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Auszug aus einem Roman von Martina Hefter
Der Satz, der die Wörter über das Ende der Liebe enthält, und alle winzigen Details und die Details der Details im Ende der Liebe enthält, Raimunds Auge, sein großes, blaues Auge, wie es den Ablauf des Morgens konstatiert. Dann seine Hand, die die Signale gibt, die sich hebt und mir die Stirn zudeckt, und eine andere Hand stützt mir den Kopf an der Schläfe, und wieder eine Hand fährt mir unter die Achsel und unterstützt meine aufrechte Haltung, überall werden an mir Hebungen, Aufrichtungen, Aufmunterungen vorgenommen, und ist es wirklich Raimund, der all das bewerkstelligt? Darüber sagt der Satz vielleicht gar nichts aus.
Raimund sitzt in meinem Haus vor dem Fernseher und atmet. Gleich wird er aufstehen, in die Küche hinübergehen und ein Bier aus dem Kühlschrank holen, und ich sehe schon das bunte Bildchen auf der Kühlschranktür, das Raimund im letzten Jahr im Johannisbacher Naturkostladen als Werbegag geschenkt bekommen und aus Spaß sofort auf Augenhöhe auf die Emaillefront geklebt hat: Die Abbildung eines dicken, aus Knetgummimasse geformten Männchens, das grinsend eine Tomate in den Armen hält, darunter steht: Gemüse macht glücklich. Weißt du noch, Raimund, sage ich in die Hotelhalle, ein paar Tage nach dem Anbringen des Aufklebers haben wir morgens in gespielter Andacht vor dem Kühlschrank gestanden, das Männchen und die Tomate betrachtet, und ich habe gesagt: Die ganze Welt könnte man mit solchen Bildchen bekleben, und du hast geantwortet, das sei längst geschehen; die Welt werde nur noch von Aufklebern zusammengehalten. Und wir sind die Figuren auf den Aufklebern, sagte ich, und du: Oder wir sind sogar die Sätze. Weißt du noch, sage ich in die Hotelhalle, unser Frühstück haben wir damit verbracht, uns die zu diesem Frühstück passenden Aufkleber auszudenken: Frühstücken bringt’s. Frühstücken ist cool. Diese Stühle sind unvergleichlich. Raimund ist unvergleichlich, der Kaffee ist unvergleichlich! Dieses Frühstück gibt Kraft!; Wir haben anschließend davon gesprochen, eine Firma zu gründen, die Aufkleber herstellt, Lebensaufkleber, wie du es genannt hast, die das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod in handliche Formeln fassen sollten, auf Kühlschränke und andere Gerätschaften klebbar, auch auf Handtaschen, Badezimmerspiegel, Autohecks, und ich war überrascht, wie viele Ereignisse es gab, die wir berücksichtigen mußten. Weißt du noch, auf wieviel Aufkleber wir es gebracht haben? Allein von der Geburt bis zum Ende des ersten Lebensjahres eines Menschen auf zwanzig Aufkleber, zwanzig Stück für zwölf Monate. Du bist an diesem Morgen zu spät zur Arbeit gekommen, weil uns die Ideen nicht ausgegangen und uns immer neue Bildchen und Sprüche eingefallen sind. Erinnerst du dich, wir blieben bis kurz nach neun in der Küche sitzen, deren Geräte und Möbel uns, hast du gesagt, zahlreiche noch zu beklebende Flächen böten. Wir hätten noch so viele Möglichkeiten, hast du gesagt, bis an unser Lebensende könnten wir aufkleben, es ist ein ausgelassenes Frühstück gewesen, ein unglaublich beschwingtes Frühstück, ich zumindest habe mir gewünscht, daß es nie enden möge, daß ich immer so mit dir frühstücken könne, ich habe sogar zeitweilig die Idee mit der Firmengründung ernst genommen und für gut befunden. Womöglich wäre es ein Beruf für mich gewesen: Aufkleber herstellen, Aufkleberfabrikant. Ich sage es ein paar Mal vor mich her: Aufkleberfabrikant. Einen Moment lang habe ich das Verlangen, es laut auszurufen oder sogar herauszuschreien. Alle Aufschriften, die ich bisher gelesen habe, sind beschwingt formuliert gewesen. Auch die auf Raimunds und meinen Phantasieaufklebern haben diesen heiteren, eigentlich lebensbejahenden Ton besessen, aber ich hätte heute abend gern lauter Aufkleber mit negativen Aufschriften. Auf meinem Kühlschrank, auch auf allen T-Shirts, die es im Johannisbacher Jeansladen zu kaufen gibt, sollte lieber Abschätziges stehen, Bäh, scheußlich, oder: igittigitt. Vielleicht ist das mein Grundgefühl, der Verdacht, von den affirmativen Aufschriften der Welt schon immer ausgeschlossen gewesen zu sein. Bevor ein freundlicher Aufkleber entworfen wird, ein T-Shirt mit Spaßaufdruck, eine Firmenwerbung, wird vorher erst in einer Liste geblättert, in der mein Name verzeichnet ist. Einmal gefunden, wird er mit einem Lineal säuberlich durchgestrichen, und man schreibt darüber: An sie bitte die Aufschrift nicht richten, oder eher: Bitte Aufschrift so formulieren, daß durchgestrichene Person sich nicht gemeint fühlt. Ich will jetzt Raimunds Stimme hören, es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seit ich mein Haus verlassen habe, eilig an dem nicht aufgelegten Telefonhörer vorbeigegangen bin. Ich nehme den Hörer ab, zum fünften oder sechsten Mal in dieser Nacht hebe ich ihn ab, und wähle, und schon wieder sehe ich einen Aufkleber vor mir, auf dem steht: Wählen. Wenigstens ist es ein neutral formulierter Ausdruck. Angesichts dieses gedanklichen Aufklebers erscheinen mir die Bewegungen, mit denen ich meine eigene Telefonnummer in die Tastatur eingebe, viel bemerkenswerter als sonst. Mit wachsendem Erstaunen registriere ich bei jeder neuen Ziffer, auf die ich tippe, das leichte Schwingen aus dem Handgelenk heraus, es kommt mir vor, als wählte ich zum ersten Mal überhaupt eine Telefonnummer, als hätte ich das Gefühl von nachgebenden Gummitasten unter der Zeigefingerkuppe noch nie zuvor erlebt und müßte es nun mit gesteigertem Empfinden nachholen (Der Aufkleber dazu: hellblau, wolkige Schrift: gesteigertes Empfinden). Ich wünschte, alle meine Handgriffe und Bewegungen könnten immer mit so großem Feingefühl und mit solcher Aufmerksamkeit ausgeführt werden (Aufkleber: zwei Stück, zartgelb bzw. orange, in Kontrastfarben abgehobene Schrift, von Herzchen und Sternchen umflogen: großes Feingefühl, und: solche Aufmerksamkeit). Man müßte sich nur bei allem, was man tut, vorher eine Aufschrift dazu vorstellen. Ich erkenne jetzt den Gleichmut, mit dem allerorten telefoniert wird, mit dem die Telefone behandelt werden, man beschenkt sie ja immer nur sekundenkurz mit einem Blick, springt höchstens auf, wenn man einen dringenden Anruf erwartet, und nur die Überängstlichen und die vergeblich Verliebten halten es länger vor den Apparaten aus, stehen davor, gehen vor ihnen auf und ab, starren sie an. Plötzlich befürchte ich, meine bisherige Gleichgültigkeit dem in meinem Haus nicht aufliegenden Telefonhörer gegenüber ist in Raimunds und meinem Zusammensein gar nichts Besonderes gewesen. Ich versuche mich zu erinnern, ob so ein Vorfall schon öfter vorgekommen ist: daß ich Raimund erreichen wollte, und es war für längere Zeit das andere Ende der Leitung besetzt. Ich glaube, ich habe gewartet, bis der Anschluß wieder frei gewesen ist und in der Zwischenzeit etwas anderes getan, die Blumen gegossen, oder Tee gekocht. Ich habe nicht geflucht oder mit der flachen Hand auf den Apparat geschlagen. Ich habe mich in Gleichmut geübt, obwohl der Anschluß besetzt, obwohl Raimund für unbestimmte Zeit unerreichbar gewesen ist. Probieren wir es später, habe ich zu mir selbst gesagt, oder: dann eben ein anderes Mal. Und auch Raimund, im Telefonieren mit jemand anderem als mir, hat er jemals ungeduldig mit dem Spiralkabel gespielt, weil er befürchtete, ich könnte zur Sekunde bei ihm anzurufen versuchen? Hat er jemals einen anderen Anrufer knapp gehalten, ist unfreundlich gewesen, nur um die Leitung für mich schnell wieder frei zu bekommen? Hat er sich vergewissert, ob der Hörer auch tatsächlich auf der Gabel liegt, daß alles seine Richtigkeit hat? Im Nichtauflegen, oder im nicht sofortigen oder schlampigen Auflegen des Telefonhörers nach jedem Gespräch liegt eine große Weltuntertreibung (ich bin stolz auf dieses Wort; Aufkleber: sachliche Schrift, zurückgenommenes Mittelblau: Weltuntertreibung), die Weltuntertreibung ist wie die Kaltschnäuzigkeit und Derbheit, die zum Beispiel Heike an den Tag legen kann, etwas, das mit dem Ablauf der Stunden zu tun hat. Mit der Weltunterteibung geht man nicht mehr ganz so angstvoll seinem Ende entgegen, und natürlich ist auch dieser Gedanke sofort von einem Sticker begleitet, ein in Grautönen gehaltener Aufkleber von nicht allzu aufdringlicher Form, auf dem in dezent gehaltenem Design das Wort mit dem geringsten Gleichmutsund Weltuntertreibungspotential steht: Ende. Noch immer dringt das Besetztzeichen aus dem Hörer, und ich stelle mir Raimund drüben in meinem Haus vor, ahnungslos, gleichmütig sitzt er in der Stube auf dem Sofa, ißt Kartoffelchips direkt aus der Tüte, überhört das leise Tuten des nicht ordnungsgemäß aufliegenden Hörers, übersieht die Ungreifbarkeit des Hörers, übersieht, daß sich der Telefonhörer allem entzieht, und als ich meinen Hörer, den des Hoteltelefons auflege, glaube ich zu erkennen, daß es in Raimunds Greifen in die Chipstüte eine Verzögerung gegeben hat, nur ganz leicht, es ist nur die Andeutung eines Innehaltens gewesen, ein Ausatmen, bevor es weitergeht.
Paul hat noch einmal angerufen, er wolle morgen unbedingt pünktlich kommen, hat er gesagt, dann könnten wir gemeinsam im Hotel frühstücken, und ich könnte Eva kennenlernen. Wenn Paul mehrmals anruft und etwas beteuert, in diesem Fall seine pünktliche Ankunft, bedeutet es meistens, daß er ein schlechtes Gewissen hat. Wieso hast du ein schlechtes Gewissen, habe ich in die Leitung nach Landeck hineingefragt. Ach, Marlen, hat Paul gesagt. Dann nichts mehr.
Unsere Episoden werden in uns vollständig auf- und in unser wirkliches Leben übergehen, sich in unsere Atemfunktionen einschalten. Vergangene Begebenheiten strömen in den Blutkreislauf, mischen sich in das Material der Augäpfel; und nicht nur die Zaudernden und Zögernden wie der Eiskäufer im Kaufmarkt, nicht nur die diskreten Touristen, sondern auch die Wiesenbewohner, die Insekten und seltenen Pflanzen werden aus den Beobachtungen herausgenommen werden, weil sie ja bereits im Körper sind, Sedimente: Sie werden das Gegenteil eines Augenscheins, nämlich eine Selbstverständlichkeit, eingegliedert in unser Körperfett, in die täglichen und allertäglichsten Verrichtungen eingebundene Schichten, so werden wir groß, so wachsen wir.
Plötzlich wieder ziemlich viele Erinnerungen für eine Nacht. Aber solange man sich erinnert, ist man noch am Leben. Das Wenigerwerden der Erinnerung ist, wie das Schwinden der Beobachtungen und wie die zunehmende Unsicherheit darüber, was den Verwandten an Weihnachten und zu Geburtstagen zu schenken ist, ein dem Sterben sehr langsam vorausgehender Prozeß. Ich erinnere mich aber doch recht gut, an vieles, Gottseidank.
Paul und ich, wir spielen in den Wiesen, wir zupfen Grashüpfer von den Halmen und setzen sie in Streichholzschachteln; später verkaufen wir sie in den Fluren des Hotels, vor den Türen der Zimmer, heimlich an die Touristen, eine Mark das Stück. Sehen Sie sich das an, sagen wir, und ziehen die Schachteln für die Gäste ein Stück auf, aber wenn die Käufer hineinspähen, sind die Grashüpfer meistens schon tot. Sie liegen auf der Seite und sehen eingetrocknet und schrumpelig aus. Die Urlauber bezahlen trotzdem. Sie lächeln und sagen: Das ist aber ein Prachtexemplar, ganz wunderbar, und gehen mit der Streichholzschachtel auf ihre Zimmer. Einmal sehe ich vom Hotelgarten aus einen Gast am Fenster seines Zimmers die Streichholzschachtel verschämt auf das Außensims stellen, wo sie während seines gesamten Urlaubs und lange darüber hinaus, bis in den Herbst, stehenbleibt. Wahrscheinlich denkt der Gast, das Problem (wohin mit dem Tod?) löse sich von selbst. Ich stelle mir kleine Hinweise im Johannisbacher Ferienprospekt vor, eingerahmt unter den Abbildungen glücklicher Menschen beim Bergwandern oder Skifahren, die auffordern: Denken Sie doch einfach nicht an den Tod, solange sie in Johannisbach sind! Und, vielleicht in Klammern gesetzt: (Denken Sie doch überhaupt nicht ans Sterben!) Ans Sterben denken bedeutet, sich den Urlaub zu vermasseln. Ich bin davon überzeugt, daß man hier öffentlich nicht davon ausgeht, überhaupt jemals würde irgendeine Kreatur sterben müssen. Johannisbach ist ein lebensbejahender Ort; der lebensbejahendste Ort, den ich kenne, weitaus lebensbejahender als jener Urlaubsort in Italien, in dem unsere Familie die Pfingstferien verbracht hat und wo sich immerhin der Friedhof mitten im Zentrum befand, ein schattiges Plätzchen unter Akazien. Unser Friedhof aber liegt am Ortsrand, gut fünfzehn Minuten Fußweg von der Haupteinkaufsstraße entfernt, auf einem Hügel, von Thujen umgeben, und die Gräber sind streng geometrisch nach Süden ausgerichtet, damit, wie mein Vater mir einmal erklärt hat, die Toten die Berge besser sehen könnten (durch die Wurzeln der Thujahecken hindurch). Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß sich morgen früh die Welt weiterdrehen wird, daß wir, also Paul, seine Freundin, Mutter und ich, gemeinsam frühstücken. Daß wir Sätze fallenlassen, während Raimund in sein Auto steigen und davon fahren wird. Ich könnte auf die Grashüpfer zu sprechen kommen (falls ich überhaupt zum Sprechen komme), ich könnte eine Unterhaltung über die Höhe der Halme anzetteln, an denen sie sich festgeklammert hatten, über die Schönheit ihrer Flügel referieren, über ihr gespanntes Verharren in der Schachtel. Das Frühstück könnte weit mehr als ein Frühstück werden, nämlich eine Erinnerungsfeier, eine Wiesen- und Felderkonferenz, eine Versammlung der Grashüpfer-Gesellschaft. Weshalb die Grashüpfer in ihren Streichholzbehältnissen jedesmal gestorben sind, wird dabei im unklaren bleiben. Der Grashüpfertod wird absolut kein Thema sein, denn in Johannisbach ist man empfindlich, dünnhäutig, wir sind ganz und gar Mimosen, wenn es um die Frage nach dem Weiterleben geht.
MARTINA HEFTER Vorgeschlagen von Ursula März
geboren 1965 in Pfronten, lebt in Leipzig. Ausgebildete Tanzpädagogin. Arbeitete als Tänzerin und Lehrerin für zeitgenössischen Tanz. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Gedichtveröffentlichungen im Jahrbuch der Lyrik 2004.
Veröffentlichungen Das Wintergrillen.In: Edit, 24/2000. Junge Hunde.Alexander Fest 2001. So etwas passiert eben.In: Das Magazin, 10/2001). Glück, usw.In: Edit, 30/2002. Zurück auf Los. Wallstein 2005.
Auszeichnungen Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2003. Stipendium des Deutschen Literaturfonds e.V. 2003/2004. Leipziger Literaturstipendium 2003/2004. Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen 2005. Hermann-Lenz-Stipendium 2005. |