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Dienstag, 14. Juni 2005

Traum, träum, Traumata

 

1
(gegen Tränen ankämpfend) Als Kind wurde ich hysterisch, ich wurde panisch, wenn unsere Waschmaschine geschleudert hat. So ein umgebauter russischer Panzer war das, drei mal drei Meter, schwarzer Stahl, Baujahr ’46 – Iwans Rache für die ganze Scheiße. Für ein vierjähriges Mädchen, ich hatte noch so blonde Zöpfchen, da gibt’s ganz schöne Fotos … für ein Kind ist das … der Putz bröckelt von der Decke, die Wände zittern, ich zittere und schreie und weine, aber niemand hört meine Rufe, nie hat man mich gehört. Das Monster hat alles Menschliche einfach verschlungen. Es wusch Hemden und Hosen, aber mir kam es auch vor, als könnte es auch Stimmen stumm waschen. Meine jedenfalls versagte schnell, genau wie meine Beine. Ich fiel hin, verkroch mich unter den Tisch und fing in der Handkuhle das Blut auf, das mir aus der Nase tropfte. Blieb liegen, bis man mich zufällig fand oder bis die Bestie nach zwei Stunden aufhörte und ich wieder aufstehen konnte.

Bücher fielen aus dem Regal, Hemingway landete neben Marx und fing sofort Feuer, Glühbirnen brannten durch, alle elektrischen Geräte gingen nacheinander aus – im ganzen Viertel! Nur das blöde Radio spielte weiter oder schaltete sich von selbst ein. Die rote Nadel wanderte von links nach rechts, suchte den Sender – wie von Geisterhand aufgezogen: immer den gleichen Sender, und im nächsten Augenblick schmetterten russische Lieder in voller Lautstärke aus den Boxen. Vier blinkende Nullen in diesem Display und russische Balalaika und russischer Bass zum Rhythmus der Waschtrommel, eine Katastrophe! Wenn es ganz heftig wurde, fiel auf der Kreuzung vor dem Haus die Ampelschaltung aus, nicht mal das Gelb blinkte noch. Um mich summten russischelektrische Insekten, stachen mich in die Muskeln und in die Ohrmuschel. Die Tapete schälte sich entlang eines Risses in der Wand…

Heute noch… heute noch wasche ich nur widerwillig, wie oft habe ich mir neue Unterwäsche gekauft, wenn ich keine saubere mehr hatte…? Manchmal rauche ich eine ganze Schachtel, bevor ich den Waschsalon betrete – Waschsalons sind meine Zahnärzte, aber eine Waschmaschine kommt mir nicht ins Haus. Ich muss fremde Menschen bitten, meine schmutzigen Socken in die Trommel zu stopfen, alleine krieg ich das nicht hin, no way! Das ist mir schon immer sehr peinlich. Wenn ich es selbst tue, kann es sein, dass ich zusammenbreche, das ist mir noch peinlicher. Und mein Psychiater sagt dann: „Aha, jaja, ich sehe, Sie haben wieder eine Waschtrommel berührt, erzählen Sie doch einfach – wie viel Liter fasste sie?“

Das russische Monster ist heute bei meinen Großeltern. Zu meiner Therapie gehört, sonntags bei ihnen anzurufen, denn’ Sonntag ist Wäschetag. Meistens geht niemand ran. Die beiden sind zu Hause, weil sie immer zu Hause sind, aber sie können das Klingeln nicht hören, wie auch? Nichts hörst du bei dem Lärm, null, und ich lege wieder auf. Wenn sich doch mal jemand meldet, verstehe ich kein Wort. Der Krach ist Ohren betäubend, der Krach ist unbarmherzig, der Krach greift mir durch den Hörer direkt in den Magen und dreht ihn um! Das Ungeheuer stört sogar die Verbindung – es knackt und rauscht und fiept, ich verstehe meine eigenen Worte nicht! Am Telefon hört sich das Ganze wie eine Explosion an, aber nicht wie so ein Einmalkrach, sondern wie eine Endlosschleife der endgültigen Katastrophe: Detonation auf repeat. Im Hintergrund sind Sirenen zu hören, Polizei, Krankenwagen, und ich weiß schon: die fahren auf die Kreuzung.

„Gleich“, brüllt dann Opa in die Muschel, „gleich müssense wieder jemanden raus schneiden“, schreit er, „ich geh jetzt raus, gucken, aber sag noch geschwind, meine Kleine, wann kommst du uns mal wieder besuchen?“

2
(geschrien) Ich stecke in einem Regionalexpress zwischen Finsterwalde und Doberschütz fest. Ich fahre seit Tagen hin und her zwischen Finsterwalde und Doberschütz, nur hin und nur her.
Der Zug hält in Doberlug-Kirchhain.
Der Zug hält in Falkenberg.
Der Zug hält in Beilrode.
Der Zug hält in Torgau.
Der Zug hält in Mockrehna.
Dann hält der Zug in Doberschütz, aber auf keinem der Bahnhöfe gelingt es mir, auszusteigen, ich kann es einfach nicht! Und das schlimmste ist: wir haben fünfundzwanzig Minuten Verspätung wegen einer defekten Oberleitung. Immer ist es eine defekte Oberleitung. Kein Stromausfall, kein Bombenanschlag, kein Erdrutsch, keine Intervention des BGS. Nicht der todtraurige, der so genannte depressive Selbstmörder, lebensmüde und dann Schienenschmatz! Nein! Es ist die defekte Oberleitung, die defekte Oberleitung, die defekte Oberleitung. Es ist immer die defekte Oberleitung zwischen Beilrode und Torgau. Wenn die doch bitte einmal nur kaputt wäre! KAPUTT! Nicht mehr defekt, sondern einfach kaputt! Nicht alles fiele mir dann leichter, meine Ohnmacht auszusteigen z.B. wäre genau so absolut wie vorher und die Klos wären immer noch alle besetzt, aber ich würde mein Putenbrustbrötchen mit Gürkchen essen und den Horror vielleicht leichter ertragen. Gleich passieren wir zum achtundvierzigsten Mal die Stelle mit der defekten Oberleitung. Gleich stehen wieder braungebrannte Männer in Orange an den Schienen und verfolgen den dahin kriechenden Zug mit ihren kleinen, blöden Warnwestenaugen. Sie stützen sich auf ihre Spaten, sie rauchen, sie scherzen unübersehbar unhörbar über mein ängstliches Gesicht in immer gleichem Fenster, sie zeigen auf mich, sie winken mir mit ihren großen, schmutzigen Männerhänden zu, sie AMÜSIEREN SICH, so dass ich vor Wut gegen die Scheibe hämmere, ich tue das jedes Mal, jedes Mal haue ich gegen die staubgraue Scheibe und packe dann meinen fetten Platznachbar am Kragen – seit Tagen ein fetter, schwitzender Platznachbar, der nicht mehr so gut riecht und einen Käsek chen nach dem anderen verdrückt – ich packe ihn am Kragen und schreie in seine Käsekuchenlippen: ’Warum, warum haben die SPATEN?! Warum haben die SPATEN und HACKEN, wenn doch eine OBERLEITUNG am Arsch ist?! Warum haben die SPATEN UND BRAUNE GESICHTER und warum haben die IMMER Zigarettenpause, wenn wir vorbeifahren?! Warum reparieren sie mit ihren SPATEN und ihren HACKEN die Oberleitung nicht?! Was GRABEN die denn?! Was HACKEN die denn aus?! Und warum steigst DU nicht aus, wenn ich es schon nicht kann?!’ Und er sieht mich von der Seite an und sagt freundlich, immer muss er das FREUNDLICH sagen, das kotzt mich so an!, immer muss der HÖFLICH sein!

‚Ich heiße Hansjörg von Pandabär. Ich bin Obrist und auf dem Weg zu meinem Gutshof in der Pfalz. Ist das ein Zug in die Pfalz? Sollten wir jemals in der Pfalz ankommen, lade ich Sie herzlich ein: seien Sie Gast meiner Familie! Denn Sie müssen wissen, meine Tochter Adelgunde feiert ihren 18. Geburtstag! Ja! Kommen Sie doch einfach mit in die schöne Pfalz! Möchten Sie von meinem Käsekuchen naschen?’

3
(ruhig) Ich stehe auf, ich gehe ins Bad, ich schaue in den Spiegel:
Meine Kraterfresse, meine Furchenfresse, meine Stirnkerben, meine Schläfenstickerei, meine Eiterbunker, mein Gesicht ist mein persönliches Krisengebiet, my own Minenfeld, hier sind Zeigefinger-links und Zeigefinger- rechts vierhundert Mal auf Entpressungstour gewesen, hier wurden literweise Aknesalben in sanften kreisenden Bewegungen drüber gewalkt, manche so stark, dass die Haut erst rote Flecken bekam, dann porös wurde, sich schälte, Pellwurst, Schlangenhaut, Abziehbild meiner selbst.

Vielleicht tausend Mal rausgequetscht die Hautsoße, am Nagel den Käse gerochen, hier sind Jahre drübergerutscht, geblieben aber ist:
Meine Kraterfresse.
Meine Furchenfresse.
Mein Acker.
Mein Pizzagesicht.
Mein Schorfschlamm. Und dabei habe ich noch nicht einmal mein Hemd ausgezogen: Schultermondlandschaft, Rückenfugen, Grind, Gurkenkruste, Knötchenhack! Ich lerne eine Marie oder Maria kennen, ich trau mich nicht, nachzufragen und vernuschle die Silben, sie ist betrunken und hat Interesse an mir, lacht. Gedimmtes Licht in dieser Kneipe, gut, wir gehen hinaus, ich meide die Laternen, Pickel von der Dunkelheit und dem Abdeckstift verhängt. Sie sagt, sie hat ihre Linsen raus genommen, weil der Rauch schmerzt; alles klar. Wenn wir küssen, lasse ich mir nur die Hände streicheln, dort berührt, gehe ich nicht ein vor Scham.

4
(eine tickende Uhr) Ich habe massive Ängste vor der Klassik meiner Angst vor Menschen. Mein Trauma ist die Minderwertigkeit meines Traumas. Ich bin also nicht in der Angst vor Menschen gefangen, sondern im klaren, schmerzvollen Bewusstsein, dass ich Angst vor Menschen habe. Die Sozialphobie ist der Kleinwagen unter den Phobien, in der gleichen Liga wie psychosomatischer Schnupfen oder Essstörungen oder im gleichen Raum mit Insekten nicht einschlafen können, mein Gott… Es gab eine Zeit, da konnte ich Menschen überhaupt nicht sehen, nicht einmal auf Fotos. Ich konnte Menschen nicht hören, ich konnte sie nicht riechen oder berühren. Mit einer Nachbarin, ich kannte nicht einmal ihr Gesicht, teilte ich ein SZ-Abo. Sie las so bis zehn, dabei schnitt sie für mich die Fotos heraus, auf denen Menschen zu sehen waren, klingelte und schob die zerfledderte Zeitung unter meiner Tür durch. Auf diese Weise erfuhr ich, was in der Welt geschah. Ich wusste nicht wie Gerhard Schröder aussah, aber dass er sich das Haar färbt, ich wusste nicht wie Michael Schuhmacher aussieht, aber das interessierte mich auch nicht, ich wusste nicht wie Till Schweiger aussieht. Okay, okay, ich wusste wie Till Schweiger aussah. Aber das ist nicht der Punkt, das ist nicht DIE Angst! Ich will so gerne eine ungewöhnlichere haben, eine originellere! Eine … eine Angst vor ECKEN! Ja! Eine eckige Angst! In einer Angstecke gefangen sein! Ecktraumata! Eckenmanie! Panischen Schiss vor allem Eckigen! Depressionsecken! Eckschreck! Niemals an der Tischkante sitzen können! Runde Fenster haben! Blechkuchen ade! Sitzen geblieben wegen Geometrie!

Das wäre mal eine kreative Angst! Eine Angst, die es drauf hat und vor der man keine Angst zu haben bräuchte! Aber nein! Ich muss ausgerechnet eine soziale Phobie haben! Mein psychischer Defekt ist ein unvollkommenes Normalo-Gebrechen! Altmodischer, biederer Komplex, ich schäme mich, es tut mir unendlich Leid! Es tut mir so unendlich Leid!

Inzwischen bin ich so weit, mich den Menschen einmal am Tag für zwei Stunden stellen zu können. Ich sehe sie an, höre ihnen zu, bekomme von ihrem Geruch, ihrem Haar. Ihren Nasen meine gewöhnlichen Wahnvorstellungen und meine unspektakulären Panikattacken und Beinaheohnmächte. Viel größer als die Angst vor Menschen ist aber meine Angst, dass mich einer von ihnen fragt, wovor ich wirklich Angst habe. ICH WÜRDE MIR SOFORT IN DIE HOSE MACHEN! VOR SCHAM WÜRDE ICH SCHREIEND WEGLAUFEN, WÄHREND ICH MIR IN DIE HOSE MACHE, WAS SCHWER IST GLEICHZEITIG, ABER ICH WÜRDE ES SCHAFFEN! Du brave, du belanglose, du simple Angst! Bah! Das geht nicht, wie sieht das aus, wie hört sich das an?



Sasa Stanisic´
Vorgeschlagen von Ilma Rakusa

Geboren in Visegrad (Bosnien und Herzegowina), lebt in Leipzig und Heidelberg. Seit 1992 in Deutschland. Philologiestudium in Heidelberg. Assistant Teacher an der Bucknell University (USA). Studiert seit Herbst 2004 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitet an seiner Promotion über Fußball und Literatur.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Zinke.In: 20 unter 30. Junge deutsche Autoren. DVA 2002. Reigen der fünf Schwestern.In: Fluch vergangner Zeiten. FanPro 2002. Heinz Harald Frentzen hat Schnupfen.In: Tempo – das schnellste Buch der Welt.Landpresse 2003. Wie Selim Hadz¡ihalilovic´ zurückgekehrt ist …In: Ein Hund läuft durch die Republik.Schöffling 2004. Zwei Anweisungen für Strukturstabilität, jeweils mit Beispielen, dazu zwei kleinere Erledigungen. In: Tippgemeinschaft 2005. Valvoline 2005. Billard Kasatschok.In: Chiméra/sprachgebunden. Edition Chiméra 2005.

Auszeichnung
Jürgen-Fritzenschafts-Preis 2004.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio