zu einer Kunstübung entwickelt hat, reizt meist zum Widerspruch, zugleich aber lässt sie unsere Urteile und Vorurteile nicht unbefragt. Dass Bernhard auch den produktiven Ärger der Leser provoziert, gehört zu seinen Stärken: Gerade die suggestive Kraft stimuliert die kritische Lektüre, so dass wir nicht in der gewiss problematischen „Einfühlung“ befangen bleiben.
Maier aber gibt keine Ruhe und rechnet ihm in gut der Hälfte des Buches Widersprüche vor, vor allem in der Autobiographie, ein Verfahren, das nicht nur ermüdet, sondern auch ärgerlich stimmt, weil einerseits eine rechthaberische Kleinlichkeit durchschimmert und andererseits wir seit Horaz wissen sollten, dass auch der große Homer bisweilen ein Nickerchen macht und ihm die eine oder andere Ungenauigkeit unterläuft. Aber Maier will nicht großzügig sein, sondern packt Bernhard beim eigenen Wahrheitsanspruch, um ihn der Lüge zu zeihen. „Die Wahrheit ist die Lüge, das ist die Wahrheit,“ lässt sich Bernhard im Keller, dem zweiten Band der autobiographischen Schriften, vernehmen, aber für all das, was in diesen Schriften oszilliert und nicht festlegbar ist, fehlt Maier das Organ, selbst der Witz, mit dem Bernhard so souverän umgeht, scheint ihm bedenklich.
Am Ende bleibt nur der grandiose Rhetoriker Bernhard bestehen: „Alles wird mit einer solchen Chuzpe behauptet, damit man nie auch nur im Kleinsten irgendeinen greifbaren Grund dafür geliefert bekommt, hier werde irgendwas Großes, Hohes, Mühevolles, Tiefes, Existentielles, Philosophisches etcetera verhandelt.“ Das sei „ein reiner, geradezu (?) formaler Größenwahn“. Alles sei lächerlich, wenn man an den Tod denkt; dieser Fundamentalsatz der Ästhetik Bernhards ist, meinem Dafürhalten nach, zwar eine Banalität, aber er hilft das abstruse Verhalten seiner Figuren zu erklären und macht jene lächerlich, die Bernhard Großes, Tiefes, Existentielles, Philosophisches, ja Heroisches unterstellen, vor allem aber jene, die es bei ihm vermissen.
Obwohl Maier mit fast jeder Zeile Bernhards Werk in Frage stellt, so erweist sich dieses Buch doch als eine ungewöhnliche Reverenz für dieses. Maier besorgt dies allerdings unfreiwillig und wird meine Auffassung vielleicht als Chuzpe bezeichnen: Aber er gibt zu, dass im Falle Bernhard ein Autor seine Leser dort hat, wo er sie haben wollte; und wie viele Autoren gibt es, die das von sich behaupten können?
Auch wenn ich Maiers Argumentation nicht folgen kann und seine Beschreibungen des Bernhardschen Verfahrens selten angemessen finde, so habe ich doch vor seinem Buch Respekt. Maier kopiert das Verfahren Bernhards, indem er sich zusehends in einen Argumentationskokon einspinnt, aus dem er sich schwer wird herauswickeln können. Mit einer Neigung zur Perseveration, die dem Objekt seiner Mühen Ehre machen würde, versucht er, dieses zu überbieten. Ja es scheint mir, als wäre er bei Bernhards letztem großen Protagonisten in die Schule gegangen, bei dem Kunstkritiker Reger in Alte Meister, der auf einem Bild Tintorettos nach dem tödlichen Fehler sucht. Es geht darum, das Kunstwerk zu falsifizieren und gegen dessen Rhetorik die eigene aufzubieten. Hier setzt sich ein Schriftsteller mit dem Werk eines anderen auseinander, und das kann nur bedeuten: sich zur Wehr zu setzen.
Andreas Maier Die Verführung. Thomas Bernhards Prosa Wallstein, Göttingen 2004 304 Seiten, € 19 (D) / € 19,60 (A) / sFr 34,40 |