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Mittwoch, 15. Juni 2005

Drei Gedichte

 

der spartakusaufstand

in die weser musst du
gehen mit deinem dicken bauch
nun geh schon geh
da treiben einige leichen
nordwärts im sog
richtung wangeroog
und wenn du im schatten der kaiserbrücke bist schau
nach oben dann siehst du gerade noch
das hinterteil der straßenbahn
in der ein bürgerlicher herr
sitzt hoffnungsfroh mit abgeschossenem
kopf und in dem mundwinkel
brennt die zigarre
gestatten kuhlenkampff mein name
alle hoffnung fährt mit ihm dahin
und posten stehn an jeder straßen
ecke in der alt- und neustadt
kontrollieren patrouillieren
den ausnahmezustand 1918
die großmutter kriegt
wie alle kinder schulfrei heut
sie lässt die langen zöpfe hängen
und läuft laut schubert singend
aus der mädchenschule
wo sie die letzten tage
sprachen über schande und dass ein
mädchen aus den besten kreisen
in die weser gehen muss wo es
dann trudelt treibt während ein
mann in einer straßenbahn
die kaiserbrücke überquert




mit voller wonne

meine mutter lehrt mich
sprechen
denk einfach deine sprache
sei unendlich viele samentütchen
sagt sie denn dein leben ist wie dein garten
und lehrt mich die blumennamen
die akelei
blüht im waldesschatten
sie zeigt mir die kaiserkron
die liebte ich einst
und meinen namen sucht sie
aus ihrem alphabet weil er
der stockrose ähnelt die
nah am haus steht und
dem schmetterlingsflieder
budlaia
und den sonnenblumen
die zu feldern
gebündelt oft porträtiert im haus hängen
auch auf so seltsame blüten wie
den sonnentau kommt sie zu sprechen
jedes kind nicht nur du
die du aus dem moor kommst
ist so einzigartig wie der
ein rares gewächs ist er
treibt aus auf rauem grund
meine mutter ist sprechlehrerin
im reich der beete und blumen
und sie singt voller wonne
die rose die lilie die taube
die sonne


karyatide

und kopflos also ohne
den deckel der jedem topf zugehört
nur ihr nicht
stützend trägt sie
die arme erhaben
das haus aus
familie arbeit und wahn
dafür lohnt es sich ins
fitnessstudio zu gehen
etwas dazuzuverdienen
als allein erziehende tut sie das
alles weil alle es tun
gegen abend wenn ein goldenes
ostlicht sich im haus gegenüber fängt und
von dort gespiegelt wird auf ihre wohnung
steht sie am fensterkreuz
mit nacktem blick und sie hebt
die arme ganz langsam
ihr ist als könne sie sich so entspannt fühlen
da wirft ihr körper einen schatten und weil
sie philologisch gebildet ist sagt sie
griechisch ist der und an die zweitausend jahr




SABINE SCHIFFNER
Vorgeschlagen von Martin Ebel


geboren 1965 in Bremen, lebt in Köln. Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik und Psychologie in Köln. Regieassistentin am Schauspielhaus in Köln, später Schnittregisseurin beim Fernsehen und Lektorin im Sachbuchbereich.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften (Edit, Sinn und Form, Manuskripte, ndl, FAZ)und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik 2005, Lyrik von Jetzt).Das Romandebüt Kindbettfieber erscheint im Herbst im S. Fischer Verlag.

Auszeichnungen
Bremer Literaturstipendium 2002. Aufenthaltsstipendium des Kulturfonds im Künstlerhaus Ahrenshoop 2002. Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz 2004. Fellowshipstipendium auf der Raketenstation Hombroich 2004. Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 2004.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

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    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

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    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio