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Dienstag, 14. Juni 2005

In Schreiben steckt Schrei

 

Wenn ich in der Stille meines Zimmers sitze und das Gedankenpendel hin- und herschwingt, höre ich mitunter in der Ferne einen Schrei, ausgestoßen von einem namenlosen Wesen, das in mir wohnt und nicht länger an sich halten kann. Falls nichts ihn unterbricht oder übertönt, schwillt der Schrei an bis ins Ohrenbetäubende, schlägt von innen an die Trommelfelle und stößt mit Wucht an die Schädelwand. Dauern die Stille draußen und der Lärm drinnen an, mündet der lautlose Schrei in ein Schreiben. In dem Schrei entlädt sich Widersprüchliches: die Verwunderung über die Vielfalt des Sicht-, Hör- und Spürbaren und das Entsetzen über das gelassenen Schrittes nahende Ende, unbändige Freude und kalter Schreck. Das Ungeheuerliche des gewöhnlichen Erdendaseins erschüttert mein Gemüt. Beim Aufeinanderprallen von seligem Staunen und barem Entsetzen kommt der Stein des Schreibens ins Rollen, ein stiller Donner erschüttert das Gedankenzelt, eine trügerische Gewißheit blitzt auf: für das, was ich in dieser Sekunde verspüre, hat noch niemand Worte gefunden; ich werde sie finden. Dann die Ernüchterung: selbst wenn es Worte gäbe und ich sie finden könnte, was wäre damit gewonnen? Was ist das Wort „Blitz“ neben dem Lichtzacken, der die Nacht durchzuckt? Das Wort „Schnee“ im Vergleich zu dem langsam sich in Flocken auflösenden und auf den Erdboden niedersinkenden Himmel? Was bleibt, ist das bange Verlangen, es möge mir dennoch gelingen, den Schrei hörbar zu machen, die Hoffnung, sein Echo möge auf wundersame Weise in andere Köpfe gelangen.

Im nächsten Augenblick möchte ich schon wieder verzagen. Vor mir gähnt die Seite, die Gedanken fahren blitzschnell durcheinander und keiner läßt sich fassen. Nur zwei Buchstaben trennen das Schreiben vom Schweigen. Im Schweigen sind schnell alle Widersprüche ertränkt, der Wasserpegel steigt und steigt, bald entweichen nur mehr Luftblasen dem zum Schrei aufgerissenen Mund. Das zwischen Schrei und Schweigen Aufgezeichnete handelt von nichts. Es bezweckt nichts. Es geht darin um nichts. Noch nie habe ich einen Satz geschrieben wissend, wie der nächste oder der übernächste oder der letzte aussehen würde. Noch nie habe ich gewußt, wohin ein Satz mich führen würde: das ist es, was ich unter einem spannenden Buch verstehe. Ich wandere durch Wälder und Passagen, schlüpfe von innen nach außen und von außen nach innen, und auf all meinen Gängen ist die Sprache mein Blindenhund. Manchmal beneide ich den Romancier, weil er so gerne gelitten ist und Bücher schreibt, die gelesen werden. In meinem boshaften Neid mache ich mich gerne über ihn lustig und denke ihn mir bald als kleinen Jungen, der liebevoll eine vorgegebene Zeichnung koloriert, bald als Greis, der sich mithilfe des Handlungs-Krückstocks vorantastet. Um ihm den Rest zu geben, halte ich ihm noch seine Dialoge vor, wovon er, wie ich ungerechterweise behaupte, nicht mehr als zwei Sorten auf Lager hat: eine lächerliche, die ganz und gar nicht dem entspricht, wie Leute tatsächlich reden, und eine langweilig-peinliche, die in etwa dem entspricht, wie Leute tatsächlich reden. Aber, siehe da, der Romancier ist noch nicht k.o., er regt sich schon wieder und rappelt sich nun sogar auf, um die hinterhältige Attacke zu konterkarrieren. Bevor er noch dazu kommt, ordentlich auszuholen, liege ich schon am Boden. Ich weiß im voraus alles, was es gegen mich und meine sinn- und planlose Schreibweise vorzubringen gibt; augenblicklich nehme ich alle Beleidigungen wieder zurück und stecke den Kopf in den Seitensand. Nach einer Weile ziehe ich ihn vorsichtig wieder heraus und schaue mich um: die Dichter haben sich dünnegemacht, weit und breit ist niemand mehr zu sehen.

Beim Schreiben schnellen die Buchstaben in die Senkrechte, wie Typen springen sie auf und graben sich in das Nervensystem. Manchmal starre ich stundenlang in den Raum oder aus dem Fenster und warte, bis ein Wort oder gar ein Gedanke sich bildet oder ausgeschlafen hat, und mit einmal erheben sich ein paar Buchstaben, aufrecht steht ein Wort im Kopf oder sogar mehrere, und wenn ich nicht augenblicklich zupacke, stehen sie noch eine Weile so herum und sacken dann bald wieder weg. Nach dem Schriftsteller kommt der Schriftsetzer und sagt zu den Buchstaben: nun ist es gut, ihr habt eure Schuldigkeit getan, ihr könnt euch setzen. Im fertigen Buch sitzen die Worte fest; im Kopf schwanken sie noch und stolpern und drehen sich um. Die absolute Mißachtung der Sprache als bloßes „Mittel zum Zweck“ hat, behaupte ich, schlimmere Folgen für die Gesellschaft als die Mißachtung der Gesetze. Es gibt keine „leeren“ Worte. Jedes Wort ist voll, übervoll. Wer die Worte als Hüllen behandelt und nicht aufmerksam und wach und ehrfurchtsvoll mit ihnen umgeht, verliert jede Vertrauenswürdigkeit, und das Füllsel, das er in diese vermeintlichen Hüllen hineinstopft, ist ungenießbar oder gar giftig. Das ist der Grund, warum die meisten Politiker, sobald sie den Mund auftun, so unglaubwürdig sind.

Ehrfurcht vor der Sprache: damit meine ich nicht das Beachten grammatischer Regeln, nicht korrektes Schreiben oder Sprechen, sondern die Ehrfurcht vor jeder Faser Welt, die in der Sprache steckt, vergangene und gegenwärtige Welt, die in geologischen Schichten in ihr lagert.

Die Welt legt sich mir in den Mund. Ich habe die Pflicht, sie nicht zu verraten und nicht zu verletzen, ich darf sie biegen und kneten und dehnen, aber nicht brechen. „Was man spürt, wenn man ein Gedicht liest, sind die Bewegungen des Gemüts“, schreibt die dänische Lyrikerin Inger Christensen in einem Essay über Poesie. „Nicht nur das Gemüt des Dichters und nicht nur das eigene, sondern beide im Gedicht vermischt, als wäre das Gedicht das Neutrum des Gemüts.“ Vielleicht wäre das eine mögliche Definition des gelungenen Gedichts: ein Schwebezustand, in dem das Gemüt des Dichters und das Gemüt seines Lesers irgendwo in der Mitte aufeinander treffen und miteinander verschmelzen. Ein Zustand, in dem zwischen Sprache und Wirklichkeit eine Mitte gefunden ist, ein Ort, wo „Wort und Phänomen verkettet oder verschmolzen“ sind, „wo die innere und äußere Welt sich zusammen befinden, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen“. Nun mag es verwundern, daß ich, die ich ja Prosa schreibe, mich zu einer Definition der Dichtung bekenne, die der Poesie entstammt. Aber verläuft denn die Scheidelinie in der Literatur wirklich zwischen Poesie und Prosa? Ist nicht die einzige, wenn auch unscharfe, Grenze die zwischen dichterischen Büchern und anderen? „Wenn man Lyrik zu schreiben versucht, kann der Prozeß oft mit einer Meditation über die Sprache beginnen“, steht bei Inger Christensen. In diesem Sinne fühle ich mich als Lyrikerin.

„Ich arbeite an einem Buch“, „ich schreibe“: bis ich einen solchen Satz zum ersten Mal über die Lippen oder zu Papier brachte, hat es Jahre gedauert. Noch immer gelingt es mir nicht, mich als „Schriftstellerin“ oder „Dichterin“ zu bezeichnen. Allenfalls bringe ich es fertig, mich eine „Schreibende“ zu nennen. Ein Schriftsteller, stelle ich mir vor, ist jemand, dessen Beruf oder gar Berufung das Schreiben ist, der weiß, welche Aufgabe er innerhalb der menschlichen Gesellschaft, oder an ihrem Rand, zu erfüllen hat. Dichter, das sind Robert Walser und Friedrich Hölderlin, Arthur Rimbaud und François Villon. Aber ich? Sobald ich in eine Situation gerate, in der ich gezwungen bin, mich öffentlich als Schriftstellerin darzustellen, ist mir unwohl. Mit jedem Wort, das ich sage, riskiere ich mich als Hochstaplerin zu entblößen, als jemand, der unerlaubterweise, eine entfernte Ähnlichkeit mit einem bekannten Dichter oder die Unaufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft aussnutzend, den Platz eines Abwesenden eingenommen hat. Bevor sie mich endgültig entlarvt haben, versuche ich mit einem verzweifelten Kunstgriff noch einmal, meine Zuhörer in die Irre zu führen, indem ich mich selbst als Hochstaplerin zu erkennen gebe. Würde das ein echter Hochstapler tun? Würde er seine Finten selbst aufdecken? Wenn er besonders gerissen wäre, unter Umständen schon. Der Stapel wird höher und höher: mittlerweile haben wir es mit einem Niemand zu tun, der vorgibt, ein Schriftsteller zu sein, der vorgibt, ein Hochstapler zu sein, der vorgibt, kein echter Hochstapler zu sein. Einer, der den Hochstapler nur spielt, braucht zwar noch lange kein Schriftsteller zu sein, aber immerhin kann man mithilfe dieser verwirrenden Gedankenspiele versuchen, dem Zuhörer Sand in die Augen zu streuen.

Die Verwirrung nimmt kein Ende; denn hatten nicht viele Dichter, und gerade die Besten unter ihnen, das Gefühl, nur Hochstapler zu sein? Seit ich das weiß, sind mir nicht nur meine Schwierigkeiten mit der Schriftstellerrolle, sondern auch mein Gefühl der Hochstapelei verdächtig geworden. Wie kann ich etwas für mich beanspruchen, was bis dahin nur den Größten vorbehalten war? Aber auch hier ist der Umkehrschluß ja nicht automatisch richtig: nur weil man sich als Hochstapler fühlt, braucht man nun wirklich noch kein Dichter zu sein. Wie aber kommen diese ständige Unsicherheit, dieses Unwohlsein zustande, sobald es darum geht, Schriftstellerin zu spielen oder zu sein? Was steckt dahinter? Ist es falsche oder echte Bescheidenheit? Nehme ich mich zu ernst oder nicht ernst genug? Vielleicht ist es so: schreibend und manchmal lesend gerate ich in einen anderen, einen höheren Zustand, Klang und Sinn verschmelzen zu etwas anderem, drittem, was mich, so lange ich lese oder schreibe und darüber hinaus, erfüllt und trägt. Auch wenn ich es wollte, könnte ich diesen Zustand nicht zu einem ständigen machen. Er trägt die Merkmale der Andacht, der Geisterbeschwörung oder des Gebets. Sobald ich aus ihm wieder entlassen bin, wird er mir fremd und geheimnisvoll; wenn ich versuche, ihn mir zu vergegenwärtigen, sehe ich mich manchmal wie eine Hexe in ihrem Kessel rühren. Die Tätigkeit des Schreibens und ihre Erzeugnisse nehme ich ernst wie kaum etwas anderes; mich selbst, nur so lange, wie ich mich in dem oben beschriebenen Zustand befinde, und auch dann vielleicht nicht so sehr mich selbst als die Wirklichkeit, deren Filter ich bin. In Schreiben steckt Schrei. Durch meinen Mund schreit die Welt.



ANNE WEBER
Vorgeschlagen von Ursula März
geboren 1964 in Offenbach, lebt in Straßburg und Paris. Studium der französischen Sprache und Literatur (Lettres Modernes) an der Sorbonne. Von 1989-1996 Tätigkeit im Lektorat verschiedener französischer Verlage.

Übersetzungen deutscher Texte (u.a. H. Mayer, J. Burckhardt, E. Frey, S. Lewitscharoff, B. Vanderbeke und W. Genazino) ins Französische. 2004 erste Übersetzung ins Deutsche. Erste eigene Publikationen ab 1998 zunächst in französischer Sprache (Éditions du Seuil), dann in eigener Übertragung.

Veröffentlichungen (Auswahl) Das Sexualsubjekt. In: Bitte streicheln Sie hier. Eichborn 2000. Im Anfang war. Suhrkamp 2000. Erste Person. Suhrkamp 2002. Besuch bei Zerberus. Suhrkamp 2004. Übersetzung aus dem Französischen: Pierre Michon. Leben der kleinen Toten. Suhrkamp 2004.

Auszeichnungen Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin
2001. Stipendium des Deutschen Literaturfonds
2002. Heimito-von-Doderer-Preis 2003.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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