volltext.net

Mittwoch, 15. Juni 2005

Am Schwanenfjord, oder: vom Beschriften und Beschreiben von Landschaften

 

Die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, in die Zukunft dieses Planeten zu schauen, zeichnet uns das Bild einer trostlos und unaufhaltsam ausufernden Menschheit. In einem erschreckend kurzen Zeitraum wird die Weltbevölkerung sich mehrfach verdoppelt haben, und es fällt schwer, sich dann noch Gegenden vorzustellen, ausgenommen vielleicht die Hochgebirge, die Sand- und Eiswüsten, die nicht ganz und gar von menschlicher Präsenz gezeichnet wären. Wo keine Megastädte in den Himmel steigen, da werden sich endlose Agrarsteppen erstrecken, um wenigstens notdürftig die Milliardenmenschheit zu ernähren. Besondere Plätze, heilige Orte, Stätten der Erinnerung wird es dann nicht mehr geben, und vielleicht wird damit auch das Zeitalter des Erzählens zu Ende gegangen sein. Rund um die Uhr beobachtet von Millionen von Webcams, scheint die Welt sich heute schon zu einem einzigen einförmig grauverschleierten Platz zu entwickeln.

Es gibt aber doch noch Orte, an denen einem solche Nachrichten von der Zukunft, so unabweisbar und auf exakten wissenschaftlichen Berechnungen fußend sie auch immer sein mögen, doch ganz unwahrscheinlich vorkommen. Es sind dies die Gegenden, in denen der Mensch noch kaum vorhanden ist, wo sich allenfalls eine schlecht befestigte, selten befahrene Straße durch eine abweisende oder für den menschlichen Sinn allzu großräumige Landschaft zieht. Noch mehr aber sind es die Gegenden, aus denen der Mensch, das siedelnde, ackernde, wirtschaftende, unausgesetzt umgestaltende Untier sich wieder zurückgezogen hat, und wo man vielleicht gerade noch sehen kann, wie die letzten Spuren menschlicher Vergangenheit langsam vergehen. Und es ist womöglich kein Zufall, dass gerade solche Orte, die die Natur sich im stillen Triumph zurückerobert hat, oft eine besondere Schönheit entfalten. Man stößt auf solche Gebiete vorzugsweise an den Rändern der Ökumene, im hohen Norden, im tiefen Osten, oder einfach am Stadtrand, wo sich eine aufgelassene Kiesgrube in eine verwirrend vielfältige Auenlandschaft verwandelt hat. Auch in Island finden sich solche dem Menschen abhanden gekommene Plätze, in den Landstrichen, wo manche ohnehin schon dünn besiedelte Gegenden einen Großteil ihrer Menschen an die Hauptstadt verloren haben. Gleich einem Palimpsest schimmert dort die ehemalige Bewohntheit durch diese Landschaften noch hindurch, die ihre Wildnis recht eigentlich aus dem Umstand beziehen, dass sie die Menschenordnung und die darin eingelassenen Dinge von sich abgestreift haben, und nur noch Bruchstücke von ihr zitieren, zum Hohn oder wem auch immer zur Mahnung: in Gestalt verfallener Gehöfte, oft nur mehr schwach angedeuteter Fußwege, oder etwa auch in der Form von Ähren, Ziersträuchern oder von Blumen mit fremdartig geformten Blättern, die sich als Gartenflüchtlinge in einer Natur bewähren müssen, in der ihr Duft nur ins Leere strömt und ihre kunstvoll herangezüchteten Farben in die allgemeine blicklose Gleichgültigkeit eingehen.

Ein Ort auf diesem Planeten, der bei aller Einförmigkeit der landschaftlichen Gestaltung seine ganz und gar unverwechselbare Aura dem nicht mehr Vorhandenen, der ganz und gar abgeschlossenen und doch noch spürbaren Vergangenheit schuldet, ist der Álptafjör r, der Schwanenfjord im Nordosten der isländischen Halbinsel Snæfellsnes. Im Mittelalter lag eine große Zahl von Höfen an den Ufern des Fjords und über seine nähere und weitere Umgebung verstreut, und die alten Quellen berichten von regem Verkehr, freilich auch von blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Menschen, die sich in diesem entlegenen Weltwinkel heimisch gemacht hatten. Heute ist dieses Leben fast völlig erloschen. Nur ganz wenige Gehöfte aus jener Zeit, etwa Úlfarsfell im Westen des Fjords, werden noch bewirtschaftet. Zu ihnen werden die Schafe gehören, die vereinzelt in den steilen Grashängen stehen. Einige der Höfe wurden von Archäologen zu Tage gefördert. Von vielen lässt sich heute nur mehr vage angeben, wo sie sich einmal befunden haben mögen. Liegt schon über weiten Teilen des isländischen Westlandes jene eigentümlich herbe Form der Verlassenheit in der Luft, die man in verdichteter Form in Ruinenstädten oder in den antiken Nekropolen empfindet, so gilt dies ganz besonders für den Schwanenfjord. Man meint auf einmal eine besondere Empfindung für den Raum an sich entwickelt zu haben, ein Organ für die Leere und nicht mehr nur für die Wahrnehmung der Gegenstände darin und deren Entfernungen. Eine rings um den Fjord herumführende Schotterstraße ist fast schon das einzige, was in dieser wie in ein Kristall eingeschlossenen Gras- und Steinwelt abglanzweise an die menschliche Zivilisation erinnert. An heiteren Tagen erscheint der Fjord in einem Blau von einer alle anderen Farben des Spektrums verschlingenden Intensität, wie man sie sonst vielleicht nur an den Tintenflecken der Kindheit erfahren hat. Unwillkürlich muss man beim Hinausschauen auf die nachtfarbene Wasserfläche an die Geschichten von Bergseen denken, die so tief, jedem Sonnenstrahl unerreichbar, in Felsenschlünden vor sich hindämmern sollen, dass sich in ihnen auch am hellen Tage die Sterne des Himmels spiegeln.

Doch ist der Schwanenfjord nicht von senkrechten Felswänden umstellt; an den meisten Stellen sind es zunächst sanft anhebende Wiesenhänge, die sich an die schmalen bräunlichen Schotterstrände anschließen. Allmählich werden sie steiler, Geröllstrecken und vorspringende Felsen unterbrechen die schimmernden Flächen dichten Grases, bis sie an vielen Stellen zur Gänze von unzugänglichen, wenn auch nicht außerordentlich hohem Felsgetürm abgelöst werden. Andernorts, ganz zuinnerst des Fjords, sind es Felder von vollständig vegetationslosem Lavageröll, die sich gegen das Ufer schieben. Und gegen den Ausgang des Fjords zu, am östlichen Strand, liegen Basaltblöcke im Gras verstreut, mit glatt geschliffenen Flächen, stellenweise packeisgleich zusammen geschoben, so dass man im ersten Augenblick glauben möchte, vor den Überresten einer Burg oder einer steinernen Befestigungsanlage zu stehen. Doch hat es solche Bauwerke auf der ganzen Insel niemals gegeben.

Wandert man den Steinstrand entlang oder geht ein wenig weiter oben auf der Schotterstraße, so kann man damit rechnen, den ganzen Tag über kein lebendes Wesen zu Gesicht zu bekommen als ein paar im Luftraum kreisende Seeschwalben und die majestätischen Schwäne, die heute wie vor Tausenden von Jahren weit draußen auf dem Wasser ihre stillen Kreise ziehen. Was man für Schafe gehalten hat, sind manchmal beim Näherkommen doch nur Felsblöcke.

Am Ausgang des Fjords, wo einmal der Hof Eyrr gewesen sein muss, steht, inmitten von Wiesen, eine kleine weiße Holzkirche mit einem roten Dach und einem winzigen würfelförmigen Glockenturm mit einem gleichfalls roten Schrägdach. Das heutige Gebäude ist weniger als hundertfünfzig Jahre alt, doch befand sich an derselben Stelle schon in der katholischen Zeit, also im Mittelalter, eine dem heiligen Martin geweihte Kirche. Man kann von dort über das Wasser auf den flachen, langgestreckten Wiesenstreifen der Halbinsel Thorsnes hinüberschauen, der an sonnigen Tagen leuchtend gelbgrün das dunkle Blau des Meeres vom helleren Blau des Himmels scheidet. Am Nordende der Halbinsel kann man dann, als winzige flimmernde Mosaike, die Häuser des Fischerdorfes Stykkishólmur ausmachen. Eine einzige deutliche Erhebung unterbricht den einförmigen Landstreifen. Es ist dies ein gut siebzig Meter hoher Basaltkegel, den der erste Mensch, der sich vor mehr als elfhundert Jahren in dieser Gegend angesiedelt hat, Helgafell, den Heiligen Berg, genannt hat, und von dem er fest glaubte, dass er eines Tages in ihn hinein sterben würde. Der Tod war dem Leben der Menschen, die hier vor tausend und mehr Jahren gesiedelt haben, auf eine uns grotesk und beklemmend zugleich anmutende Weise beigemischt. Nicht als ein sprödes, unerfahrenes Wissen um die eigene Sterblichkeit, sondern in Gestalt der Toten selbst, die ganz in der Nähe ihr unbeschreibliches Dasein führten und jederzeit sich handgreiflich in die diesseitigen Dinge einmengen konnten. Die Landschaften der Toten und der Lebenden waren durchlässig für einander. –

Nie zuvor ist es mir deutlicher zu Bewusstsein gekommen, worauf es mir beim Schreiben und auch beim Lesen letzten Endes ankommt, als an dem Tag, als ich in dieser entlegenen Fjordlandschaft herumwanderte, um die Schauplätze der Saga kennen zu lernen, die ich damals gerade übersetzte. Sie berichtet, wie Menschen von weither, aus Norwegen und aus Schottland, sich in dieser Abgeschiedenheit einrichten und der Wildnis das Gepräge einer Menschengegend aufdrücken.

Man lernt aus dieser mittelalterlichen chronikartigen Erzählung, wie die Gegend entdeckt, erkundet und ihre einzelnen Punkte mit Namen versehen wurden, wie Wege und Verbindungen entstanden und der unberechenbare Naturraum in eine Lebenswelt verwandelt wurde. Man erfährt, warum die Halbinsel Thorsnes – Thors Landspitze – heißt, warum der Helgafell für einen heiligen Berg gehalten wird, dass er sich zu Zeiten öffnet und man die Toten darin beim Zechen und Feiern sehen kann. Man erfährt, dass ein auffälliger Steinblock auf einer Wiese in der Nähe des Helgafell vor der Bekehrung der Isländer zum Opfern von Menschen gedient haben soll, und dass der Gott Thor einen riesigen Baumstamm in den waldlosen Fjord treiben ließ, damit die Menschen die Pfeiler in ihre Häuser einsetzen konnten, die sie als Abbilder der Weltsäule verehrten.

Die Eyrbyggja saga liefert keine Geschichtsschreibung. Vieles was darin berichtet wird, dürfte einer Wahrheitsprüfung nicht standhalten, wenn man unter Wahrheit die Wirklichkeit versteht, wie eine Kamera sie einfängt oder ein Historiker sie aus Dokumenten herausdestilliert. Das Erzählen sucht sich aus der Vielzahl von verstreuten Ereignissen diejenigen heraus, die sie zur Erleuchtung ihres Gegenstandes benötigt. Schon damals, vor achthundert Jahren, ging das Erzählen so, und so geht es noch immer, auch wenn das Erzählen einer Landschaft heute nur noch gebrochen, über Umwege, und durch schon vielfach Erzähltes hindurch stattfinden kann, im Wieder-Sichtbarmachen der Beschriftungen. Aber auch das Heraustreten aus der Erinnerung gehört dazu, wenn diese nicht nur festgehalten, sondern auch vermehrt und genauer werden soll; so zu tun, als ob man der erste Mensch sei, der je die Augen geöffnet und einen Waldrand, eine Baustelle, eine Kathedrale oder eine Schulklasse unten im U-Bahnhof beschrieben hat.

Sich über die Sachzwänge der Chronologie hinwegzusetzen, in der Beschreibung eines Moments, einer Nachmittagsstimmung, einer Alltagsszenerie sich in eine Landschaft oder in eine Stadt zu versenken, und in tagträumerischer Weise Fäden zu spinnen zwischen der Gegenwart, in die man selber eingelassen ist, und den verschiedensten Vergangenheiten: so habe ich in den letzten Jahren versucht zu schreiben. Das Schreiben erscheint mir als eine Art, sich auf der Welt aufzuhalten. Und wenn es denn wahr sein sollte, dass dieser sich atemlos überbevölkernde Planet, touristisch ganz und gar verfügbar, vernetzt und zu einer Abfolge von Medienereignissen geronnen, ein Platz geworden ist, über den man sich immer genauer informieren kann und von dem es gleichzeitig immer weniger zu erzählen gibt: Dann müssten die Bücher, die mir vorschweben, genau gegen diesen Außenweltverdunklungsprozess anschreiben, müssten, mag dies auch ein letztlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen sein, die Orte der Welt zur Sprache bringen, sie auseinander halten und unterscheidbar machen und sie am Ende vielleicht so durchsichtig machen, wie die Welt der Eyrbyggja saga es für die andere Welt ist.

KLAUS BÖLDL
Vorgeschlagen von Heinrich Detering
geboren 1964 in Passau, lebt in München. Studium der Skandinavistik, Allgemeinen Literaturwissenschaft und Germanistik. Lehrt seit 1998 skandinavische Literatur an der Universität München.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Studie in Kristallbildung.S. Fischer 1997. Südlich von Abisko.S. Fischer 2000. Die fernen Inseln.S. Fischer 2003.

Auszeichnungen
Literaturstipendium der Stadt München 1995. Tukan-Preis der Stadt München 1997. Literaturförderungspreis der Bayerischen Akademie der Künste 2001. Hermann-Hesse-Preis 2003. Brüder-Grimm-Preis 2003.

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio