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Dienstag, 14. Juni 2005

Selbstportrait

 

Wie das gewesen ist. Dass ich mich auch an nichts erinnern kann. Und noch: Die Schwester an der Hand abseits vom Weg im Wald; da hab ich’s dann verlorn. Vielleicht dass jemands der nach uns gesucht ganz einfach mitgenommen hat. Sie haben aber schlecht geschielt am Weg und ohne Licht, sie ham uns nie gefunden, bis wir auf einmal wieder da gewesen sind und ganz von selbst, als wärn wir nur zur bloßen Freude ins Gebüsch verreist mit runden Augen. Und dann wieder retour, allein, aber nun mit den Händen vorm Gesicht, und vor dem Mund. Wir sprechen nicht davon seither. Selbst wenn wir uns nur sehn, und selbst das tun wir selten weil sie mich nicht mehr anschaun kann ohne sich zu erschrecken, darf einem davon nichts mehr im Gesicht drin stehn, weil keiner von uns daran denken will. Ich tu das aber ohnehin auch gar nicht mehr. Ich hab alles vergessen. Ich bin mir selbst davon als wir gemeinsam von dem Weg gefallen sind. Ich hab mich glaub ich liegen lassen dort, mich hats für kurz gar nicht gegeben bis sich dann bald der neue Mensch zu formen angefangen hat, und vorne ein Gesicht das wie das Gegenteil von meiner Schwester ausgesehen hat weil da gerad nichts anderes gewesen ist zum Abstoßen in dem Moment. Jetzt hab ich also einen Kopf der eigentlich gar nicht zu mir gehört und auch nicht zu dem Körper, den ich mit mir herumtrag. Ich lass ihn aber ohnehin nicht groß die Runde machen: Dahin wo Bäume sind geh ich nie mehr und auch nicht mehr zu irgendeiner Wasser- oder andren Spiegelfläche, damit ich mich nicht anschaun muss, wie alles an mir aus der Form gerät wegen dem Falschgesicht. Das Allerdümmste daran aber ist, dass es mir ja auch gar nicht richtig draufpasst auf den Fleck wo vorher einmal ich aus meinen Augen rausgeschaut hab. Es spannt sich schräg mir übern Mund, dass mir der größte Teil vom Sprechschlitz unterm Kinn festsitzt und ich gerad noch Luft holn kann, sonst nichts. Kein Wort sag ich jetzt noch zu irgendwem. Das hätt ja sowieso auch keinen Sinn, außer vielleicht ein paar geglättete Gesichter mehr um mich herum mit Ruhe unterm Hals. Ich hab selbst lang schon keine Ruhe mehr. Was alle andren angeht also bloß nicht mühen drum: Ich hab den Mund zu sieht mir jemand ins Gesicht. Am Schlimmsten ist es wenn ich in die Welt und unter Leute geh. Weil das halt eben manchmal sein muss so, damit man ja hübsch eingegliedert bleibt und drum nicht plötzlich jemand anfängt sich zu interessiern weil man so seltsam unsichtbar geworden ist in letzter Zeit. So manchmal also doch noch raus und keinen Laut mehr und stillhalten bis es dann wieder ausgestanden ist. Daheim da geht der Mund dann doch schließlich für einmal auf und es zischt traurig aus dem Schlitz. Mit einem Druck aber weil da so viel ist was nicht rausgekonnt hat in die Welt dass es ein bisschen an der Sprechnaht zieht und zerrt solange bis sie dann an einem Ende einreisst und das Gesicht anfängt auf einmal aufzuplatzen an verschiednen Stelln als hätt ich es zu lange in die Sonne reingehalten. Das gibt dann eine Wunderwelt an Kratern, aus denens zischelnd heiß herausschießt. Wie ein Naturschauspiel bin ich da anzusehn. Der Haken bei der ganzen Sache nur ist dass es großer Fingerfertigkeit bedarf, dem Zustand schlussendlich ein Ende zu bereiten. Aber das muss ja wohl so sein, wenn man auf einmal zum Vulkangebiet geworden ist. Selbst wenn’s mir aber nicht gelingt und ich ein bisschen vor mich hin spuck durch die Nacht muss ich mich deswegen trotzdem nicht panisch fürchten. Meistens hörts irgendwann von selber auf. Danach dann dauerts jedes Mal, bis ich mich wieder trau die Augen aufzumachen. Hab ich das aber hinter mich gebracht, dann gilts sogleich nach vorn zu schaun, so wie sich das gehört. Rasch aufstehn also und ans Telefon die Schwester aufdass sie einem flink zur Hilfe eilt im Kampf gegen die Sauerei. Die ist ja eher ungut anzusehn, die Schwester allerdings gleicht ihr dann fast aufs Haar in dem Moment wo sie da durch die Türe stürzt weil sie sich fürchterlich erschrocken hat. Ich frag mich dann bestimmt auch jedes Mal, ob sie sich wohl noch irgendwann daran gewöhnt. Das sag ich aber nur zu mir und in mir drin, im Stillen. Zur Schwester sag ich gar nichts. Ich sag kein Wort zu irgendwem seither. Nehm sie nur in den Arm mit Sicherheitsabstand, damit sie sich nicht schmutzig macht an mir. Und dann geht’s an den Frühjahrsputz, lang braucht das nicht, wir ham da schon Routine. Zum Schluss krieg ich dann noch ein bisschen Salbe ins Gesicht, damit die Narben schneller heilen. Das sagt mir dann die Schwester auch und macht dabei den Mund ganz seltsam. Sie weiß ja schon dass ich trotzdem nie wieder unversehrt sein werd oder zumindest so wie sie. Darüber sagt sie aber nichts. Sie schaut nur noch ein Weilchen vor sich hin, bevor sie geht und nicht mehr wiederkommt bis ich das nächste Mal ringsum der Augen in die Luft geflogen bin. Vielleicht dass wir uns unterhalten sollten, irgendwann. Ich glaub aber ich hab ja ohnehin schon längst vergessen wie das geht. Ich kann mich ohnehin an nichts erinnern.



GERHILD STEINBUCH
Vorgeschlagen von Daniela Strigl
1983 in Mödling geboren, lebt in Graz. 1994–1998
Mitglied der Jugendliteraturwerkstatt Graz.
Studium der Rechtswissenschaft und des Szenischen Schreibens in Graz.


Veröffentlichungen (Auswahl)
herr bert passt durch keinen türspalt und besucht seine mutter.In: Luft.Steirische Verlagsgesellschaft 2004.


Kopftot.In: Lichtungen,98/2004.
mein lebensfleck.In: grazer tagebuch. Steirische Verlagsgesellschaft 2004.
true love waits.In: Lichtungen,100/2004.
Von einem schönen Dorf, das immer gerne einen Mond gehabt hat.In: manuskripte,Nr. 167/ 2005.

Auszeichnungen
Retzhofer Literaturpreis 2003. Gewinn des Stückewettbewerbs der Schaubühne am Lehniner Platz 2004. Summer School des Royal Court Theatre 2004. Literaturstipendium der Stadt Graz 2004. Teilnahme an den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters 2004. Stipendium der Hermann-Lenz- Stiftung 2005.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

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    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

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    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

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    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

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    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

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    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

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    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

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    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

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    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

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    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

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    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

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    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

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    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio