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Mittwoch, 15. Juni 2005

Narziß’ Gründe

 

Narziß war sich ja egal. Sein eigenes Gesicht kam ihm sogar obszön vor. Aber es war nun mal so: keine andre Möglichkeit, als in ihm, nein: durch es hindurch seinen geliebten Zwilling zu erkennen, den die Götter aus Rache beim Schwimmtraining hatten ertrinken lassen. In der sinnlosen Zeit, die auf das Unglück gefolgt war, hatte Narziß anfangs jedes Wasser verflucht; sah er nur einen einzigen Tropfen, spuckte oder pinkelte er hinein, was als Trost über den Tod der Schwester aber nicht half. Er verkam. Erst nach Jahren, als er, wankend und lallend im Rausch, beim üblichen Anbrüllen eines großen Gewässers einmal vornüber auf die Knie fiel und sich nicht sofort aufrappeln konnte, erkannte er auf dem nächtlichen Wasser plötzlich sein gespiegeltes Gesicht, das in der Dunkelheit und der vom Schmerz und Alkohol verwirrten Sicht für ihn sofort das Gesicht des ertrunknen Zwillings war. Der Schmerz verging so nicht, wurde aber ein betäubter. Narziß gewöhnte sich an diese Droge, schaute Woche für Woche, Jahr für Jahr, schleppte sich kaum noch weg von den verschiedenen Ufern, an denen er drauf hoffte, daß die ihn zernagende Trauer durch das Bild ein wenig verflog. Ungeduldig, wieder nein: beinahe flüchtig sah er dann auf sein eignes Wasserspiegelbild, suchte statt dessen konzentriert nach dem Dahinter. Die Schwierigkeit war, sich anzuschaun und gleichzeitig abzusehn von sich, das eigene Gesicht nur als Kopie zu begreifen, hinter der sich in vollkommener Übereinstimmung das Zwillingsgesicht verbarg. Die schwindelnde Übelkeit bei diesem Gedanken vertrieb Narziß mit leichter Nackengymnastik, schaute aber weiter dabei.

Bei trübem windigen Wetter, wenn im Wasser nichts zu sehen war, wurde er jähzornig vor Kummer über das ausbleibende Gespräch mit der Schwester, das ja immer schon begann, sah er nur ihre geschwungene Rabennase und die dichten Brauen unter sich… Aus Entsetzen, der Übriggebliebene zu sein, wollte er oft ins Wasser schlagen, schreckte aber jedes Mal noch rechtzeitig davor zurück. In den besten Jahren vergaß er sich wirklich bei ihrem Anblick. Später wurde eine panische Anstrengung daraus, daß die Wirkung der einzigen Droge gegen den Schmerz auch dieselbe blieb. Die Dosis erhöhen hieß: genauer schaun. Durchdringender! Aber wieder nicht so, daß er nur sein eigenes Gesicht wahrnahm! Immer häufiger wischte er übers Wasser wie nach Insekten, um die Deutlichkeit seines eignen Kopfes zu vertreiben, seinen Blick auf ein Durchsehn zu trimmen. Manchmal schlief er von dieser Tortur kurz ein, die Trauer wurde, genauso kurz, geringer. Irgendwann starb er. Als man ihn fand am Ufer des Sees, wo er sich mit seinen vom Sitzen inzwischen schwächlichen Beinen eingerichtet hatte, saß er noch immer wie angestrengt blickend übers Wasser gebeugt. Starr, eine senkrechte Falte in der Stirn vom genauen Schauen durch sich selbst, hockte Narziß’ schon toter Körper noch in der Position, in der er als lebendiger Jahr für Jahr gehockt hatte, und sein Gesicht, das im Sterben beim Zwiegespräch stehen geblieben war, blickte seinem ebenso aufmerksamen, aber doch toten Spiegelgesicht aus der Tiefe entgegen. Man wollte ihm, als man ihn so fand, die Lider zudrücken, was keinem gelang. Wie kalte gemeißelte Marmorwülste blieben sie offen und blickten weiter vor sich hin.

Dann erst begann, was einige Bewegung nannten: Tausende, aus denen in wenigen Jahren Millionen wurden, blickten verzückt in die unterschiedlichsten Weltgewässer, meistens zur Saison, in der trügerischen Annahme, die Gründe von Narziß zu wiederholen.



JULIA SCHOCH
Vorgeschlagen von Iris Radisch
1974 in Bad Saarow (DDR) geboren, lebt in Potsdam. Studium der Germanistik und Romanistik in Potsdam, Paris und Bukarest. Derzeit freie Autorin und Übersetzerin. Beiträge für Anthologien und Literaturzeitschriften, u.a. für Beste deutsche Erzähler 2002.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Der Körper des Salamanders. Piper 2001. Verabredungen mit Mattok. Piper 2004. 2005 erschien der von ihr übersetzte Roman Der vierzehnte Stein von Fred Vargas im Aufbau-Verlag.

Auszeichnungen
Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg 2002. Droste-Förderpreis der Stadt Meersburg 2003. Hermann-Lenz-Stipendium 2003. Stefan- George-Preis 2004 (für Übersetzungen aus dem Französischen).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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